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New Work "Chefs müssen das eigene Gehalt begrenzen"

Morgens früh im Büro und nur Economy fliegen: Der Gründer der indischen IT-Firma Infosys nimmt seine Vorbildfunktion als Chef ernst. Ein Gespräch über Werte, Führung und warum New Work eigentlich gar nicht so neu ist.
Ein Interview von Helene Endres, Bangalore
Infosys-Mitbegründer N. R. Narayana Murthy während einer Pressekonferenz in seinem Wohnort Bangalore, Indien

Infosys-Mitbegründer N. R. Narayana Murthy während einer Pressekonferenz in seinem Wohnort Bangalore, Indien

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Bloomberg/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Murthy, 1981 haben Sie sich von Ihrer Frau 250 US-Dollar geliehen, um eine IT-Firma namens Infosys zu gründen. Heute hat Infosys knapp 230.000 Mitarbeiter, Sie sind inzwischen Milliardär. Sind Sie zufrieden?

Murthy: Ich bin niemals zufrieden. Denn egal wie viel du erreicht hast, es gibt immer Leute, die schlauer sind, die mehr erreicht haben. Ökonomisch wären wir Inder gern wie die Deutschen. Doch die Deutschen wären vielleicht gern wie jemand anders und sehen ebenfalls Verbesserungsbedarf. Und das ist gut! Nur so passiert Fortschritt.

SPIEGEL: Sie haben New Work vorgelebt, als es noch keiner kannte. Wie kam das?

Murthy: Ich handle nicht nach Management-Trends, sondern aus persönlicher Überzeugung: Ich glaube wie Mahatma Gandhi, dass man mit gutem Beispiel vorangehen muss, wenn man möchte, dass einem jemand folgt. Unsere Taten sagen mehr als unsere Worte. Deshalb ist die Vorbildfunktion von Führungskräften so wichtig für uns.

Zur Person
Foto: Mark Lennihan/ AP

N. R. Narayana Murthy, 73, gilt als einer der Väter der indischen IT. Murthy ist Mitbegründer des Softwareunternehmens Infosys Technologies, das er bis 2014 leitete. Heute arbeitet er als Venture Capitalist und Business Angel. Sein Vermögen wird auf 2,4 Milliarden US-Dollar geschätzt.

SPIEGEL: Was bedeutete das konkret für Ihren Arbeitsalltag?

Murthy: Früh aufstehen. Wenn ich will, dass meine Mitarbeiter pünktlich im Büro sein sollen, muss ich auch pünktlich da sein, und zwar vor ihnen. Ich habe 33 Jahre bei Infosys gearbeitet und war jeden Morgen um 6:20 Uhr im Büro. So hatte ich das beste Argument, dass meine Mitarbeiter auch früh da sein sollen. Wenn Sie wollen, dass Ihre Mitarbeiter sparsam sind, dann fliegen Sie selbst auch Economyclass und produzieren keine exorbitanten Spesenrechnungen. Denn in jeder Firma, ja, in jeder Gemeinschaft, beobachten die Mitglieder den Anführer genau und imitieren sein Verhalten. "Walk the talk", tue, was du predigst, klingt schlicht, aber wenn Sie das tun, brauchen Sie keine Seminare.

"Kultur ist, wie Sie sich verhalten, wenn Sie glauben, keiner beobachtet Sie."

Narayana Murthy

SPIEGEL: Fiel es Ihnen nicht auch einmal schwer, das so durchzuhalten? Wenn andere Milliardäre mit dem Privatjet fliegen, und Sie zwängen sich in die Economyclass? 

Murthy: Ich mache das aus Überzeugung: Kultur ist, wie Sie sich verhalten, wenn Sie glauben, dass Sie keiner beobachtet. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mir Werte vorgelebt und mitgegeben haben, wie harte Arbeit, Ehrlichkeit, Integrität und mehr. Diese Werte sind Teil meiner Persönlichkeit.

SPIEGEL: Wie haben Sie diese Kultur in einem Unternehmen erhalten, das inzwischen etwa 230.000 Mitarbeiter hat und in dem nicht mehr jeder sieht, dass Sie um 6:20 Uhr am Schreibtisch sitzen?

Murthy: Sie brauchen Botschafter Ihrer Ideen. Wenn wir Gründer von Infosys uns hinstellen und erzählen, wie wir den Laden aufgebaut haben und wie uns die Werte dabei geholfen haben, wird das Vertrauen in diese Werte unter den Zuhörern steigen. Und sie werden die Geschichten weitererzählen. 

SPIEGEL: Was ist die größte Bedrohung für eine Unternehmenskultur?

Murthy: Unfair gegenüber den eigenen Mitarbeitern zu sein. Das bedeutet für mich auch, sich selbst und den Führungskräften kein zu hohes Gehalt auszuzahlen. Die Chefs einer Firma müssen bescheiden auftreten - und das bedeutet auch, das eigene Gehalt zu begrenzen. Es sollte nicht mehr als das 30- bis 40-fache des einfachsten Mitarbeitergehalts sein und auf keinen Fall das 80-fache, wie es in den USA ist. Denn kein CEO kann erfolgreich sein ohne die harte Arbeit an der Basis. Wenn die Mitarbeiter sich der Firma verbunden fühlen sollen und ihr Bestes geben, ist Fairness beim Gehalt extrem wichtig.

Management by Murthy

Hier seine wichtigsten Führungstipps:

SPIEGEL: Als sich 2017 Infosys-Vorstand Pravin Rao eine satte Gehaltserhöhung gönnen wollte, mischten Sie sich aus dem Ruhestand ein und starteten eine öffentliche Debatte. 

Murthy: Es ist meiner Meinung nach nicht angemessen, die Vergütung für eine Person auf der obersten Ebene um fast 60 bis 70 Prozent zu erhöhen (auch einschließlich des leistungsabhängigen Bonus), wenn die Vergütung für die meisten Mitarbeiter nur um sechs bis acht Prozent erhöht wurde. Dies ist gegenüber der Mehrheit der Mitarbeiter von Infosys, die hart für den Erfolg des Unternehmens arbeiten, grob unfair. Die Auswirkungen einer solchen Entscheidung werden wahrscheinlich das Vertrauen und die Zuversicht der Mitarbeiter in das Management und den Vorstand untergraben. Mit welchem Gewissen kann eine anständige Person wie Pravin seinen Mitarbeitern sagen, dass sie hart arbeiten und Opfer bringen sollten, um die Kosten zu senken?

SPIEGEL: Sie erfanden mit Infosys den ersten IT-Dienstleister, der von Indien aus die westliche Welt betreut. War Ihnen klar, was Ihre Gründung für Indien bedeuten würde?

Murthy: Als Indien unabhängig wurde, sahen alle den Westen als unfairen Unterdrücker. Kapitalismus stand für das Elend der Kolonialisierung. Auch ich war ein Linker, ich mochte den Sozialismus und die kommunistischen Ideen. Aber als ich in den frühen Siebziger Jahren nach Europa ging, um dort zu arbeiten, habe ich die unterschiedlichsten Leute getroffen, Linke, Rechte, Konservative. Ich war auf der Suche und fragte mich: Welche Gesellschaftsform ist gut für Indien? Nach dieser Reise war ich mir sicher: Der einzige Weg für eine Gesellschaft, Armut zu reduzieren, ist, Jobs mit gutem Einkommen zu schaffen. Dazu braucht man Unternehmer und keine Kommunisten. Ich wurde also bekehrt von einem verwirrten Linken zu einem "compassionate capitalist", einem mitfühlenden, menschlichen Kapitalisten. Ich kehrte heim und führte ein Experiment durch: Mein Ziel war, ethisch zu arbeiten, um Reichtum zu schaffen. Und so entstand Infosys.

SPIEGEL: Was verstehen Sie unter "ethisch arbeiten"?

Murthy: Als wir Infosys gründeten, hatten wir schon recht früh ein Treffen, um unsere Werte zu definieren. Und wir kamen mit einem Akronym heraus: C-Life. C stand für "Customer Focus", also immer den Kunden im Blick haben, L für "Leadership by example", also die Vorbildfunktion der Führungskräfte, I für Integrität und Transparenz, nicht den einen etwas anderes zu sagen als anderen oder Dinge zu beschönigen. Dann haben wir noch F für Fairness, was bedeutet, sich anderen gegenüber so zu verhalten, wie man will, dass man sich dir gegenüber verhält. Und E für Exzellenz in allem, was man tut.

"Ein mitfühlender, menschlicher Kapitalismus ist in meinen Augen die beste Möglichkeit, Armut in jeder Gesellschaft abzuschaffen."

Narayana Murthy

SPIEGEL: Kapitalismus ist also die beste Entwicklungshilfe - solange er Grenzen kennt?

Murthy: Ja, ich nenne das "Compassionate Capitalism". Unser Lifestyle sollte einfach sein, wir müssen uns so verhalten, dass die Gesellschaft Kapitalismus als etwas Positives wahrnimmt und nach ihm strebt. In Schwellenländern wie Indien ist das sogar noch wichtiger als in Deutschland oder den USA. Denn für Indien ist Kapitalismus neu. Deshalb haben Menschen wie ich, die wir die Evangelisten des Kapitalismus sind, eine große Verantwortung und dürfen unseren Reichtum nicht vulgär zur Schau stellen.

Mehr über N. R. Narayana Murthy und den IT-Standort Indien