Gehalt von ZDF-Reporterin Es ist Diskriminierung - aber nicht von Frauen

Eine Reporterin klagt auf die gleiche Bezahlung, wie sie ihre männlichen Kollegen erhalten - und verliert vor Gericht. Ein Skandal? Ganz so einfach ist es nicht.

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Eine Frau zieht vor Gericht, weil sie sich im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen ungerecht bezahlt fühlt. Der Arbeitgeber ist das ZDF, die Mitarbeiterin eine preisgekrönte Reporterin des Politmagazins "Frontal 21".

Endlich steht mal eine auf. Endlich traut sich eine, das Übel öffentlich anzuprangern. Und dann weist der Richter, der um den einen oder anderen chauvinistischen Spruch nicht verlegen war, die Klage auch noch ab. Unfassbar, möchte man im ersten Impuls rufen.

Die Verlockung, sich zu empören, ist groß, weil es beim Geld so unfair zugeht. Doch ausgerechnet in diesem Fall ist Schnappatmung vergeudete Energie.

Die Fakten sind bekannt: Selbst bei gleichem Job und gleicher Qualifikation bekommen Frauen durchschnittlich sieben Prozent weniger Gehalt. Eine krachende Ungerechtigkeit.

Familienministerin Manuela Schwesig hat lange gekämpft, bis sie kürzlich ihren Gesetzentwurf für mehr Lohngerechtigkeit durchs Kabinett bekam: Künftig sollen Frauen in Firmen ab 200 Mitarbeitern zumindest Auskunft darüber verlangen können, was ihre Kollegen in vergleichbarer Position verdienen. Das ist zumindest ein kleiner Schritt nach vorn.

Doch das Ziel der Gleichbezahlung ist damit nicht erreicht. Dafür braucht es mehr Frauen, die den Mut haben, ihren Boss vor Gericht zu bringen. Und allein dafür, dass die ZDF-Reporterin diesen Schritt gewagt hat, gebührt ihr Respekt.

Doch in ihrem Fall geht es eigentlich um ganz andere Ungerechtigkeiten als die Mann-Frau-Frage.

Als Beleg für ihre Minderbezahlung verwies die Journalistin auf diverse männliche Kollegen mit höheren Gehältern - unter anderem einen, der inzwischen in Rente ist. Das ZDF konterte mit längerer Berufserfahrung der Männer. Nach dem Senioritätsprinzip steigt der Verdienst mit dem Dienstalter, Spötter sprechen gern von der Verkalkungszulage. Oft ungerecht - sowohl Frauen als auch Männern gegenüber -, aber in weiten Teilen der Gesellschaft und vor Gericht als ausreichender Grund für ein höheres Gehalt anerkannt.

Zudem verglich die Klägerin ihre Bezahlung aus einer fest-freien Mitarbeit beim ZDF mit dem Gehalt der festangestellten Kollegen, schließlich mache sie die gleiche Arbeit. Damit benannte sie die nächste Ungerechtigkeit im deutschen Arbeitsrecht, die sowohl Frauen als auch Männer trifft. Zahllose Unternehmen, gern auch in der Medienbranche, bedienen sich freier Mitarbeiter, die meist schlechter abgesichert und bezahlt sind. Unfair, aber rechtskonform.

Und so ist die Entscheidung des Richters keine große Überraschung. Dieses war also der falsche Fall für die richtige Sache. Jetzt braucht es dringend richtige Fälle.

insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
tomxxx 01.02.2017
1. Das ist jetzt die spannende Frage...
gibt es diese "richtigen" Fälle überhaupt? Oder war die angebliche Diskriminierung auch ein Stück aus der Postfaktenära und hat alle anderen Randbedingungen einfach ausser Acht gelassen (z.B. Teilzeit, es werden die Gehälter ohne die Arbeitsstunden betrachtet, etc.)
Le Commissaire 01.02.2017
2.
Zitat: "Zahllose Unternehmen, gern auch in der Medienbranche, bedienen sich freier Mitarbeiter, die meist schlechter abgesichert und bezahlt sind. Unfair, aber rechtskonform." Nun ja, als freier Mitarbeiter man im Gegensatz zum festen Mitarbeiter seine Arbeitszeit und seinen Arbeitsort im wesentlichen frei bestimmen. Das solch ein Unterschied in der Bezahlung sichtbar wird, ist an sich keine Ungerechtigkeit.
exil-teutone 01.02.2017
3. *seufz*
Nein, Frau Schwesigs Gesetzentwurf ist *nicht* der richtige Vorstoß, sondern ein Vorstoß, der Frauen bevorzugt. Der *richtige* Gesetzentwurf wäre gewesen, *allen* ein Recht auf Gehaltsauskunft zu geben. Denn es sind weißgott nicht alle Männer, die beiGehaltsverhandlungen so aggressiv und maximierend auftreten. Das wäre mal echte Gleichstellungsarbeit gewesen. Aber so ...
testuser2 01.02.2017
4. Jetzt braucht es dringend richtige Fälle
Das wird die Redakteurin aber nicht gerne hören, dass sie der falsche Fall ist, um eine Ungleichbehandlung von Frauen gerichtlich bestätigen zu lassen. Dass gerade das Pro-Manuela-Schwesig eingestellte ZDF verklagt wurde, ist schon reinste Satire.
olfnairolf 01.02.2017
5.
Mal angenommen Frauen bekämen die 7% mehr und somit so viel wie ihre männlichen Kollegen. Was würde es dann bedeuten wenn Frauen in Mutterschutz gehen, bei Bekanntwerden der Schwangerschaft die Probezeit als bestanden gilt, sich danach aussuchen können wann und wie lange sie arbeiten möchten, sie Kinderkrank machen und zuhause bleiben wenn die Kita zumacht. Ist dann eine gleiche Bezahlung gerecht? Ist das dann immer noch die gleiche Leistung für den Arbeitgeber? Ich weiß was es heißt wenn von 7 Frauen 4 mehr oder weniger gleichzeitig schwanger werden und die Firma so gut wie still steht.
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