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New Work So haben die Millennials die Arbeitswelt verändert

Sie wollen Sabbaticals statt Dienstwagen, Sinn statt Beförderungen. Und Chefs, die mehr coachen als kontrollieren: Die Generation Y fordert einen Wandel der Arbeit - was hat sie bereits erreicht?
Valerie Ludwig

Valerie Ludwig

Foto: Privat

In Valerie Ludwigs Brust schlagen zwei Herzen. Eins fürs Management von Großunternehmen und eins für die Entwicklungshilfe. Dass die 28-Jährige nun ein Jahr Pause von ihrem Job bei einer der weltweit größten Unternehmensberatungen macht und für die Welthungerhilfe arbeitet, hat aber nicht nur mit diesen zwei Herzen zu tun.

Sondern auch damit, dass ihr Arbeitgeber, die Boston Consulting Group (BCG), festgestellt hat: "Viele junge Arbeitnehmer der Generation Y suchen nicht nur nach einem Job mit gutem Gehalt und ausgeglichener Work-Life-Balance, sondern auch nach Flexibilität und einer 'sinnstiftenden Tätigkeit'." Deshalb unterstützt BCG es auch finanziell, wenn Mitarbeiter sich für ein Jahr lieber mit der Rettung der Welt als der Optimierung von Großkonzernen beschäftigen möchten.

Sprechen Forscher über die Millennials oder die Generation Y, also die 1980 bis 2000 Geborenen, zeichnen sie genau dieses Bild: Diese Generation sei, entgegen vieler Vorurteile, durchaus leistungsorientiert und möchte auch erfolgreich sein - aber nicht auf Kosten der Familie, Freunde oder persönlicher Interessen.

Die Generation Y möchte eine Arbeit, die sinngebend ist und zur Selbstverwirklichung beiträgt. Eine "Synthese aus Leistung und Lebensgenuss", nennen es die Wissenschaftler. Diese Wünsche sind natürlich nicht gänzlich neu. Neu ist: Diese Generation formuliert sie und fordert sie ein - und zwar nicht erst nach 20 Berufsjahren, sondern von Beginn an. Sie verzichtet auf Geld zugunsten von mehr Freizeit und möchte trotzdem die Führungsposition.

Erklären lässt sich dieses Verhalten zum einen mit einer Erziehung, die in sicheren und satten Zeiten von Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Wunscherfüllung durch die Eltern geprägt war. Und mit weniger Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt: Viele Branchen suchen derzeit händeringend nach Azubis und Fachkräften.

Damit ihnen die Leute nicht weglaufen, gehen daher längst viele Unternehmen mit dem Zeitgeist. Sie locken mit flexiblen Arbeitszeiten, Homeoffice und firmeneigenen Kitas. Selbst die IG-Metall befand kürzlich, dass Arbeit zum Leben passen müsse, und lässt den Mitarbeitern künftig die Wahl zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit.

Doch: Wird das alles schon gelebt, oder findet die schöne neue Arbeitswelt bislang hauptsächlich auf dem Papier statt? Hat sich wirklich schon etwas verändert, und wenn ja, was?

Tatsächlich sind Gleitzeit, Teilzeit, Elternzeit und Sabbaticals in vielen Unternehmen längst etabliert. Vielleicht auch, weil Arbeitnehmer erkannt haben: Wenn die Arbeitszeit immer entgrenzter wird und Chefs davon ausgehen, dass man auch abends noch E-Mails checkt, dann müssen sie im Gegenzug ebenfalls flexibles Arbeiten ermöglichen. Allerdings: Es hängt auch von der Branche ab, von der Größe des Unternehmens und davon, ob sich Arbeitnehmer trauen, diese Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen.

Eine große Veränderung hat hingegen fast über alle Branchen hinweg in den vergangenen zehn Jahren stattgefunden: dass Väter in Elternzeit gehen. Zwar nehmen noch immer die meisten - laut Statistischem Bundesamt 80 Prozent von ihnen - nur die zwei Monate, die zusätzlich vom Staat gefördert werden und sonst verfallen würden, und viele kochen in der Zeit keinen Biomöhrenbrei, sondern reisen mit der Familie um die Welt, aber dennoch: Es ist normal geworden - und zwar immer unabhängiger davon, ob der Job oder die Karriere schon sicher sind.

Selbst in männerdominierten und konkurrenzgeprägten Branchen wie der Finanzwelt bewegt sich etwas: Nahmen zum Beispiel bei der Deutschen Bank im Jahr 2007 nur drei Männer Elternzeit, waren es 2017 bereits 668.

Jan Boehm, 47, ist Manager und Führungskraft bei der Deutschen Bank. Und er war zweimal in Elternzeit.

Jan Boehm

Jan Boehm

Foto: Thilo Schmülgen

Bei seinem ersten Kind im Jahr 2011 hat Boehm vier Monate lang 50 Prozent gearbeitet, bei seinem zweiten war er komplett zwölf Monate raus. "So war es das Beste für uns als Familie", sagt er. "Meine Frau hat sich in der Zeit vor allem um das Baby gekümmert und ich mich um das ältere Kind."

Nachteile für seine Karriere habe er nicht befürchtet, da er in seinem Job damals bereits etabliert war, sagt Boehm. "Männliche Kollegen mit älteren Kindern waren zum Teil zunächst überrascht, aber dann oft auch etwas neidisch. Sie ärgern sich im Nachhinein, dass sie selbst nicht so viel Zeit mit ihren Kindern hatten."

Zurückgekehrt ist Boehm allerdings in Vollzeit. Anders ginge es in seinem Job nicht, sagt er: "Ich arbeite viel." Dabei seien ihm flexible Arbeitszeiten jedoch auch wichtiger als Teilzeit. Er müsse ohnehin ständig mit den Gedanken voll dabei und erreichbar sein. Was der Manager hingegen verändert hat: "Ich hinterfrage jeden Abend, an dem ich nicht zu Hause bin."

Anders als mit Auszeiten tun sich Firmen bei Thema Jobsharing immer noch schwer, ebenso mit etabliertem Homeoffice. Offiziell bieten zwar immer mehr Arbeitgeber die Heimarbeit an, doch in der Praxis, so klagen viele Arbeitnehmer, wäre das dann doch schwierig beziehungsweise unerwünscht und bliebe die Ausnahme.

Und generell gilt: Wer zwischen Homeoffice, freien Freitagen, zwischen Dienstwagen und BahnCard 100 wählen kann, gehört zu einer privilegierten Minderheit in Deutschland, die gut ausgebildet ist und meist in sogenannten Mangelberufen, wie im Mint-Bereich, in der Tech-Branche oder projektbezogen arbeitet.

Im Einzelhandel, in der Logistikbranche und anderen Dienstleistungsberufen muss inzwischen hingegen rund um die Uhr und auf Abruf gearbeitet werden. Und klar ist auch, dass Ärzte, Kassierer und Klempner schlicht nicht von zu Hause arbeiten oder spontan früher Schluss machen können, weil das Wetter gerade so schön ist und sie den Rest dann einfach später erledigen.

Es gibt aber tatsächlich eine Veränderung, die laut Forschern und Vorgesetzten vor allem auf die Millennials zurückzuführen ist und die sich langsam in Unternehmen durchsetzt, - offenbar unabhängig von Branche und Größe: Das Klima zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern wandelt sich.

"Die Generation Y hat ganz andere Erwartungen an den Führungsstil ihrer Chefs als die Generationen vor ihnen", sagt der Arbeitspsychologe Peter Fischer von der Uni Regensburg. "Vorgesetzte sollen demnach mehr Coach sein als Chef, mehr Mentor als Kontrolleur. Sie sollen lenken, leiten und vertrauen, statt Vorgaben zu machen." Was die Millennials zudem auszeichne, sei eine große Offenheit gegenüber anderen Kulturen, ein Sinn für Diversität und dass sie im Durchschnitt weniger rassistisch und sexistisch seien als Vorgänger-Generationen.

Moderne Führungskräfte müssen demnach flache Hierarchien fördern und es unterstützen, dass ihre Mitarbeiter mitbestimmen und Verantwortung übernehmen, sich fortbilden und weiterentwickeln - und dass deren persönliche Freiräume nicht zu kurz kommen. Sprich: Sie, die Chefs, müssen ständig im Gespräch sein, zuhören und sich auch anpassen. Denn die Millennials respektieren zwar Hierarchien, aber Macht und Autorität erlangen Vorgesetzte nicht allein wegen ihres Titels oder Alters, sondern sie müssen sie sich durch Wissen oder Kompetenz erwerben.

"Die 'jungen Milden' bewirken eine 'Silent Revolution' der Arbeitswelt, indem sie ein kooperatives Teamklima einfordern, eine neue Feedback-Kultur und eben das smart-flexible Arbeiten", sagt Peter Kels, Professor für Führung, Organisation und Personal an der Hochschule Luzern.

Nicht alle Führungskräfte kommen damit klar - oder sind bereit, ihren Stil zu ändern. Schließlich stehen an vielen Unternehmensspitzen nach wie vor Vertreter der Babyboomer-Generation, die sich selbst noch entscheiden mussten zwischen Karriere und Familie oder Freizeit und ein anderes Verständnis vom Chefsein verinnerlicht haben, als es ihre jungen Mitarbeiter nun einfordern.

Berufsanfänger: Wer jung ist, wird nur noch befristet angestellt - stimmt das?

Für die unter 35-Jährigen sieht es auf dem Arbeitsmarkt mies aus: Wenn sie überhaupt eine Stelle finden, dann nur befristet - dieses Gefühl haben viele. Doch stimmt das überhaupt? Der Faktencheck. 

"Heute fragen Bewerber bereits im ersten Vorstellungsgespräch nach dem Gehalt. Und sobald klar ist, dass der Grundbedarf gedeckt ist, geht es um Sinn, Entwicklungsmöglichkeiten und nicht materielle Dinge", sagt Annett Polaszewski-Plath, Deutschlandchefin von Eventbrite. "Klar denke ich da manchmal: Okay, das hätte ich in meinen ersten Bewerbungsgesprächen niemals gefordert. Aber da bin ich offen. Schließlich müssen wir uns als Unternehmen manchmal mehr verkaufen als der Bewerber."

Sobald sie merke, dass Bewerber gut seien, beginne der Pitch, erzählt Polaszewski-Plath. "Dann müssen wir alles dafür tun, damit Der- oder Diejenige sich für uns entscheidet." Und im nächsten Schritt gehe es darum, die Mitarbeiter zu halten.

"Die Haltung hat sich verändert", beobachtet die Managerin. "Heute gilt: Ich bin nicht hier, weil ich muss. Sondern weil ich will."


Zusammengefasst: Die Millennials oder die Generation Y, also die 1980 bis 2000 Geborenen, sind im Beruf durchaus leistungsorientiert und möchten auch erfolgreich sein - aber nicht auf Kosten der Familie, Freunde oder persönlicher Interessen. Ihren Anforderungen an den Job, wie flexible Arbeitszeiten, Elternzeiten und Sabbaticals, kommen viele Unternehmen bereits nach - vor allem Branchen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind, werben damit auch um junge Talente. Die jungen Mitarbeiter verändern auch die Führungskultur: Sie fordern flache Hierarchien, wollen schnell Verantwortung übernehmen und sich stetig weiterentwickeln. Moderne Vorgesetzte müssen demnach mehr Coach als Chef sein, mehr Mentor als Kontrolleur.