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Gap Year nach dem Bachelor: Verwende deine Jugend

"Gap Year" nach dem Bachelor Die durchgeplante Auszeit

Alle Vorlesungen besucht, gute Noten erreicht, in Rekordzeit studiert - und nun? "Verwende deine Jugend!", rufen manche Bachelor-Absolventen und entdecken die große Freiheit. Sie gönnen sich eine Auszeit, reisen querweltein, lernen neue Sprachen. Kommt lieber zu uns, locken die ersten Unternehmen.

Als Lücke würde Masiar Nashat, 25, seine Zeit nach dem Bachelor nicht bezeichnen. Lücke, das klingt nach Auszeit ohne Plan, nach Faulenzen oder sinnlosem Rumhängen. Wörtlich übersetzt befindet sich Nashat jedoch im "Lückenjahr": Er hat im vergangenen Sommer seinen Bachelor in Politikwissenschaften geschafft und ist dann ins "Gap Year" gestartet. Das heißt, er nutzt die Zeit nach dem Studium, um noch mal was ganz anderes zu machen. Etwas, das nichts mit Politik-Vorlesungen oder Seminararbeiten zu tun hat und wofür es keine Noten gibt: Nashat ist Lehrer auf Zeit an einer Integrierten Sekundarschule in Berlin.

"Teach First Deutschland" hat ihn hierher vermittelt, eine Organisation, die Hochschulabsolventen an Schulen in sozialen Brennpunkten schickt. Nashat hilft den Lehrern im Englisch-, Ethik- und Sportunterricht, leitet Kleingruppen oder bietet den Schülern Nachmittagskurse an. Selbst unterrichten darf Nashat nicht. Auch das Gehalt ist für einen aufstrebenden Bachelor-Absolventen mit 1750 Euro brutto vergleichsweise gering.

Trotzdem sei "Teach First"  für ihn genau richtig, sagt Nashat: "Ich bin dankbar für die Bildung, aber ich weiß auch, dass solche Startbedingungen nicht selbstverständlich sind." Deshalb wolle er sich dafür einsetzen, dass mehr Kinder und Jugendliche die Chance auf einen guten Schulabschluss haben.

Wie bei "Teach First" üblich, hat sich Nashat für zwei Jahre als Lehrkraft verpflichtet. Für ein Gap Year nicht ungewöhnlich, denn es ist nicht zwingend auf ein Jahr begrenzt. Bei einigen dauert es wenige Monate, andere verbringen mehrere Jahre damit, Neues auszuprobieren.

Geht's vielleicht auch ohne Plan und Praktikum?

Anders als bei Nashat muss das Gap Year auch nicht unbedingt mit Arbeit zu tun haben. Viele nutzen die Zeit, um ihre Sachen zu packen und durch die Welt zu reisen oder um sich einfach treiben zu lassen. Ganz ohne Plan und Praktikum. Denn wer nach dem Abitur direkt ins Bachelor-Studium gestartet ist, hat die Uni nicht selten als auf reine Effizienz getrimmte Lernfabrik erlebt - mit überladenen Lehrplänen und reichlich Konkurrenz unter Studenten, die ehrgeizig am optimalen Lebenslauf feilen. Kurzum: kaum Luft zum Atmen, kein Platz für kreative Schlenker.

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Vorsicht, Studentenfalle: Lost in Perfection

Foto: Corbis

Mit einem kleinen Schleudertrauma kommen die Absolventen dann von der Hochschule und fragen sich, ob Unternehmen wirklich auf sie warten. Aber auch, wie wichtig es ist, sofort bei Arbeitgebern anzuklopfen. Oder ob Personaler ohnehin auf ein Jahr Altersunterschied pfeifen und viel lieber Kandidaten einstellen, die mehr Lebenserfahrung mitbringen und sich den Wind haben um die Nase wehen lassen.

Dafür aber brauchen Absolventen ein wenig Mut zur Lücke - weg vom Studium und Berufsstart nach Schema F. Das F steht hier für Fiktion: weil manche Lebensläufe 22-jähriger Bachelor-Absolventen wirken, als könnten sie in ihrer ganzen glattgebügelten Pracht gar nicht echt sein.

Gib dem Zufall eine Chance

Bernadette Oberloher, 24, reiste nach ihrem Bachelor zweieinhalb Monate durch Australien. Nach ihrer Rückkehr absolvierte sie ein unbezahltes Praktikum bei der Nichtregierungsorganisation Earthlink; jetzt ist sie Praktikantin bei einer SPD-Abgeordneten im Bundestag. Ursprünglich wollte Oberloher gar kein Gap Year machen: "Das hat sich durch Zufall ergeben", sagt sie. "Das Jahr gibt mir neue Impulse, ich glaube, dass das auch bei Arbeitgebern gut ankommt."

Wie Personaler den Mut zur Lücke bewerten, hänge vor allem von zwei Dingen ab, sagt Erik Bethkenhagen, Sprecher der Personalberatung Kienbaum: "Zum einen muss der Bewerber nachvollziehbar begründen, warum er das Gap Year gemacht und weshalb es ihn weitergebracht hat." Es gebe aber auch Personaler, die ausschließlich Absolventen wollen, die direkt vom Studium in die Festanstellung durchstarten. Bei ihnen hätten Auszeitler kaum eine Chance.

Zweiter Punkt: Ob das Gap Year als Bereicherung oder Lücke im Lebenslauf bewertet wird, "hängt natürlich auch von der Qualität dessen ab, was man in der Auszeit macht", so Bethkenhagen. Will heißen: Wer sein Gap Year am heimischen Baggersee verbringt, muss mit Karriereeinbußen rechnen - oder es gut verkaufen können.

Unternehmen wollen Kandidaten früh genug erreichen

"Ich brauchte nach dem Studium eine Pause, um mich zu sammeln und mir bewusst zu werden, wo es hingehen soll", sagt Madelaine Meier, 24, Bachelor-Absolventin der Uni Leipzig. Mit Praktika und einem Nebenjob hatte sie sich zu viel aufgehalst, zusätzlich zu den Vorlesungen, Seminaren, Referaten und Klausuren in Medien- und Kommunikationswissenschaft.

"Wir haben mit vielen Bachelor-Studenten gesprochen, die sagten, das Studiensystem sei ziemlich rigide", sagt Thomas Fritz, Recruiting Director bei McKinsey. "Die kurzen und stärker verschulten Bachelor-Studiengänge lassen wenig Spielraum für ausführliche Praktika während des Studiums."

McKinsey hat zusammen mit Allianz, Bertelsmann und Henkel ein Gap-Year-Programm  ins Leben gerufen. Bachelor-Absolventen können nach ihrem Studium bis zu drei Praktika von je drei oder vier Monaten Dauer bei den Firmen machen. Bewerben können sich laut Ankündigung "herausragende Studenten aller Fachrichtungen", die nach ihrem Bachelor den Master draufsatteln wollen.

In den zwölf Monaten bleibt ein Zeitfensterchen für "ein persönliches Projekt", vom sozialen Engagement bis hin zur Weltreise. Im Unterschied zu den Praktika müssen die Teilnehmer das aber selbst finanzieren. Natürlich hoffen die großen Unternehmen, dass sie interessante Kandidaten früh an sich binden können.

"Ich wollte nicht meinen Lebenslauf pushen"

In der Auszeit an der Karriere zimmern und selbst die Rucksackreise zusammen mit dem Arbeitgeber planen - so weit war Medienwissenschaftlerin Madelaine Meier nach ihrem Studium nicht. Sie wollte erst mal herausfinden, wie es nach dem Bachelor überhaupt weitergehen soll: "Zwischenzeitlich habe ich sogar überlegt, Medizin zu studieren und Ärztin zu werden."

Meier bewarb sich bei "Weltwärts" , dem Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Ein Jahr lang arbeitete sie bei einem Radioprojekt im afrikanischen Benin. "Ich wollte in einem Bereich arbeiten, in dem ich mich auskenne", sagt sie. "Das Projekt war nicht dafür da, meinen Lebenslauf zu pushen."

Zurück in Deutschland tut Meier das, was sie bereits vor "Weltwärts" vorhatte: Sie macht ihren Master in Sprechwissenschaft an der Uni Halle und will später beim Hörfunk arbeiten. "Was ich in Benin erlebt habe, hat mich viel selbstbewusster gemacht und letztlich in meinem Berufswunsch bestärkt."

Foto: Foto: H. Günther

Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

"Teach First"-Teilnehmer Nashat weiß noch nicht, was nach seinem Schuleinsatz kommt. Vielleicht macht er einen Master in Politik. Vielleicht unterrichtet er aber auch einfach weiter: "Das hier ist mein praktisches Masterstudium."

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