Gelingen & Scheitern "Die Lorbeeren von heute sind der Kompost von morgen"

Reinfall oder Erfolg? Alles nur eine Frage der Definition, sagt Stephan Jansen. Im Interview spricht der Präsident der Zeppelin-Uni über den Geruch des Scheiterns, die Träume junger Berufsstarter und das Gute an seiner Legasthenie.

Heute ein König: Erfolg im Beruf ist vergänglich
Corbis

Heute ein König: Erfolg im Beruf ist vergänglich

Ein Interview von Julia Graven


Ferdinand Graf von Zeppelin galt einst als größenwahnsinnig, aber auch als Flugpionier. Die Geschichte seiner Luftschiffe kennt Höhenflüge wie dramatische Abstürze. Einer davon, 1908, führte zur Gründung der Zeppelin-Stiftung. Sie finanziert heute die private Zeppelin Universität am Bodensee (ZU), wo man Wirtschaft, Politik und Kultur studieren kann.

ZU

Laut Stephan A. Jansen, 42, der das Profil der ZU prägt, soll die Uni nicht Zahlenschubser heranbilden, sondern kluge Querköpfe; er wünscht sich keine karrierefixierten Großverdiener, sondern Gesellschaftsveränderer. Jansen studierte Wirtschaftswissenschaften, arbeitete bei Großunternehmen und schrieb etliche Fachbücher. Er nennt sich einen Anfänger, einen "ewigen Gründer".

KarriereSPIEGEL: Mit 31 Jahren kamen Sie als Gründungspräsident an die Zeppelin Universität. Zuvor hatten Sie schon drei Unternehmen gegründet: Zwei überlebten nicht, das dritte hätten Sie auch beinah an die Wand gefahren. Eine traumatische Erfahrung?

Jansen: Na ja, dass ich das "an die Wand gefahren" habe, würde ich so nicht sagen. Wir waren die ersten Anbieter von "Electronic Government", also der Digitalisierung von Verwaltungsfachverfahren. Die Aufträge wurden vom Staat nur nicht bezahlt. An meinem 30. Geburtstag saß ich im Amtsgericht Bochum - für die Insolvenzanmeldung: Ich guckte voller Wut nach oben auf eine völlig desolate Decke, Zeichen öffentlicher Verwahrlosung. Ich musste warten auf ein Verfahren, das ich selbst digital anbieten konnte!

KarriereSPIEGEL: Sind Sie ausgerastet?

Jansen: Nein, direkt wieder in die Firma gefahren. Meine Mitarbeiter hatten eine Geburtstagsparty vorbereitet. Am Abend habe ich nochmals alle Millionäre angerufen, die ich kannte. Das waren nicht viele, aber ich bekam in der Nacht noch die Zusage für eine Anschlussfinanzierung. Und seitdem trägt sich das Unternehmen nun im 13. Jahr selbst.

KarriereSPIEGEL: Vorbei ist der Spaß allemal, wenn 50 Mitarbeiter ihren Job verlieren und man selbst mit Ende zwanzig bis über beide Ohren verschuldet ist...

Jansen: Absolut. Das läuft nicht nach dem Motto: Man kann ja auch mal scheitern. Da ist Verantwortung. Deswegen habe ich für Insolvenzverschleppung sehr großes Verständnis. Das sind oft keine Zocker, sondern Menschen in existentieller Not.

Fotostrecke

10  Bilder
Stilvoll straucheln: Und immer wieder aufstehen
KarriereSPIEGEL: Würden Sie sagen, dass man aus jedem heftigen Fehlschlag lernt?

Jansen: Ja, denn die Balance aus Hybris und Selbstzweifeln kommt durcheinander. Darum müssen Studierende sich bei uns in Situationen ausprobieren, in denen sie den Geruch und das Gefühl des Scheiterns erfahren und sich dabei beobachten.

KarriereSPIEGEL: Was genau sollen Wagnismomente den Studenten bringen?

Jansen: Resilienzfähigkeit, also das Wiederaufstehen danach. Das Scheitern, die Katastrophe, die Krise ist die Normalität. Trotzdem tun wir so, als müssten wir immer erfolgreich sein.

KarriereSPIEGEL: Wollten Sie nicht auch mal mit dem Bundesforschungsministerium und einer Bank einen Fonds für gestrauchelte Unternehmensgründer auflegen?

Jansen: "Plan B" hieß das. Wir wollten die These bestätigen, dass Leute, die nach einem Flop noch mal eine Firma gründen, entweder neurotische Typen sind oder tatsächlich eine Lernkurve hatten und es dann hinkriegen.

KarriereSPIEGEL: Wahrscheinlich waren Banken nicht gerade begeistert von so einem Experiment.

Jansen: Deutschland hat keine Kultur der zweiten Chance, das ist Fakt. Wer einmal gescheitert ist, kann zur Rehabilitation nur noch Beamter werden. "Plan B" ist durchgefallen. Aber die Idee bekommt noch eine zweite Chance.

KarriereSPIEGEL: Traditionell wird beruflicher Erfolg gemessen nach Gehaltsstufen und untergeordneten Mitarbeitern. Wie sonst lässt er sich definieren?

Jansen: Hey, das ist aber Eighties. Erfolg definiert sich durch Zuschreibung Dritter. Ob jemand oder etwas als erfolgreich gilt, hängt nicht zuletzt davon ab, wer die Deutungshoheit in der Sache hat. Erfolgreich ist etwas, das reich an Folgen ist.

KarriereSPIEGEL: Ist nicht jemand wie Christian Wulff eindeutig gescheitert? Aus dieser Niederlage könnte auch die beste PR-Agentur keinen Sieg mehr machen.

Jansen: Medial stimmt das. Aber sind beispielsweise gefeierte Investmentbanker, die sich zum Psychotherapeuten in Indien ausbilden lassen, erfolgreich oder nicht? Eigentlich haben sie gerade eine Milliarde Euro versemmelt.

KarriereSPIEGEL: Müssen wir lernen, uns nicht am Erfolg der anderen zu messen?

Jansen: Ja, die Hierarchie als Referenz des Erfolgs wird der Selbstreferenz weichen. Ein richtiges Urteil in maximaler Unsicherheit spürt man nur selbst: körperlich. Egal, ob das hinterher schiefgeht - es hilft in künftigen Entscheidungssituationen, wenn man sich an dieses Gefühl erinnert.

KarriereSPIEGEL: So hätte es auch ein Yogi sagen können. Was heißt das konkret?

  • Corbis
    Wer arbeitet, macht auch Fehler. Kleine und größere Fehlschläge sind immer drin - aber man kann das Risiko senken oder wenigstens klug damit umgehen. Ob Ihre Ziele realistisch sind, wann Ehrgeiz in Verbissenheit umschlägt:
  • Der Selbsttest hilft bei der Einschätzung. mehr...
Jansen: Bei dieser Unterstellung muss ich erst einmal langsam durchatmen. Ein Beispiel: Drei ZU-Studenten haben mit dem Start-up DeinBus.de einen Gerichtsprozess gegen die Deutsche Bahn gewonnen und deren Fernverkehrsmonopol gekippt. Ein unglaublicher Erfolg, ein richtiges Urteil. Jetzt gibt es Wettbewerb. Es könnte also sein, dass die am Ende nicht erfolgreich sein werden. Trotzdem haben sie etwas möglich gemacht, daran werden sie sich immer erinnern.

KarriereSPIEGEL: Eine gemeinsame Studie der Sozialunternehmerorganisation Ashoka und der Unternehmensberatung McKinsey zeigte kürzlich: 39 Prozent der befragten Deutschen lehnen Jobs ab, die sie als nicht sinnstiftend empfinden. Sind die Zeiten der Kaminkarriere - jung hinein ins Großunternehmen, möglichst weit und rasch aufsteigen - vorbei?

Jansen: Bei Führungsaufgaben scheint die Generation Y desillusioniert. Sie sehen auch, dass Führung anstrengend ist. Etliche fragen sich deshalb: Will ich diesen Karriere-Fahrstuhl eigentlich, nehme ich die Treppe - oder bleibe ich dort, wo ich mich gut fühle?

KarriereSPIEGEL: Da müssten Personalchefs doch die Tränen kommen - Erfolg ist nicht mehr sexy?

Jansen: Ja, wir haben Taschentücher vorbereitet. Beruflicher Erfolg ist für die junge Generation stärker mit sinnstiftender Wirksamkeit für Dritte verknüpft. Ich finde das auch viel charmanter als dieses Gehabe mit Lorbeerkranz und Medaillen. Lorbeeren von heute sind der Kompost von morgen.

KarriereSPIEGEL: Aus welchem Scheitern haben Sie persönlich am meisten gelernt?

Jansen: Meine Legasthenie hat mich früher unglaublich genervt. Vor allem, weil ich auch damals schon gern und viel geschrieben habe. In der Schule wurden mir immer drei Punkte abgezogen, nur wegen der Rechtschreibung. Da habe ich mir, mit Trotz, gesagt: Rechtschreibung, hallo, das ist doch nicht schwer! Ich habe mir dann ein fotografisches Gedächtnis antrainiert und mir einfach so gemerkt, wie Wörter geschrieben werden. Das Tolle ist: Ich bin heute immer noch Legastheniker, aber ich finde jeden Rechtschreibfehler anderer sofort.

Aus SPIEGEL JOB 1/2013
  • Das Interview mit Stephan Jansen ist ein Beitrag aus dem Magazin SPIEGEL JOB mit Beiträgen aus der Berufswelt - für Einsteiger, Aufsteiger, Aussteiger. Weitere Themen sind zum Beispiel: Die Sinn- und Glückssucher der Generation Y. Gripsgewinnler - Karrierefaktor Intelligenz. Geschichten vom Gelingen und Scheitern. Wie junge Deutsche ihr Glück in Hollywood versuchen. Und noch viel mehr. Schauen Sie doch mal rein.
  • Heft versandkostenfrei bei Amazon bestellen

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
titopoli 12.11.2013
1. Die Zeppelin-Uni ist ein absolut diskussionswürdiges Modell
Also: Danke für das Interview. Dass die Uni einen privaten Träger hat, stört nicht. ÖR Unis mit guten Ideen sind auch willkommen. Es ist schon bemerkenswert, welche Ideen die wenigen privaten auf den Weg gebracht haben. Mit Bologna zB scheinen sie ja bestens zurecht zu kommen - so wie auch die staatl. Unis in Holland. Es geht also nicht um den Gegesatz "staatlich" versus "privat", sondern um Bürokratie versus Phantasie.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.