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Gefühle in der Coronakrise "Diese Art Trauer sind wir nicht gewohnt"

"Wie geht es Euch?" Weltweit eröffnen Chefs mit dieser vermeintlich harmlosen Frage virtuelle Meetings - und kaum jemand traut sich zu sagen: mies. Trauer-Experte David Kessler erklärt, warum das ein Fehler ist.
Ein Interview von Scott Berinato
Foto: Evrim Ertik/ E+/ Getty Images

Frage: Die Coronakrise weckt in uns allen die unterschiedlichsten Gefühle, viele Menschen sind überwältigt von der Intensität ihrer Emotionen. Ist es richtig, einige dieser Empfindungen Trauer zu nennen?

Kessler: Ja, wir fühlen sogar verschiedene Arten von Trauer. Wir haben das Gefühl, dass sich die Welt verändert hat, und das hat sie auch. Wir wissen, dass dies vorübergehend ist, aber es fühlt sich nicht so an, und wir realisieren, dass manches anders werden wird. So, wie der Weg zum Flughafen seit dem 11. September anders ist, werden sich Dinge ändern, und wir sind am Wendepunkt. Der Verlust der Normalität; die Furcht vor einer Wirtschaftskrise; der Abbruch sozialer Interaktion. Das trifft uns, und wir trauern. Kollektiv. Diese Art kollektiver Trauer sind wir nicht gewohnt.

Zur Person

David Kessler, geboren 1959, ist Experte für Trauerbewältigung und Traumatherapie. Er hat ein Jahrzehnt lang in einem Krankenhausverbund in Los Angeles gearbeitet. Für die Polizei und das Rote Kreuz betreute er ehrenamtlich traumatisierte Opfer. Er ist der Gründer von grief.com, einer Webseite, die jährlich mehr als fünf Millionen Abrufe aus 167 Ländern verzeichnet.

Frage: Sie sagten, wir fühlen mehr als nur eine Art von Trauer?

Kessler: Ja, wir fühlen auch eine vorweggenommene Trauer. Antizipatorische Trauer ist das Gefühl, das wir haben, wenn die Zukunft ungewiss ist. Normalerweise geht es dabei um den Tod. Wir fühlen so, wenn jemand eine schlimme Diagnose erhält oder wenn wir daran denken, dass wir eines Tages unsere Eltern verlieren werden. Vorweggenommene Trauer richtet sich in die Zukunft: Ein Sturm zieht auf. Es lauert etwas Schlimmes da draußen. Bei einem Virus ist diese Art von Trauer verwirrend. Unser Verstand weiß, dass etwas Schlimmes passiert, aber man kann es nicht sehen. Das untergräbt unser Sicherheitsgefühl. Wir spüren Unsicherheit. Ich glaube nicht, dass wir auf diese Weise schon mal kollektiv unser allgemeines Sicherheitsgefühl verloren haben. Einzelne oder kleinere Gruppen kennen das. Aber für uns alle zusammen ist das neu. Wir trauern auf der Mikro- und auf der Makroebene.

Frage: Was kann der Einzelne tun, um mit all dieser Trauer fertig zu werden?

Kessler: Das Verstehen der Trauerphasen ist ein Anfang. Aber immer, wenn ich über die Phasen der Trauer spreche, muss ich daran erinnern, dass diese Phasen nicht linear und auch nicht zwingend in einer bestimmten Reihenfolge ablaufen. Das Konzept ist keine Landkarte, sondern eher ein Gerüst für diese unbekannte Welt. Die erste Phase ist üblicherweise die der Verleugnung: Uns wird dieses Virus verschonen. Dann kommt der Ärger: Ihr zwingt mich, zu Hause zu bleiben und nehmt mir meine Freiheit weg. Es gibt die Phase des Feilschens: Okay, wenn ich mich zwei Wochen lang sozial distanziere, wird alles besser, oder? Es gibt Traurigkeit: Ich weiß nicht, wann das enden wird. Und schließlich gibt es Akzeptanz: Das passiert gerade wirklich; ich muss mir überlegen, wie ich weiter vorgehen soll. Wie Sie sich vorstellen können, liegt die Macht in der Akzeptanz. Ich kann mir die Hände waschen. Ich kann einen Sicherheitsabstand halten. Ich kann lernen, virtuell zu arbeiten.

Frage: Wenn wir Trauer empfinden, gibt es diesen körperlichen Schmerz, und der Verstand rast. Gibt es Techniken, um damit umzugehen?

Kessler: Kommen wir zurück zur vorweggenommenen Trauer. Ungesunde, vorweggenommene Trauer ist in Wirklichkeit Angst, und das ist das Gefühl, von dem Sie sprechen. Unser Verstand beginnt, uns Bilder zu zeigen. Meine Eltern werden krank. Wir sehen die schlimmsten Szenarien. Das ist unser Verstand, der uns beschützen will. Unser Ziel sollte es nicht sein, diese Bilder zu ignorieren oder zu versuchen, sie verschwinden zu lassen - der Verstand lässt das nicht zu, und das erzwingen zu wollen, kann schmerzhaft sein. Das Ziel ist, ein Gleichgewicht zu finden: Wenn Sie das Gefühl haben, dass das schlimmste Bild Gestalt annimmt, denken Sie an das beste Bild. Wir werden alle ein wenig krank, und die Welt geht weiter. Nicht jeder, den ich liebe, stirbt. Vielleicht stirbt niemand, weil wir alle die richtigen Schritte unternehmen. Keines der beiden Szenarien sollte ignoriert werden, aber keines von beiden sollte dominieren.

Frage: Wie finde ich aus einer negativen Schleife wieder heraus?

Kessler: Vorausschauend zu trauern, heißt, sich das Schlimmste für die Zukunft auszumalen. Um sich zu beruhigen, müssen Sie in die Gegenwart kommen. Wer schon mal meditiert oder Achtsamkeit praktiziert hat, wird das Konzept kennen, und es ist überraschend simpel: Nennen Sie fünf Dinge im Raum. Da sind beispielsweise ein Computer, ein Stuhl, ein Bild des Hundes, ein alter Teppich und eine Kaffeetasse. So einfach ist das. Atmen Sie. Erkennen Sie, dass im gegenwärtigen Moment nichts von dem, was Sie erwartet haben, geschehen ist. In diesem Moment geht es Ihnen gut. Sie haben Essen. Sie sind nicht krank. Benutzen Sie Ihre Sinne und denken Sie darüber nach, was Sie fühlen. Der Schreibtisch ist hart. Die Decke ist weich. Ich spüre, wie der Atem in meine Nase kommt. Das wird wirklich helfen, den Schmerz etwas zu lindern. Lassen Sie los, was außerhalb Ihrer Kontrolle liegt. Was Ihr Nachbar tut, können Sie nicht kontrollieren. Was Sie kontrollieren können, ist, einen Meter Abstand von ihm zu halten und sich die Hände zu waschen. Konzentrieren Sie sich darauf.

Frage: Wie gehe ich mit Kollegen um - deren Gefühle kann ich ja auch schlecht kontrollieren, muss aber damit zurecht kommen.

Kessler: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um Mitgefühl zu entwickeln. Jeder Mensch empfindet Angst und Trauer individuell, und das manifestiert sich auf unterschiedliche Weise. Neulich war ein Mitarbeiter sehr schnippisch zu mir, und ich dachte: So ist er sonst gar nicht; das ist seine Art, mit der Angst umzugehen. Seien Sie also geduldig. Denken Sie darüber nach, wie jemand normalerweise ist und nicht darüber, wie er oder sie in diesem Moment zu sein scheint.

Frage: Ein besonders beunruhigender Aspekt dieser Pandemie ist das offene Ende.

Kessler: Dies ist ein vorübergehender Zustand. Es hilft, das auszusprechen. Ich habe zehn Jahre lang im Krankenhauswesen gearbeitet. Ich bin für Situationen wie diese ausgebildet worden. Ich habe auch die Grippepandemie des Jahres 1918 studiert. Die Vorkehrungen, die wir treffen, sind die richtigen. Das sagt uns die Geschichte. Wir können das überleben, und wir werden überleben. Wir dürfen übervorsichtig sein, aber wir dürfen nicht überreagieren.

Und ich glaube, wir werden in allem einen Sinn finden. Ich fühle mich geehrt, dass die Familie von Elisabeth Kübler-Ross mir erlaubt hat, der Trauer eine sechste Stufe hinzuzufügen: die Bedeutung. Ich hatte mit Elisabeth viel darüber gesprochen, was nach der Akzeptanz kommt. In einer Phase der persönlichen Trauer wollte ich nicht bei der Akzeptanz stehen bleiben. Ich wollte in diesen dunkelsten Stunden einen Sinn haben. Und ich glaube daran, dass wir auch jetzt Licht finden. Menschen erkennen, dass sie sich durch Technologie verbinden können. Dass andere nicht so weit entfernt sind, wie gedacht. Sie erkennen, dass sie ihre Telefone für lange Gespräche nutzen können. Sie wissen Spaziergänge zu schätzen. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch weiterhin einen Sinn finden werden, jetzt - und wenn dies alles vorbei ist.

Frage: Was sagen Sie zu jemandem, der bis hierher gelesen hat und sich noch immer von Trauer überwältigt fühlt?

Kessler: Versuchen Sie es weiter. Es hat etwas Mächtiges, dies als Trauer zu bezeichnen. Es hilft uns zu fühlen, was in uns ist.

Frage: Empfehlen Sie mir also ehrlich zu sein, wenn der Chef wieder fragt: Wie geht's Dir?

Kessler: In der vergangenen Woche haben mir so viele gesagt: "Ich sage meinen Kolleginnen und Kollegen, dass es mir schlecht geht", oder "Ich habe letzte Nacht geweint". Wenn man dem Gefühl einen Namen gibt, bringt man Bewegung in die Sache, und Emotionen brauchen Bewegung. Es ist wichtig, dass wir anerkennen, was wir durchmachen. Sagen Sie sich und anderen: Ich fühle mich traurig. Seien Sie traurig, ängstlich und wütend, unabhängig davon, wie es den Kollegen jetzt vielleicht geht. Bekämpfen lassen sich diese Gefühle ohnehin nicht, denn sie werden vom Körper produziert. Wenn wir Gefühle zulassen, kommen sie in geordneter Weise, und das gibt uns Kraft. Dann sind wir keine Opfer.

Frage: In geordneter Weise?

Kessler: Ja. Manchmal versuchen wir, nicht zu fühlen, was wir fühlen, weil wir Angst vor einer Welle von Gefühlen haben. Wir reißen uns zusammenreißen, weil wir befürchten, dass die negativen Gefühle nie mehr verschwinden und wir geradezu darin ertrinken. Doch die Wahrheit ist, dass Gefühle durch uns hindurchgehen. Wir fühlen etwas und dann verschwindet es wieder und wird durch das nächste Gefühl ersetzt. Es gibt keine Welle, die uns ins Meer reißt. Es ist absurd zu denken, wir sollten jetzt keine Trauer empfinden. Lassen Sie die Trauer zu - und danach geht's weiter.

Das Interview entstand in einer Kooperation mit dem Harvard Business Manager .