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Männer- und Frauen-Gehälter: Der kleine Unterschied

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Gehaltsunterschiede Bonus für Kerle

Schon beim Berufsstart verdienen Frauen weniger als Männer - bei gleicher Qualifikation. Ein Grund: Männer treten dreister auf, wenn sie mit dem Chef feilschen. Frauen hingegen wird Vorwitz im Gehaltspoker meist übelgenommen. Hinzu kommt ihr Hang zur Selbstverzwergung.

Für Jörg Poersch war das Verhandeln um sein Gehalt als Logistikberater ein Spiel, eine Art Poker. Den Einsatz hochtreiben, ohne dass der Gegenspieler aussteigt, ein wenig Bluff, eine Prise Show und vor allem die Nerven behalten. Als sie also kam, die Frage nach seinen Verdienstvorstellungen, sagte der Berufsanfänger forsch: "50 000 Euro, darunter unterschreibe ich nicht."

Valerie Seitz (Name geändert) sah ihr Bewerbungsgespräch weniger verspielt. Sie wollte die Stelle bei dem IT-Beratungsunternehmen in der Nähe von Karlsruhe unbedingt haben. "Nur nicht den Bogen überspannen", dachte sie, als man sie nach ihren Gehaltsvorstellungen fragte. Sie sagte: "40.000 Euro."

Jörg Poersch, 30, und Valerie Seitz, 27, haben zusammen an der Hochschule Pforzheim Logistik studiert. Beide können einen sehr guten Abschluss als Diplom-Betriebswirt vorweisen. Beide sind als Berater in ihren ersten Job gestartet. Beide bekamen das Jahresgehalt, das sie verlangten.

Er: 49.885,71 Euro plus Dienstwagen.
Sie: 40.000 Euro ohne Dienstwagen.

Ist Valerie selbst schuld, weil sie zu zögerlich war, das Risiko scheute? Verkaufen sich Frauen schlechter? Oder kommen sie allein wegen ihres Frauseins zu kurz?

Kein Aufschrei der Empörung

Für Brigitte Burkart, Psychologin an der Hochschule Pforzheim, ist der Fall Valerie/Jörg beispielhaft. Sie hat das Phänomen der Gehaltskluft zwischen Männern und Frauen - genannt "gender pay gap" - untersucht und dazu zehn Absolventenjahrgänge befragt. Ergebnis: Trotz vergleichbarer Qualifikation steige eine Pforzheimer BWL-Absolventin im Durchschnitt mit acht Prozent weniger Gehalt in den ersten Job ein als ihr männlicher Kollege.

Doppel-Quiz: Frauen vs. Männer

Leider beschreibt Burkarts Befund keine skandalösen Sonderfälle. Skandalös ist vielmehr, dass es, wo man auch hinguckt, kaum anders zugeht. Zahlreiche Untersuchungen, etwa die des gewerkschaftlichen Projekts Lohnspiegel , kommen zum selben Schluss: Egal ob Bäckereiverkäuferin oder Mathematikerin - nach den ersten drei Berufsjahren verdienen Frauen durchschnittlich 18,7 Prozent weniger als Männer.

Der Vorsprung der Männer ist nicht mehr einzuholen. Übers Berufsleben gerechnet bekommen Frauen laut Statistischem Bundesamt 23 Prozent weniger. "Der Lohnunterschied in Deutschland ist größer als in fast allen anderen Industrieländern", konstatiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Im europäischen Vergleich befindet sich die Bundesrepublik im unteren Viertel.

Die Erklärungen leuchten nur scheinbar ein

Auf einen Aufschrei der Empörung indes wartet man vergebens. Niemand erregt sich über die Diskriminierung, obwohl es seit zehn Jahren eine Selbstverpflichtung der Unternehmen gibt, diese Ungleichheiten abzubauen.

Dabei hilft nicht, dass viele Frauen es offenbar in Ordnung finden, für die gleiche Arbeit weniger Lohn zu bekommen als Männer, so eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Sitzt das Bild vom Mann als Familienernährer noch so tief?

Politik und Wirtschaft präsentieren gebetsmühlenartig scheinbar einleuchtende Erklärungen für die Ungerechtigkeit: die beruflichen Vorlieben von Frauen, die eher in geringer entlohnte soziale Berufe gehen als in lukrativere technische; die Babypausen; den Hang zur Teilzeit.

Klingt gut, erklärt aber wenig. Denn das Statistische Bundesamt hat auch Männlein und Weiblein mit gleicher Ausbildung, gleicher Wochenarbeitszeit, gleicher Betriebsgröße und gleicher Position verglichen. Ergebnis: Auch da bekommen Frauen rund zehn Prozent weniger. Mit Qualifikation hat die Ungleichbehandlung also wenig zu tun.

Gegenmittel zur Selbstverzwergung: die Feilschkompetenz trainieren

Das ist in den höheren Etagen nicht anders. Vollzeitbeschäftigte Frauen in Führungspositionen erhalten im Schnitt monatlich 1200 Euro weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen, berichtet das DIW. Auch von Prämien und Gewinnbeteiligungen bekommen sie weniger ab. Die Analyse ist eindeutig: Es handelt sich um Diskriminierung, von der ersten Gehaltsverhandlung an. "Es sieht so aus, als würden die Firmen den Frauen weniger Gehalt anbieten als den Männern, einfach weil sie Frauen sind", sagt Burkart.

Die Statistikerin Kirsten Wüst und Burkhart wollten genau wissen, wie stark sich das Geschlecht auf das Gehalt auswirkt. Auch biografische Feinheiten der Lebenswege von Absolventen wurden analysiert. Zum Beispiel Jörg: Seine Vita läuft kurvenreich, Hauptschulabschluss, kaufmännische mittlere Reife, abgebrochenes Berufskolleg für Soziales, Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik, Fachhochschulreife, Studium, sehr gutes Diplom.

Valeries Lebenslauf beschreibt eine Gerade: Hochschulreife auf einem Wirtschaftsgymnasium, Studium in Pforzheim, Auslandssemester in Australien, sehr guter Abschluss. Sie war drei Jahre jünger als Jörg, als sie in den Beruf ging.

Was läuft schief bei der Selbstvermarktung?

Laut Burkart und Wüst wird eine vor dem Studium absolvierte Lehre beim Einstiegsgehalt mit plus 4,8 Prozent belohnt; männliche Absolventen können häufiger eine Lehre vorweisen. Plus 4,1 Prozent mehr Gehalt bringt ein einsemestriger Auslandsaufenthalt, ein Aufschlag, von dem eher Frauen profitieren.

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Es bleibt aber ein Gehaltsabschlag von 8,7 Prozent, den Frauen offenbar allein aufgrund ihres Geschlechts hinnehmen müssen. Es wirkt sich stärker aus als beispielsweise die Examensnote (6,5 Prozent). Warum?

Viel liege an der schlechteren Selbstvermarktung, glauben Experten. Irgendetwas muss ganz grundsätzlich falsch laufen, wenn sich die meisten Frauen mit Gehaltszuwächsen zwischen einem und zehn Prozent zufriedengeben - während es der Hälfte der Männer gelingt, eine Erhöhung von mehr als zehn Prozent zu erstreiten, so das Ergebnis einer Studie von Andrea Ruppert und Martina Voigt von der FH Frankfurt.

Gehaltsvorstellungen: Frauen fürchten, den Bogen zu überspannen

Die zum Teil sozial erlernte Selbstdiskriminierung müsse abgelegt und durch eine härtere Verhandlungsstrategie ersetzt werden, raten viele Forscher. Brigitte Burkart bietet spezielle Trainings an, um das Feilschvermögen ihrer Absolventinnen zu fördern. Die Studentinnen sollen sich mit einer konkreten Stellenausschreibung vorbereiten: Was verlange ich? Wie gehe ich vor? In Rollenspielen üben die Frauen den Ernstfall. "Die Studentinnen finden das offenbar sehr hilfreich", sagt Burkart. "Viele von ihnen haben sich vorher noch nie mit dem Thema Gehalt beschäftigt."

Männer dagegen legen sich mehr Argumente fürs Bewerbungsgespräch zurecht, ersinnen Antworten auf Einwände, erwägen verschiedene Gesprächsverläufe.

"Zunächst einmal sollte man sich über Vergleichsgehälter informieren und den eigenen Marktwert recherchieren", sagt Andrea Ruppert. Dann gehe es darum, sich über die Situation der Personalchefs Gedanken zu machen - der will einerseits gute Leute, darf aber auch nicht zu viel ausgeben. "Es ist wichtig, zwischen der Person und den Interessen des Gegenübers zu unterscheiden."

Viel hängt von dem Betrag ab, den der Kandidat zuerst benennt. Die Chance ist am größten bei einem hohen, aber nicht übertrieben hohen Erstangebot. Doch was ist hoch - und was ist übertrieben hoch? Möglicherweise setzen viele Frauen die Grenze zu tief an. Wie Valerie haben sie Skrupel, den Bogen zu überspannen.

Der Löwe darf brüllen - aber Frauen sollen stets freundlich und bescheiden auftreten

Und sie haben allen Grund dazu. Ihre Zurückhaltung ist berechtigt, denn das Problem ist weitaus älter, tiefgründiger und komplizierter, als es auf den ersten Blick aussieht. Denn als Frau so dominant aufzutreten wie ein Mann werde von Männern - und die stehen meist auf der einstellenden Seite - nicht goutiert, berichten die Psychologinnen Alice Eagly und Linda Carli im "Harvard Business Manager". Es herrsche eine "Diskriminierung, die im Wesentlichen auf einer Reihe weitverbreiteter, bewusster und unbewusster Assoziationen zum Komplex Frauen, Männer und Führung" beruhe.

Untersuchungen ergaben, dass Menschen auf Dominanzverhalten der beiden Geschlechter höchst unterschiedlich reagieren. So ist etwa jeder Versuch, nonverbal die Situation zu kontrollieren, indem man zum Beispiel sein Gegenüber starr fixiert, für Frauen riskanter als für Männer. Ein entschlossenes Auftreten kann ihre Chancen auf eine Stelle oder einen Karriereschub sogar mindern.

Frauen stoßen schon auf Ablehnung, wenn sie einfach nur widersprechen - was bei Männern eher als Zeichen von Selbstbewusstsein und Durchsetzungsfähigkeit gewertet wird. Und wenn eine Frau aus verständlichen Gründen, etwa im Bewerbungsgespräch, ihre Vorzüge betont, wird das als höchst unbescheiden - sprich unfeminin - gedeutet.

Gut gebrüllt, Löwe Jörg...

Die Untersuchungen folgten der Methode des Goldberg-Paradigmas, benannt nach einem 1968 durchgeführten Experiment von Philip Goldberg. Damals mussten zwei Gruppen Studenten identische Aufsätze bewerten, deren einziger Unterschied darin bestand, dass mal ein Mann, mal eine Frau als Autor genannt wurde. Heraus kam, dass offenbar tiefgreifende Vorurteile den Blick auf die Geschlechter vernebeln: Außer bei traditionellen Frauenthemen wurde das vorgeblich von Autorinnen Geschriebene durch die Bank weg schlechter bewertet als dieselben Texte, wenn sie mit Männernamen unterzeichnet waren.

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"Knapp 40 Jahre später zeigen Experimente leider immer noch dieselbe Voreingenommenheit im Kontext des Arbeitslebens", schreiben Eagly und Carli. Bei der Besetzung von Stellen werden Männer den gleich qualifizierten Frauen vorgezogen, sowohl in Männerjobs als auch in geschlechtsneutralen. Nur in althergebrachten Frauenberufen haben weibliche Bewerber eine reelle Chance. Da wundert es kaum, dass Frauen sich eher in diesen Bereichen orientieren, statt sich in Männerdomänen aufs Abstellgleis schieben zu lassen.

Und auch die Tatsache, dass Jörg Poersch mehr hat herausschlagen können als Valerie Seitz, ist kaum noch verwunderlich. Sein Verhalten befand sich schließlich absolut im Einklang mit dem, was die Prüfer von ihm als Mann sehen wollten. Der Löwe hat gut gebrüllt.

...während Valerie Selbstzweifel zwicken

Wie aber hätte er sich an Valeries Stelle verhalten, die nach dem Abschluss zunächst zwei Monate ohne Job geblieben war? Hätte er 50.000 Euro gefordert? Nein, meint er, so forsch wäre er dann nicht aufgetreten.

Und Valerie? Wäre sie so hoch eingestiegen wie Jörg, der die Stelle schon während der Diplomarbeit angeboten bekam? Valerie Seitz überlegt. "Ich hätte sicher mehr als 40.000 verlangt, aber niemals so viel wie Jörg. So risikofreudig und so selbstsicher wäre ich nicht gewesen."

Selbst im Scheitern denken die Geschlechter unterschiedlich. Jörg Poersch auf die Frage, wie er mit einer Absage umgegangen wäre: "Ich würde mir denken: Da hat jemand nicht gesehen, wie gut ich bin."

Dagegen Valerie Seitz: "Ich würde mich fragen: Woran hat es gelegen? Was kann ich noch nicht?"


Michaela Schiessl ist SPIEGEL-Reporterin, Petra Riedel freie Journalistin. Ihr Beitrag erschien zuerst im Magazin UniSPIEGEL.

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