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Sieben Tage Unfallfilmer Gaffer von Beruf

Blaulicht-Reporter glotzen nicht nur bei Unfällen. Sie halten die Kamera drauf und verdienen Geld damit. Wie gewissenlos sind solche Leute? Julian Amershi hat sieben Tage bei Katastrophenfilmern angeheuert.

Wie die Innereien eines verendeten Tieres quellen Hydraulik-Schläuche und Keilriemen aus dem Inneren des mannshohen Motors. Der Kühlergrill liegt abgetrennt auf der Straße, die Windschutzscheibe ist eingeschlagen. Der Sattelschlepper steht quer über beide Spuren auf der Autobahn. Fünfzig Meter weiter flackert noch ein weiterer Truck im Blaulicht auf, in das die nächtliche A1 getaucht ist.

"Auffahrunfall", sagt Gerrit Schröder und nimmt die schwere Fernsehkamera von der Schulter. Schröder ist ein Veteran des Schreckensbilder-Geschäfts: Flugzeugabstürze, Schießereien, explodierende Chemiefabriken: Hat er alles schon gesehen. Und die Bilder davon an die großen Sender verkauft. Er verdient Geld mit dem Leid anderer Menschen. Ich werde ihn eine Woche lang in diesem Job begleiten.

Wenn ich einen Unfall sehe, sagt mein Kopf: Wegschauen! Aber ich sehe trotzdem hin. Das Grauen fasziniert mich. Und anscheinend bin ich nicht der einzige, der ein schizophrenes Verhältnis zu seiner Gaffermoral hat: Bilder von Autowracks, brennenden Scheunen, umgestürzten Bäumen, entgleisten Zügen und abgedeckten Dächern bringen deutschen TV-Machern eine verlässlich hohe Einschaltquote. "Blaulicht-News" heißen das im Branchenjargon. Es gibt sie auf praktisch allen Sendern, nicht nur bei den üblichen Verdächtigen. Häufig sieht man sie in den "RTL 2 News", ab und zu auch in der "Tagesschau".

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Blaulicht-Reporter: "Zoom mal von dem einen Wrack aufs andere"

Foto: NDR

Dabei würde es ja reichen, wenn der Nachrichtensprecher informiert: Unfall auf A1. Wer braucht die Bilder der zersplitterten Windschutzscheibe? Und ist der Voyeur auf dem Sofa weniger fragwürdig als der Gaffer, der beim Unfall glotzend am Flatterband steht?

Arbeitslose Maurer, die Leichen filmen

Ich will dem Gaffen auf den Grund gehen. Und zwar bei denen, die das Material herstellen, das dann Millionen Zuschauer von der Couch aus verfolgen. Deswegen fahre ich heute bei Schröder mit.

Meine Kollegen beim NDR sind wenig begeistert von meinem Plan, sich eine Woche als hauptberuflicher Gaffer zu verdingen. Blaulicht-Reporter? Sind das nicht alles arbeitslose Maurer, die jetzt Leichen filmen?

"Film mal nur das, was wir wirklich brauchen, damit wir nachher nicht so viel schneiden müssen." Schröder hat Kulturwissenschaften studiert. Er ist Anfang Vierzig, trägt Fielmann-Brille zum Kurzhaarschnitt. Am Unfallort gibt er routiniert Anweisungen: "Zoom mal von dem einen Wrack auf das andere." Ich gucke durch den Sucher, stell das Bild scharf und achte darauf, dass ich beim Zoomen auf den zweiten Lkw das Bild nicht verwackele. Und gleich noch mal zur Sicherheit. Schröder befragt einen Polizisten. Beide Fahrer haben überlebt - ein Glück.

Die zerknautschte Schnauze sieht richtig gut aus

Durch den Sucher der Kamera verliert die Realität ihren Schrecken. Mehr noch: Ich bin in einer ganz anderen Welt. Ich muss ein Motiv suchen, ein Bild einrichten. Wie beim Fotografieren. Und dieses Setting ist voller Motive. Schröder ruft: "Ist gut. Lass abhauen!" - "Okay!" Nur ein Bild will ich noch: Mit dem flackernden Blaulicht im Hintergrund sieht die zerknautschte Lkw-Schnauze richtig gut aus.

Zynisch? Absurd? Und: menschlich? Ich habe genau einen Tag gebraucht, um den Reiz des Schreckensfilmens zu verstehen.

Als "Schwere Lkw-Karambolage auf der A1" landen unsere Bilder auf dem Server von Schröders Firma Nonstop News, Firmensitz ist am Stadtrand von Delmenhorst, in der unteren Etage eines Rotklinkerhauses nahe der Autobahn. Für eine regional gesendete Minute zahlen die Sender rund 300 Euro, bundesweit 500 Euro. Die meisten Kameraleute hier verdienen im Schnitt um 2000 Euro brutto, mit Erfahrung sind 3500 drin. Sie müssen davon als Freiberufler alle Versicherungen selbst zahlen.

Der dritte Tag. Wir warten auf Einsätze in der Drei-Zimmer-Küche-Bad-Zentrale, spielen Playstation und quatschen. Was kommt wohl als nächstes?

Ausnahmezustand ist die Regel

Schröders Handy piept. Ein Informant, meistens Anwohner aus der Region, hat in eine von Schröders WhatsApp-Gruppen geschrieben: "VU auf B72." VU gleich Verkehrsunfall. Hinfahren. Kamera raus. Kühlergrill zerfetzt, nah. Stoßstange auf Straße, halbtotal. Autobahn mit Pkw-Wrack und zwei Löschfahrzeugen, Totale. O-Ton vom Feuerwehreinsatzleiter.

Auf dem Rückweg kommt per WhatsApp noch eine brennende Putenfarm rein, die auf dem Weg liegt. Schwenk vom Feuerwehrmann auf Putenfarm. Flammen, nah. Putenfarm brennt, Totale. Zurückfahren.

Ausnahmezustand reiht sich an Ausnahmezustand. In der Masse werden sie banal. Meine Frage "Wie könnt ihr das alles nur aushalten?" kommt mir zunehmend naiv vor. Es ist einfach ein Job, an den man sich schneller gewöhnt, als einem lieb ist.

Am sechsten Tag: Unfall auf der B72 mit drei Lkw und einem Pkw. Stille auf der Autobahn. Schröder, der alte Hase, schweigt. Er steigt aus dem Wagen. "Es sieht echt scheiße aus", ruft er mir zu. "Jetzt ist der Punkt gekommen, wo Du für Dich selbst gucken musst." Aus dem Fenster sehe ich wie ein schwarzer langer Mercedes anrollt. Der Leichenwagen.

Die Gaffer nerven einfach alle

Der Unfall auf der B72 ist ein Ereignis von öffentlichem Interesse. Alleine schon, weil Menschen wissen wollen, warum sie im Stau standen. Eine Boulevard-Zeitung wird über diesen Unfall einen Tag später titeln: "Audi wird von Lkw zerquetscht", sich am "Horror-Crash auf der B72" ergötzen. Was ist noch Nachricht, was ist schon Geschmacklosigkeit? "Da, wo die Persönlichkeitsrechte der Opfer und Angehörigen beginnen", sagt Schröder. "Schaulust mit Anstand" nennt er das. Er muss bei jedem Unfall neu entscheiden, was er filmt und was nicht. Auch wenn die Redaktion letztlich entscheidet, was von seinem Material gesendet wird - Schröder ist der erste soziale Filter für die Bilder, die Menschen später sehen werden.

Ich steige aus dem Wagen und will wissen, was er filmt. Schröder dreht den zerquetschten Wagen, hält aber Kennzeichen aus dem Bild. Die Leiche befindet sich in einem weißen Sack auf einer Bahre und wird von zwei Männern in den Leichenwagen geschoben. Schröder dreht aus der Distanz mit. Die Sender wollen einen Beleg, dass es einen Toten gab. Niemand wird erkennen können, um wen es sich bei dem Opfer handelt.

Wir stehen auch niemandem im Weg - anders als die Gaffer, die Helfer behindern, Staus verursachen und die Polizei in NRW schon dazu genötigt haben, tragbare Sichtschutzwände anzuschaffen.

"Du wirst das Gaffen nicht aus den Menschen herausbekommen. Die Schaulust ist so tief im Menschen drin wie der Sexualtrieb", sagt Schröder. Ich glaube, dass er Recht hat. Und was wäre eigentlich, wenn man Blaulicht-Reporter verbieten würde? Erfahrungsgemäß bewirken Verbote vor allem eines: einen Schwarzmarkt für die verbotene Ware. Wollen wir noch mehr Amateur-Gaffer, die mit dem Handy Blutlachen filmen und auf YouTube stellen?

Auch wenn ich den Job nicht machen könnte: Mir sind professionelle Blaulicht-Reporter lieber, die die Faszination des Menschen für Zerstörung bedienen- und sich trotzdem um die Würde und Anonymität der Opfer scheren.

Schröder hat übrigens schon mehrfach über Schaulustige berichtet, die durch ihr Glotzen weitere Unfälle verursacht haben. Die Gaffer nerven einfach alle, sogar den Profi.

Der Film "7 Tage Breaking News in Delmenhorst" von Martin Rieck und Julian Amershi läuft am 17. Mai um 15.30 Uhr im NDR-Fernsehen.

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