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Management trifft Mensch Lass' niemals einen Bewerber warten

Viele Firmen kämpfen mit üppigem Internetauftritt und großen Events um junge Talente. Dabei wünscht sich die Generation Y eigentlich bloß einen zuverlässigen Chef, der auch mal lobt.
Wartende Bewerber: Früher war früher, heute ist heute

Wartende Bewerber: Früher war früher, heute ist heute

Foto: Corbis

Neulich beim Assessment-Center (AC) eines großen Mittelständlers im Süden Deutschlands. Genauer: kurz vor dem Beginn des Assessment-Centers. 30 junge Talente - bestens ausgebildet, digital-nativ und international - stehen sich in der Lobby der Konzernzentrale die Füße in den Bauch. Der Personalleiter, der sie abholen soll, verspäte sich, sagt die Empfangsdame teilnahmslos.

Eine Viertelstunde vergeht, eine halbe. Kein Personalleiter in Sicht, damit auch kein Eignungstest. Der ist de facto trotzdem schon gelaufen, Ergebnis: durchgefallen. Allerdings nicht die Bewerber, sondern die Firma. Allgemeine Stimmung: "Wer uns warten lässt, hat uns nicht verdient."

Jahaa, so ist sie, die Generation Y: Da bietet man ihr gnädigerweise die Gelegenheit, ihre Eignung fürs ordnungsgemäße Verdienen der eigenen Brötchen unter Beweis zu stellen. Und dann zieht sie maulig wieder ab, nur weil dringende Geschäftsangelegenheiten eine vielbeschäftigte Führungskraft ein paar Minütchen kosten. Das hätte es früher nicht gegeben!

Stimmt. Weshalb uns das Universum auch diesen feinen Unterschied beschert hat: Früher war früher, heute ist heute. Und heute ist die Macht mit denen, die man früher "Bewerber" nannte. Da mögen altgediente Manager trefflich klagen über das divenhafte Gebaren der Talente, die sich aufführen wie die Klassenschönheit beim Sommerfest. Nur: Das ist dann etwa so zielführend wie das Gejammer des Stufenstrebers, dass die Klassenschönheit jetzt schon zum dritten Mal mit dem muskulösen Erik tanze, obwohl er selbst schon vor, Moment, ja, vor exakt 39 Minuten um einen Tanz gebeten habe. Sogar schriftlich, per SMS!

Kamera aus, Alltag an

Beinahe rührend ist es zu sehen, wie sich die Unternehmen abmühen im Kampf um die Talente: hochkreative Instagram-Aktionen, Kaminabende mit dem Top-Management, schicke Websites, vollgestopft mit Texten, Fotos und Filmen, in denen total authentische Testimonials agieren: "Warum sollen wir Schauspieler casten, wo doch unsere Mitarbeiter am besten für uns sprechen können?"

Das ist super. Aber tatsächlich hilfreich wäre es, wenn besagte Mitarbeiter noch genauso gut drauf, engagiert und voller toller Ideen wären, wenn die Kamera aus ist und der Alltag an. Zum Beispiel, wenn es darum geht, eine Gruppe von Bewerbern für ein Assessment Center zu begrüßen.

Wenn Mitarbeiter - übrigens egal welcher Generation - kündigen, dann erschreckend oft wegen der direkten Vorgesetzten und Kollegen. Es hilft Unternehmen wenig, nach außen ein super Image zu haben, wenn die Führungskräfte innen sich einen Dreck darum scheren. People join organizations - and leave managers.

Die gute Nachricht für alle, die Snapchat für eine ausgefallene Eissorte halten: Klar, Website, Filmchen, Testimonials, das muss man alles machen. Aber so ganz altmodische Sachen kommen auch nicht schlecht an bei den begehrten Jungen: Eine gute Arbeit loben. Oder ein Versprechen halten. Oder pünktlich sein.

Dann klappt's auch mit der Klassenschönheit.

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