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Niedriglöhner Wer meckert, putzt die Klos

Rund acht Millionen Menschen schuften in Deutschland als Niedriglöhner, oft zu unwürdigen Bedingungen. Die meisten verhalten sich still - aus Angst. Denn sonst könnte es sein, dass ihre Arbeit noch unangenehmer wird, als sie sowieso schon ist.
Rackern in der Gebäudereinigung: Acht Millionen Geringverdiener

Rackern in der Gebäudereinigung: Acht Millionen Geringverdiener

Foto: Oliver Berg/ dpa

"Büro hab' ich mir abgeschminkt", sagt Katja Schultze (Name geändert). Bis vor sechs Jahren arbeitete sie für eine Bank. Dann kam McKinsey, und ihre Stelle wurde eingespart. Seitdem ist sie Putzfrau. "Mit 50 brauchen Sie sich nirgendwo mehr zu bewerben", sagt sie. "Aber Hartz IV - das wollte ich auf gar keinen Fall." Heute ist sie 56. Sie wird Putzfrau bleiben, bis zum Schluss.

Ein Unternehmen, das in der Gebäudereinigung bestehen will, muss im Wesentlichen eines sein: billig. Nur so bekommt es Aufträge. Und dazu tragen die Beschäftigten nicht nur durch ihre niedrigen Löhne bei. Katja Schultze muss ihre Wischmopps, Putztücher und Kittel nach der Arbeit zu Hause waschen und sauber wieder mitbringen. Für Schutzhandschuhe sorge sie oft selber, erzählt sie. Umso mehr ärgert sie sich darüber, wenn am Monatsende noch nicht einmal die Abrechnung stimmt, und ist überzeugt: "Die wird systematisch gefälscht."

Nicole Simons von der Gewerkschaft IG Bau bestätigt diesen Verdacht: "Regelmäßig werden Zuschläge oder ganze Stunden vergessen, und korrigiert wird in der Regel nur, wenn die Mitarbeiter bei uns in der Sprechstunde waren und wir das auf juristischem Wege geltend zu machen versuchen. Soweit ich das einschätze, kalkulieren die das in ihre Angebote für die Kunden mit ein."

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Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Tanja Kleine-Quadflieg aus der Geschäftsleitung der Clemens Kleine Holding, einem der Marktführer in der Gebäudereinigung, gibt zu, dass auch in ihrem Unternehmen fehlerhafte Abrechnungen erstellt werden. "Was ich klar bestreite, ist, dass das mit Absicht geschieht, dass dahinter Systematik steckt", sagt sie. Bei 8000 Beschäftigten schaffe man es nie, dass alle Abrechnungen komplett seien. "Und es kommt durchaus auch vor, dass Fehler zugunsten der Mitarbeiter passieren."

Früher gab es Tagelöhner, heute gibt es Niedriglöhner. Katja Schultze verdient neun Euro brutto in der Stunde. Das ist noch nicht mal unterste Grenze: Die Gebäudereinigung gehört zu jenen Branchen, in denen es bereits seit längerem einen gesetzlichen Mindestlohn gibt. Die insgesamt etwa eine Million Beschäftigten erhalten in den alten Ländern mindestens neun Euro, in Ostdeutschland 7,56 Euro. Friseure arbeiten hingegen auch schon mal für unter vier Euro die Stunde.

Lohnerhöhung? Dann musst Du schneller putzen

Nach einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen müssen knapp acht Millionen Menschen in Deutschland mit einem Niedriglohn von weniger als 9,15 Euro brutto pro Stunde auskommen. Zwischen 1995 und 2010 stieg die Zahl der Niedriglöhner um mehr als 2,3 Millionen. Damit liegt Deutschland nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im EU-Vergleich weit vorn.

Mehr als eine Million Niedrigverdiener bekommen weniger als fünf Euro. Für sie gibt es in den Sozialwissenschaften einen eigenen Begriff: "the working poor" - die arbeitenden Armen. Um dennoch über die Runden zu kommen, schuftet ein Viertel der Geringverdiener mindestens 50 Stunden pro Woche, hat eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ergeben. Viele von ihnen müssen zusätzlich Hartz IV beantragen, weil der Lohn nicht ausreicht. Ihr Motiv für die Plackerei ist nicht allein Geld: Sie wollen unbedingt wieder auf eigenen Beinen stehen. Sie wollen um jeden Preis wieder im Berufsleben Fuß fassen.

"Man versucht ja nur, das Leben, das man sich jahrelang aufgebaut hat, zu halten", sagt Katja Schultze. Die Kölnerin wird immerhin nach Tarif bezahlt. Fair ist die Bezahlung deshalb noch lange nicht. Nicole Simons von der IG Bau hat festgestellt: "Sobald eine Tariflohnerhöhung kommt, erfolgt eine extreme Arbeitsverdichtung. Das heißt, die Arbeitnehmer müssen im Prinzip den Stundenlohn selber rausarbeiten. Wenn sie vorher 1000 Quadratmeter zu reinigen hatten in zwei Stunden, dann haben sie jetzt eben 1200 Quadratmeter."

Das ist ein Vorwurf, den Clemens-Kleine-Managerin Tanja Kleine-Quadflieg im Gegensatz zu den meisten anderen nicht sofort rundheraus bestreitet. Sie sagt jedoch, dass die Kunden den Unternehmen keine andere Wahl ließen: "Die Tariflöhne sind Teil unserer Kostenstruktur, und die Kosten müssen wir immer im Blick behalten, damit wir wettbewerbsfähig bleiben. Die öffentlichen Arbeitgeber wählen tendenziell immer den billigsten Anbieter aus. Bei den privaten geben auch schon mal Qualitätsmerkmale und Wirtschaftlichkeit den Ausschlag."

Urlaub gibt's nur nachmittags

Die Gewerkschaft hat eine lange Liste mit weiteren Klagen: Geringfügig Beschäftigte werden im Krankheitsfall oft nicht weiterbezahlt. Wenn Mitarbeiter in den Urlaub gehen wollen, müssen sie selbst ihre Vertretung organisieren - oder sie dürfen nur nachmittags Urlaub machen und müssen vormittags weiter arbeiten. Wer im Krankenhaus putzt, muss sich auf eigene Kosten gegen Hepatitis impfen lassen. Manchmal müssen auch Räume mit multiresistenten Keimen saubergemacht werden, eine Vorwarnung gibt es nicht. "Viele haben Ekzeme vom ständigen Putzen", sagt Katja Schultze. "Die Hände sind kaputt."

Warum sich kaum einer wehrt? "Weil sie Angst haben", sagt Nicole Simons. "Angst, dass sie rausfliegen oder ganz schlechte Arbeit bekommen. Es gibt ja auch in der Gebäudereinigung gute und schlechte Jobs." Wer meckert, muss die Klos putzen. Oder im Polizeipräsidium die Arrestzellen voller Blut und Erbrochenem. Katja Schultze meint: "Wir Deutschen haben das Demonstrieren verlernt. Wir müssen es so machen wie die Franzosen, die gehen immer gleich auf die Straße."

Wobei sie gern auch mal gegen die umworbenen Kunden demonstrieren würde, denn schließlich sind sie es, die grundsätzlich das billigste Reinigungsunternehmen unter Vertrag nehmen. Die Schlimmsten, mit denen Katja Schultze jemals zu tun hatte, waren gleichzeitig die Schlauesten: Uni-Dozenten, die sich bei der Vorarbeiterin darüber beschwerten, dass die afrikanischen Putzkräfte so unangenehm riechen würden. Oder unter dem Schreibtisch noch ein Staubknäuel hervorholten und den Schuldigen dafür zur Rede stellten.

"Wenn man dann was sagt, ist man ganz schnell weg vom Fenster", weiß Katja Schultze. "Die sind so herablassend zu uns! Dabei kann in der heutigen Zeit jeder ans Putzen kommen."

Christoph Driessen/dpa/vet
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