130 Jahre Federhalter "Wer mit Füller schreibt, macht ein Statement"

Das muss ihm die PC-Tastatur erst mal nachmachen: Auch 130 Jahre nach seiner Erfindung ist der Füllhalter nicht totzukriegen. Füller-Fachmann Reiner Timter sagt im Interview, wie man den Kult-Schreiber als Accessoire einsetzt und was er mit schönen Frauen gemeinsam hat.

DPA

Zur Person
  • Reiner M. Timter, 48, ist Redaktionsleiter des Magazins "Kult" (bis vor Kurzem "Kult am Pult"), das sich mit Schreibtischkultur befasst und viermal jährlich im bit-Verlag erscheint. Die Auflage beträgt knapp 8000 Exemplare. Leser sind vor allem Fachhändler und Sammler, darunter viele Unternehmer. Das Sammeln gebe ihnen einen Ausgleich zum stressigen Arbeitsalltag, sagt Timter.
KarriereSPIEGEL: Herr Timter, heute hat der Füllfederhalter Geburtstag. In Ihrem Magazin "Kult" wird er ständig gefeiert: In den vergangenen drei Jahren waren auf neun von zwölf Ausgaben Füller im Großformat auf dem Cover. Wird das nicht langweilig?

Timter: Nein. Schauen Sie sich die "Vogue" an: Da ist auf neun von zehn Ausgaben eine schöne Frau. Das wird auch nicht langweilig.

KarriereSPIEGEL: Hatten Sie heute schon einen Füller in der Hand?

Timter: Nein, noch nicht. Ich schreibe das meiste am Computer, Notizen mache ich in der Regel mit dem Bleistift. Meinen Büro-Füllhalter, ein antikes Exemplar mit extrabreiter Feder, nutze ich in der Regel nur für Unterschriften, Tagebucheinträge oder persönliche Briefe.

KarriereSPIEGEL: Da geht es Ihnen wie den meisten: Tastatur verdrängt Handschrift, an seinem 130. Geburtstag ist der Füller aus dem Arbeitsalltag fast verschwunden.

Timter: Absolut, Füllhalter sind rar geworden. Vor allem junge Leute schreiben immer weniger per Hand - und wenn, dann eher mit dem Kugelschreiber. Das geht schneller. Das macht den Füllhalter aber auch zu etwas Besonderem: Wer im Meeting mit Füller schreibt, macht ein Statement. Ich würde es bewusstes Notieren nennen: Man überlegt sich eher, was man schreibt, weil man mit dem Füller nicht so schnell ist wie mit dem Kuli. Außerdem kann ein schicker Füllhalter auch ein modisches Statement sein.

KarriereSPIEGEL: Der Füller als Accessoire?

Timter: Das gilt besonders für Männer, weil sie nicht so viele Möglichkeiten haben, sich über Modeaccessoires auszudrücken. Da kann ein bunter oder antiker Füllhalter schon Eindruck machen. Gleichzeitig ist ein auffälliger Füller ein guter Gesprächsaufhänger. Das kann die Situation auflockern. Ich finde es merkwürdig, wenn ich Herren im schicken Business-Outfit sehe, die mit einem billigen Plastikkuli schreiben. Das passt einfach nicht.

KarriereSPIEGEL: Kann man mit Füllhaltern noch Geld verdienen?

Timter: Dass immer weniger Leute mit dem Füllhalter schreiben, ist eine Bedrohung für einen ganzen Wirtschaftszweig. Die deutschen Markenhersteller haben international eine ähnliche Bedeutung wie die deutschen Autoproduzenten auf dem globalen Pkw-Markt. Es wäre eine Katastrophe, wenn diese Branche stirbt. Aber das wird nicht so schnell passieren, weil sich die großen Hersteller an die Entwicklungen anpassen. Einige spezialisieren sich zum Beispiel auf hochwertige Füllhalter, andere stellen jetzt Stifte her, mit denen man auf Tablets schreiben kann.

Die Fragen stellte Anja Tiedge

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Seite 1
krass23 12.02.2014
1. Bravo
Ich schreibe mit einem Waterman. Selbstverständlich nicht jeden Tag, aber wenn ich ihn in die Hand nehme, bin ich mir bewußt, dass ich jetzt schreiben werde.Das ist ein anderes Gefühl als mit einem Kuli. Er ist wunderbar.
quadraginti 12.02.2014
2. Die wollen nicht verkaufen
Vor ein paaar Jahren. Düsseldorf. Kö. Füllhalter-Spezialgeschäft: Ich wollten einen Füllhalter kaufen; preis ca 50-100€. Verkäuferin legt drei Füller vor(im Laden waren etliche Hundert Füller in den Regalen). Auf meine Nachfrage, was es sonst noch gebe, kam die patzige Antwort: Sie müssen doch wissen, was sie wollen. Fazit: In Füller-Branche wir man nur anständig behandelt, wenn man ab 500€ aufwärts kauft. Für den, der weniger anlegen will gilt: *Kunde droht mit Auftrag*.
inhabitant001 12.02.2014
3. Immer!
Ich mache zwar alles am Computer, aber für die geschäftliche Unterschrift muß es ein Füller sein. Das gehört für eine hochwertige Außenwirkung einfach dazu. PS: noch besser wäre es wenn ich keine Sauklaue hätte, aber dazu ist es jetzt leider etwas zu spät... :\
Oberleerer 12.02.2014
4.
Zitat von sysopDPADas muss die Tastatur ihm erst mal nachmachen: Auch 130 Jahre nach seiner Erfindung ist der Füllhalter nicht totzukriegen. Füller-Fachmann Reiner Timter sagt im Interview, wie man den Kult-Schreiber als Accessoire einsetzt und was er mit schönen Frauen gemeinsam hat. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/geburtstag-des-fuellhalters-fueller-experte-im-interview-a-952842.html
Lt. Wikipedia wurden die Tasten von Schreibmaschinentastaturen ebenfalls um 1884 nach Häufigkeit angeordnet, entsprachen also den aktuellen Tastaturen. Eine erste Beschreibung einer Schreibmaschine gab es bereits 1714.
vogel0815 12.02.2014
5.
Zitat von quadragintiVor ein paaar Jahren. Düsseldorf. Kö. Füllhalter-Spezialgeschäft: Ich wollten einen Füllhalter kaufen; preis ca 50-100€. Verkäuferin legt drei Füller vor(im Laden waren etliche Hundert Füller in den Regalen). Auf meine Nachfrage, was es sonst noch gebe, kam die patzige Antwort: Sie müssen doch wissen, was sie wollen. Fazit: In Füller-Branche wir man nur anständig behandelt, wenn man ab 500€ aufwärts kauft. Für den, der weniger anlegen will gilt: *Kunde droht mit Auftrag*.
Wieso sollte sich die Dame auch 20 Minuten Zeit für Sie nehmen, wenn die Marge bei 50€/100€ Produkten unter 5% liegt? Da sind ja ihre Beratungskosten höher. MMn hat die Frau einfach betriebswirtschaftlich vorbildlich gehandelt.
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