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Neue Arbeitswelt "Die Generation Y ändert die Unternehmen"

Sie wollen die Welt verbessern, aber nur ein bisschen. Sie wollen hart arbeiten, aber eher nicht Boss werden. Die Generation Y irritiert viele Vorgesetzte. Thomas Sigi, Personalvorstand bei Audi, spricht im Interview über die 1980 bis 1995 Geborenen: "Machtspielchen kommen auf den Prüfstand."
Junge Menschen: "Die Generation Y tritt sehr selbstbewusst auf"

Junge Menschen: "Die Generation Y tritt sehr selbstbewusst auf"

Foto: Corbis

Frage: Herr Sigi, quer durch die Republik versuchen Personaler die "Generation Y" zu ergründen, also die zwischen 1980 und Mitte der Neunziger Geborenen, die nun in den Unternehmen einsteigen. Was ist denn so rätselhaft an dieser Generation?

Thomas Sigi: Rätselhaft nichts - die Generation Y ist aber anders. Sie ist die erste Generation, die mit dem Internet von Kindesbeinen an aufgewachsen ist, dazu in materieller Sicherheit sowie meist bestens ausgebildet und mit internationalem Horizont. Sie tritt sehr selbstbewusst auf - auch, weil der demographische Wandel und der Fachkräftemangel es für Unternehmen notwendig machen, stärker auf sie einzugehen.

Frage: Dazu muss man sie aber erst mal verstehen. Weil bei Audi jeder fünfte Mitarbeiter zu dieser Generation gehört, haben Sie kürzlich eine Studie in Auftrag gegeben, um ihre Wünsche und Ansprüche besser kennenzulernen. Wurden andere Generationen ebenso intensiv erforscht?

Sigi: Nein, dieser Fokus auf eine Generation ist ein Novum. Die für die Studie Befragten sind im Schnitt seit anderthalb Jahren bei Audi. Und wir merken schon jetzt, dass sie die Art und Weise, wie wir - und auch andere Unternehmen - arbeiten, verändern werden. Deshalb wollten wir verstehen, was diese Generation antreibt.

Frage: Was haben Sie herausgefunden?

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Umfrageergebnisse: Es muss nicht immer Aufstieg sein

Foto: Deutscher Führungskräfteverband ULA

Sigi: Die jungen Menschen suchen Herausforderungen, ein Job muss für sie spannend und abwechslungsreich sein. Sie wollen auch Verantwortung übernehmen, aber stärker für Inhalte und Sachthemen. Führungsverantwortung oder ein Aufstieg in der Hierarchie sind für sie nicht mehr so erstrebenswert wie für die Generationen vor ihr. Deshalb hat Audi vor zwei Jahren auch die Fachlaufbahn parallel zur Führungskarriere institutionalisiert.

Frage: Niemand will also mehr Chef werden.

Sigi: So pauschal ist das nicht richtig. Aber die Attraktivität von Führungsaufgaben ist in dieser Generation schon gesunken. Insgesamt sind die Jungen eben sehr pragmatisch und kooperativ, sie denken in Netzwerken. Jemand, der oben sitzt und Befehle erteilt, passt da nicht ins Bild. Sie suchen Lösungen lieber in einer Community, nicht bei den Autoritäten. In einer großen internationalen Studie zur Generation Y gab es deutlich über 40 Prozent Zustimmung zu der Aussage "Ich frage denjenigen, der mir helfen kann, ansatzweise werden die formellen Strukturen beachtet". Das ist ziemlich charakteristisch.

Frage: Im Umkehrschluss heißt das: Die wollen nicht führen - aber auch nicht geführt werden.

Sigi: Zumindest haben sie ein stärker inhaltliches Verständnis von Führung. Wer bei einem Thema am besten Bescheid weiß, darf bestimmen. Man darf eins nicht vergessen: Diese Generation ist behütet aufgewachsen. Aufmerksamkeit, Förderung und Lob der Eltern spielten eine große Rolle, später dann Diskussionen mit Lehrern und Professoren. Sie wurden zur Selbständigkeit erzogen und sind es gewohnt, mit Autoritäten auf Augenhöhe zu sprechen.

Frage: Gleichzeitig legen die "Digital Natives" enormen Wert auf Feedback.

Sigi: Richtig, aber die Entscheidung, ob die Rückmeldung auch adäquat ist, treffen die "Ypsiloner" dann wieder selbst. In unserer Studie lautete zum Beispiel eine Aussage zu diesem Thema: "Ich nehme Feedback an. Mein Umgang mit Kritik hängt jedoch von der Art und Weise ab, wie diese vermittelt wird." Fast 40 Prozent stimmten dem zu.

Frage: Wie soll ein Unternehmen mit solchen Diven arbeiten?

Sigi: Beide Seiten werden sich anpassen müssen - deshalb ist es ja so entscheidend zu wissen, was diese Generation antreibt. Sie will flache Hierarchien, wenig Autoritäten, im Mittelpunkt soll die inhaltliche Aufgabe und nicht die Arbeitszeit stehen. Daneben sind ihnen selbständiges Arbeiten, Selbstverwirklichung und Gestaltungsspielräume wichtig - allerdings eher im Rahmen konkreter Projekte, nicht prinzipieller gesellschaftlicher Veränderungen. Diese Generation will nicht mehr die Welt verändern, sondern ein kleines bisschen besser machen. So wie ein Update für eine Software, die im Grunde gut funktioniert.

Frage: Wo hat denn diese Generation aus Ihrer Sicht noch Defizite?

Sigi: Ihr kollaborativer Arbeitsstil hat viele Vorteile. Aber nicht alle Probleme lassen sich im Netzwerk lösen, manchmal muss man auch harte Entscheidungen treffen. Da tun sich die Ypsiloner noch etwas schwer. Und wirklich überrascht hat uns in unserer Studie, dass die Mobilität abnimmt. Die Jungen wollen nicht mehr so oft umziehen, und im Ausland waren sie meist schon während des Studiums. Diese Einstellung ist völlig gegenläufig zum Bedarf der Unternehmen.

Frage: Und wie werden sich umgekehrt die Firmen unter dem Einfluss der "Digital Natives" verändern?

Sigi: Alles das, was eine hierarchische Organisation ausmacht, wird auf den Prüfstand kommen: Herrschaftswissen, Kontrolle, zentrale Steuerung, Machtspielchen. Stattdessen werden offenes Wissensmanagement, flache Organisationen, gelebte Work-Life-Balance, gute Fehlerkultur, hierarchielose Kommunikation und Vertrauen wichtiger - für Führungskräfte und für Mitarbeiter. Heute gibt es Mitarbeiterbeurteilungen - künftig wird es auch Chefbeurteilungen geben. Vor allem aber werden Werte entscheidend. Die Generation Y will Sinn in dem, was sie tut. Unternehmen müssen den sozialen Aspekt ihres Tuns stärken. Das gilt übrigens auch für Führungskräfte persönlich.

Frage: Auch für Sie als Vorstand?

Sigi: Selbstverständlich. Ich fahre schon seit vielen Jahren zweimal im Monat ehrenamtlich als Rettungssanitäter. Der leitende Notarzt ist praktischerweise mein Nachbar, ich fahre ihn zu den Einsätzen. Mir ist das wichtig, um den Kontakt zur Welt jenseits des Konzerns nicht zu verlieren.

Frage: Das Einsatzfahrzeug ist hoffentlich ein Audi?

Sigi: Traditionell war es immer ein BMW. Als ich dann von ZF Friedrichshafen zu Audi wechselte, habe ich das natürlich gleich geändert. Seitdem fahre ich in einem Audi Q5 oder A3.

Das Interview führte Klaus Werle (Jahrgang 1973), Redakteur beim manager magazin.

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