Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft Oh Gott, mein Chef ist Theologe

Muss es immer ein BWL-Koffermännchen sein, oder werden auch mal Denker zum Konzernlenker? Philosophen als Finanzberater, Historiker als Vorstandschefs - bei den Briten sind Quereinsteiger normal, in deutschen Firmen Exoten. Ein Fehler, sagen Personalprofis: Der Wirtschaft entgeht viel.

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Von Katrin Rössler


Hamburg - Latein und Griechisch, dazu noch Literatur und Philosophie der Antike: John Gladwyn widmete sich während seines Studiums in Oxford den Herren Virgil, Properz und Apollonius. Klingt nach einem angehenden Lateinprofessor oder auch nach einem weltfremden Philosophen oder Religionsgelehrten, der als Taxifahrer so gerade über die Runden kommt. Weit gefehlt: Der heute 25-jährige Engländer arbeitet als Finanzberater in London.

Ein Experte für das klassische Altertum im Finanzsektor? Ja, das geht, zumindest auf den britischen Inseln. Während seines Studiums schnupperte Gladwyn als Praktikant bei Blackrock rein, einer amerikanischen Kapitalanlagegesellschaft. Daraufhin bot man ihm dort einen Job an. Heute ist er bei dem Unternehmen Finanzberater für Wertpapiere. Branchenspezifisches Wissen brachte er keines mit. Man traute ihm aber zu, dass er sich die nötige Expertise aneignen würde. Das macht Gladwyn mit einem dreijährigen Fortbildungskurs, den er nun neben seinem Job absolviert.

Der Quereinstieg des gebürtigen Londoners könnte eine Ausnahme sein, ist es aber nicht. In Großbritannien ist ein solcher Spurwechsel durchaus üblich. Über sein Heimatland sagt Gladwyn: "Hier musst du dir weniger Gedanken darüber machen, für welches Fach du eingeschrieben bist, viel wichtiger ist ein guter Abschluss." Bei den Briten gebe es eine lange Tradition, Geisteswissenschaften zu studieren und später in die Wirtschaft oder in den öffentlichen Dienst zu wechseln. Das habe sich über Jahrhunderte hinweg etabliert und gelte immer noch.

Kein Geisteswissenschaftler in Dax-Vorstand

Prominente Beispiele unterstreichen den britischen Weg, den Gladwyns beschreibt. Darunter Richard Meddings, Finanz-Chef des börsennotierten Konzerns Standard Chartered - er studierte Moderne Geschichte. Oder Martha Lane Fox, Mitbegründerin der Online-Reiseagentur lastminute.com, ebenfalls Historikerin. Und auch: Anita Roddick, die mittlerweile verstorbene Gründerin und langjährige Chefin von The Body Shop. Sie absolvierte ein Studium in den Fächern Englisch und Geschichte.

In Deutschland, das sich einst mit seinen Dichtern und Denkern rühmte, ist eine Karriere à la John Gladwyn schwer denkbar, bestenfalls höchst unwahrscheinlich. Ein Blick auf die Dax-Konzerne sagt viel: Kein einziger reiner Geisteswissenschaftler sitzt in einem der 30 Vorstände. Drei der 184 Top-Manager studierten zwar ein geisteswissenschaftliches Fach, allerdings nur in Kombination mit Rechtswissenschaften, Recht und VWL. Dominiert werden die Dax-Vorstände von Wirtschafts- und Naturwissenschaftlern, Ingenieuren oder auch Juristen.

Ein absurder Zustand, wenn man bedenkt, dass die Deutschen ihre Geisteswissenschaftler eigentlich schätzen und ihnen immer wieder die Kern-Kompetenzen von Führungskräften zuschreiben. Wie etwa Christoph Anz, selbst Historiker und bei BMW für die Nachwuchssicherung verantwortlich: "Geisteswissenschaftler verfügen oft über stark ausgeprägte Sozialkompetenzen. Sie können Menschen mit verschiedenen Positionen zusammenbringen und haben dabei immer das Gesamtziel im Auge."

"Besonders gutes Händchen für Mitarbeiterführung"

Das sieht auch Bernd-Michael Schröter ähnlich. Der Frankfurter Personalberater ist seit 18 Jahren darauf spezialisiert, Führungskräfte in große Unternehmen zu vermitteln. "Geisteswissenschaftler haben ein besonders gutes Händchen für die Mitarbeiterführung. Während der typische Manager eher anhand von Zahlen entscheidet, sieht der Historiker oder Philosoph die Probleme oft aus einem anderen Blickwinkel und findet weniger starre, individuellere Lösungen", sagt er. Trotzdem hat Schröter in seiner langjährigen Laufbahn als Personalberater noch keinen Geisteswissenschaftler in einer Top-Position unterbringen können.

Wie ist dieser eklatante Unterschied zwischen Großbritannien und Deutschland zu erklären? Immerhin gibt es auch in Deutschland Einzelkämpfer, die bewiesen haben, dass Geisteswissenschaftler durchaus das Zeug zum erfolgreichen Manager haben. Zum Beispiel Nicola Leibinger-Kammüller: Die promovierte Germanistin leitet das schwäbische Laserunternehmen Trumpf und trägt Verantwortung für rund 8000 Mitarbeiter. Allerdings wurde sie von ihrem Vater ausgewählt, musste sich also keinen rigiden Bewerbungsverfahren unterziehen. Genau die sind aber ein großes Hindernis für Geisteswissenschaftler mit Ambitionen in der Wirtschaft.

"In Deutschland haben wir einfach eine andere Tradition in der Personalarbeit", erklärt BMW-Mann Anz. Die fachliche Ausbildung sei für die Unternehmen immer noch besonders wichtig. Ganz im Gegensatz zu Großbritannien, wo es viel stärker auf die Persönlichkeit ankomme. Gänzlich verschließt man sich den akademischen Denkern aber auch in deutschen Firmen nicht: Im Marketing, Personalwesen oder in der Öffentlichkeitsarbeit trifft man immer wieder auf sie. Doch auf diese Bereiche werden Geisteswissenschaftler in Deutschland beschränkt - und beschränken sich selbst.

Unflexible Firmen - und Geisteswissenschaftler stehen sich selbst im Weg

Denn Historiker, Philosophen oder Literaturwissenschaftler tragen durchaus ihren Teil dazu bei, dass sie es selten bis ins wirtschaftliche Topmanagement bringen. Ludger Heidbrink, Professor für Corporate Responsibility an der Uni Witten/Herdecke und von Haus aus Philosoph, attestiert den Geisteswissenschaftlern in Deutschland eine gravierende Skepsis gegenüber der Wirtschaft. "Viele haben Vorurteile und sind einfach nicht an einer Karriere in der Wirtschaftswelt interessiert." Geisteswissenschaftler seien eher idealistisch veranlagt und würden sich den Weg in Banken und industrielle Firmen oft selbst versperren.

Trotzdem rücken die Inhalte aus den Wirtschafts- und Geisteswissenschaften teilweise schon näher zusammen. Ökonomie-Fakultäten versuchen immer wieder, Elemente der Geisteswissenschaften wie etwa das Fach Ethik in ihre Studiengänge zu integrieren, mit mäßigem Erfolg, denn Wirtschaftswissenschaftlern gilt Ethik oft als "Laberfach". Und umgekehrt? Könnten philologische oder kulturwissenschaftliche Fakultäten nicht auch wirtschaftliche Themen stärker mit einbeziehen und ihre Absolventen so für die Unternehmen attraktiver machen?

Das wäre genau das, was Personaler Anz sich wünschen würde: "Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge haben häufig kein Verständnis für die Welt der Unternehmen und dafür, wie es in der Wirtschaft zugeht, wie eine Firma funktioniert." Doch auf Seiten von Philosoph, Historiker und Co. tut sich in diese Richtung wenig. "Geisteswissenschaftler sind einfach lethargischer", kritisiert Professor Heidbrink von der Uni Witten-Herdecke seine Kollegen.

Experten im Über-den-Tellerrand-Schauen

Somit werden Geisteswissenschaftler in den obersten Etagen der deutschen Wirtschaft wohl weiterhin Exoten bleiben. Damit lassen die Unternehmen wertvolles Potential brach liegen, denn Geisteswissenschaftler könnten dort wichtige Positionen besetzen, sagt Heidbrink. "Gerade idealistisch-ethisch geprägtes Führungspersonal wird in der Wirtschaft von morgen wichtiger sein denn je."

Und weil Nachhaltigkeit als Thema immer wichtiger werde, stellen sich auch neue Fragen: Welche Auswirkung hat eine Entscheidung auf die Gesellschaft? Was sind langfristige Konsequenzen? Oder: Wie bringt man Werte in Einklang mit wirtschaftlichen Interessen? Geisteswissenschaftler können bei solchen Fragen helfen, denn sie analysieren kritisch und ziehen Schlüsse aus der Vergangenheit für das Jetzt und Morgen. Kurz: Sie sind Experten im Über-den-Tellerrand-Schauen.

So wie John Gladwyn. Für ihn sind seine analytischen Fähigkeiten, die er aus seinem Studium mitgenommen hat, das Wichtigste. Seinen Werdegang sieht er sportlich: "Man übt auf einem Spielfeld und wechselt dann auf ein anderes. Sein Können kann man dort genauso anwenden."

Gladwyn hat bei den Römern und Griechen trainiert - heute spielt er für die Finanzexperten. Für den Briten völlig normal.

Katrin Rössler ist freie Journalistin in Düren.

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