Junger Investmentmanager Der Mann mit dem Tresorschlüssel

Wenn Start-up-Gründer Geld brauchen, klopfen sie bei Risikokapitalgesellschaften an. Dort entscheiden Leute wie Pawel Schapiro, welche Investitionen sich lohnen. Er sucht den potenziellen Senkrechtstarter - und bewegt Millionen.

Investmentmanager Schapiro: Think big

Investmentmanager Schapiro: Think big

Von Dennis Betzholz


Fünf Minuten braucht Pawel Schapiro, schon steht die Entscheidung: "Das passt nicht zu uns." Der Businessplan, den er ablehnt, sieht aus wie das Schnittmuster großer Gründerhoffnungen: Drei junge Männer, 25 bis 35 Jahre alt, studiert, aus Berlin, planen ein neues Start-up und suchen Investoren. Ihr benötigtes Kapital: 200.000 Euro. Geplanter Umsatz in fünf Jahren: zwei Millionen Euro.

Investmentmanager Schapiro kommentiert seine zügige Entscheidung so: "Die Jungs sind eher ein Fall für Business Angels. Wir investieren lieber in weiter fortgeschrittene Start-ups, die aggressiv wachsen und in fünf Jahren 100 Millionen Euro wert sein können."

Wir, das ist Creathor Venture, eine von etwa hundert Risikokapitalgesellschaften in Deutschland. Diese sogenannten Venture-Capital-Gesellschaften, kurz VC, sammeln Geld von finanzkräftigen Investoren ein, bündeln es in Fonds und geben es dann an Gründer weiter, die endlich richtig durchstarten wollen. Für die Geldgeber ist es eine lukrative Beteiligung an innovativen Ideen, mit hohem Risiko, aber idealerweise ebenso hohen Renditen. Für viele Jungunternehmer ist das Kapital der VCs die einzige Chance, ihren Gründertraum zu leben.

Einen Euro investieren, zehn gewinnen

Menschen wie Pawel Schapiro, 29 Jahre jung, Fünf-Tage-Bart, sind für sie die Coaches mit dem Schlüssel zum Tresor. Ihn und seine Kollegen müssen sie überzeugen. Die Entscheider sitzen in einer alten Stadtvilla in Bad Homburg, mit Glastüren und dunklen Premiummöbeln. Das Flair bei einem VC liegt irgendwo zwischen Unternehmensberatung und hippem Start-up: Meist gibt es keine Anzugspflicht, nur selten einen Tischkicker.

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Per E-Mail erhält Creathor Venture jedes Jahr unaufgefordert eine vierstellige Zahl an Businessplänen. Manchmal ist monatelang keine Idee dabei, in die es zu investieren lohnt. Schapiros Handwerk ist geschicktes Abwägen - nichts Gewinnbringendes übersehen, erst recht nicht falsch investieren: "Es ist unser Ziel, das Unternehmen nach drei bis sieben Jahren zu verkaufen und das Zehnfache unseres Einsatzes herauszuholen."

Dabei rechnen Risikokapitalgeber bewusst Abschreibungen ein, also Unternehmen, die scheitern oder dauerhaft weit unter den Erwartungen bleiben. "Vier von zehn Unternehmen, in die VCs investieren, können Sie komplett vergessen", erklärt Schapiro die Mischkalkulation. "Drei halten sich gut, aber bringen nicht die erwartete Rendite. Die drei Senkrechtstarter, sogenannte High-Flyer, aber sind die, die insgesamt den Erfolg eines VC-Fonds ausmachen."

Solche High-Flyer sucht Pawel Schapiro Tag für Tag bei Creathor Venture. Vor zehn Monaten bewarb er sich als Investmentmanager, eine äußerst beliebte und in Deutschland seltene Position. "Früher strebten die meisten, die etwas mit Betriebswirtschaft studiert haben, zur Unternehmensberatung oder zur Bank. Heute wollen sie zu Start-ups, mit denen ich täglich zu tun habe", sagt Schapiro.

Auf das Team kommt's an

Meist führt der Weg zu VCs über eine Karriere in einer Unternehmensberatung oder über ein eigenes Start-up. Schapiro kommt selbst aus dem operativen Geschäft. Der gebürtige Ukrainer studierte Medienmanagement und arbeitete dann in Moskau und Berlin für Gründungen von Rocket Internet; dahinter stecken die nicht unumstrittenen Samwer-Brüder. Für sie entwickelte er unter anderem den russischen Zalando-Ableger Lamoda weiter, "eine sehr lehrreiche Zeit".

Sein neuer Arbeitgeber ist derzeit an 30 Unternehmen beteiligt, entweder innovative Internet-Start-ups oder forschungsintensive Medizin- und Biotechnik-Unternehmen. Aber wann investiert ein VC? "Wir suchen keinen deutschen, sondern mindestens einen europäischen Marktführer der Zukunft", sagt Schapiro, "doch die beste Idee scheitert, wenn nicht die richtigen Leute sie umsetzen."

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Daumen hoch oder runter - der wichtigste Faktor sei das Team. Gründer, die bereits zuvor ein Start-up gewinnbringend verkauft haben, hätten größere Chancen auf eine Finanzspritze als Neulinge. Die besten Deals, so Schapiro, kommen jedoch übers eigene Netzwerk zustande.

"Wir denken langfristig und groß"

Investiert hat Creathor Venture zum Beispiel in den Terminfinder Doodle, den Web-Fernsehsender Joiz und das Fashion-Portal Stylefruits. Schapiro betreut derzeit drei der 30 Unternehmen im Portfolio. "Als Investmentmanager brauchst du Flexibilität im Kopf und breites Allgemeinwissen. Jedes Investment ist anders", sagt er. Seine Geschäftspartner zahlten es zurück: mit Mut, Visionen, Risikobereitschaft und der Leidenschaft, etwas Eigenes zu starten. "Ich bekomme Einblicke in Start-ups, die kaum ein anderer erhält. Sehr, sehr spannend."

Auch finanziell können Venture Capital Manager ab einer gewissen Ebene von Fonds-Erfolgen profitieren. Zum Festgehalt schütten die meisten VCs auch einen "Carry" aus: Wenn es besonders gut läuft, erhalten Mitarbeiter einen Teil der Kapitalerträge - nachdem die Fonds-Investoren ihr Geld inklusive Rendite zurückbekommen haben.

"Wir sind nicht so operativ wie Start-ups. Wir denken langfristig und groß", sagt Schapiro und öffnet einen weiteren Businessplan. Der klingt schlüssig. Es geht um einen digitalen Trend, der noch in den Kinderschuhen steckt: das vernetzte Heim.

Nach ein paar Stunden weiß Schapiro alles, was er zunächst wissen muss. Er wird die in der Szene bekannten Gründer anrufen, sie kritisch hinterfragen. Vielleicht erhalten sie eine Einladung nach Bad Homburg, um ihre Idee ausführlich vorzustellen. Und vielleicht wird das der Anfang des nächsten großen Start-ups.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Dr.Watson 31.03.2015
1. Och Joh!
Ich gehe jede Wette ein, das nicht ein einziges Startup Unternehmen für "lohnend" erachtet wird, deren Gründer so um die 50 oder älter sind.
larsmach 31.03.2015
2.
Altmodische Unternehmer, auf deren Schultern Deutschlands Wohlstand und Stabilität ruhen, mögen sich wundern über Unternehmensgründer, die "schon zuvor ein Start-Up gewinnbringend verkauft haben", wobei "gewinnbringend" in der Realität auch heißen kann: Unternehmen ohne Erträge, deren Anteile nichtsdestotrotz (gerade) teuer gehandelt werden - oder zynisch: "Ex und hopp". Altmodische Unternehmer vermeiden Finanzierungsrunden durch Einwerben fremden Eigenkapitals, und ein erfolgreich aufgebautes (und nicht verkauftes!) Unternehmen mit stabilen Einnahmen bietet genug Grundlage, um ein weiteres zu gründen - und dann erst Recht ohne Beteiligung fremder Investoren. Es ist überhaupt oft zu beobachten, dass sogenannte "Wagniskapitalgeber" am liebsten in Unternehmen mit geprüften Lösungen und Einnahmen investieren. Ein mit mir befreundeter VC Fondsmanager aus Kalifornien räumte ein, dass einige seiner Portfoliounternehmen ihr Wachstum auch leicht mit Krediten hätten finanzieren können - dank bereits vorhandener Umsätze und Einnahmen. In der Welt des "Venture Capital", in der es eigene Riten, Helden und Terminologie gibt, sind solche althergebrachten Wege wohlmöglich nicht naheliegend genug.
bud.spencer69 31.03.2015
3. 29 Jahre alt ist Herr Schapiro...
Mit 29 Jaren würde ich mir nicht anmassen mich "Investmentmanager" zu nennen. Was hat denn Herr Schapiro mit seinen 29 Jahren an Erfahrung gesammelt, um behaupten zu können die Zukunftsaussichten eines Unternehmens zu beurteilen? Wenn ich es mal "berechne": nach Uni Abschluss (gehen wir mal von 24 Jahren aus) hat er maximal 5 Jahre Berufserfahrung sammeln können. Start Ups sollten sich wirklich hinterfragen, bei WEM sie um Start Up/Venture/Growth Capital anfragen. Ein wenig mehr Berufserfahrung darfs schon sein, nicht wahr?
ofelas 31.03.2015
4.
Offensichtlich hat Herr Shapiro einen guten Draht zu den Medien. Er wird sich sicher jetzt mehr Nachfrage erfreuen.
hubertrudnick1 31.03.2015
5. Start up
Neuer Name für ein altes Produkt. Wichtig dabei ist nur, dass man Geld von anderen einsammeln kann, alles wie schon gehabt.
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