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Kapitalismuskritischer Getränkeproduzent

"Wir wollen beweisen, dass Moral und Wirtschaft zusammen funktionieren"

Beim Getränkekollektiv Premium dürfen selbst die Kunden mitreden. Zwei Mitarbeiter erklären, wie das funktioniert. Und warum es besser ist, auf Verträge zu verzichten.

Ein Interview von

Premium Kollektiv

Montag, 05.08.2019   11:08 Uhr

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Alles begann 1999 in der Badewanne, sagt Uwe Lübbermann. "Da habe ich meine damalige Lieblingscola getrunken, aber der Geschmack war anders." Auf der Flasche war kein Hinweis auf eine Neuerung. Den damaligen Azubi zum Werbekaufmann ärgert das. "Meine Cola, die ich in der Hand halte, wurde heimlich geändert."

Er fragte nach beim Hersteller und verlangte, die Rezeptänderung rückgängig zu machen. "Ich möchte als Kunde auf Augenhöhe behandelt werden."

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Er erreichte sein Ziel nicht, aber zwei Jahre später bekam er durch Zufall einen Tipp: Ein ehemaliger Abfüller der Getränkefirma hatte noch das Originalrezept. Lübbermann lässt 1000 Flaschen produzieren - und das Getränk wird zum Selbstläufer. "Ich hatte aus Versehen eine Getränkemarke gegründet."

Gut 17 Jahre später gibt es Premium Cola immer noch. Und die Produktpalette ist gewachsen. In die unscheinbaren Glasflaschen, deren Etikett kein Logo ziert, wird nun auch Bier, Holunderbrause und Mate abgefüllt. Das Unternehmen nennt sich Premium-Kollektiv und will anders arbeiten und wirtschaften, als es üblich ist.

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SPIEGEL ONLINE: Frau Moll, Herr Lübbermann, Ihr Unternehmen stellt selbst keine Cola her, braut kein Bier und hat auch keine eigenen Produktionsanlagen oder Lkw. Was ist dann Ihr Job?

Lübbermann: Formal betrachtet sind wir nur ein kleines Organisationsteam von etwa zehn Menschen, das die Getränke bei Abfüllern bestellt und alle Abläufe organisiert. Aber ich verstehe meine Aufgabe vor allem darin, alle Betroffenen zu gemeinsamen Entscheidungen einzuladen. Und dazu gehören auch diejenigen, die das Bier brauen und die Getränke ausliefern. Wir wollen nicht unterscheiden zwischen einem Drinnen und einem Draußen. Selbst diejenigen, die unsere Getränke nur trinken, können Mitglied im Kollektiv sein.

SPIEGEL ONLINE: Drinnen und draußen lässt sich doch dadurch definieren, dass nur Sie im Organisationsteam auch einen Einheitslohn dafür bekommen?

Lübbermann: Wir stellen trotzdem grundsätzliche infrage, wer betroffen ist: Ja, diejenigen, die den Lohn kriegen, die sind betroffen. Aber die zurzeit 1700 gewerblichen Partner in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die Händler und Gastronomen, die letztlich durch ihre Umsätze unseren Lohn erwirtschaften, die sind auch betroffen. Deswegen dürfen die auch mitreden.

SPIEGEL ONLINE: Wir funktioniert das in der Praxis?

Moll: Wir kommunizieren über unser sogenanntes Board. Dort werden schriftlich alle Entscheidungen diskutiert und getroffen. Jeder und jede kann mir eine E-Mail schreiben und einen Zugang bekommen. Um mitzumachen, sollte man sich aber zumindest einmal mit jemandem aus dem Kollektiv treffen, sich mit Name und Adresse vorstellen und schreiben, warum man Teil des Premium-Kollektivs sein will.

SPIEGEL ONLINE: Wie und worüber wird entschieden?

Moll: Wir sind eine Konsensdemokratie. Jeder hat eine Stimme und kann etwas vorschlagen. Kann man mit etwas leben, muss man gar nichts machen. Ist man dagegen, kann man ein Veto einlegen. So wird zum Beispiel über unseren Stundenlohn entschieden. Aktuell haben 260 Leute Zugang, die darüber diskutieren können, das ändern, durchwinken oder stoppen können.

SPIEGEL ONLINE: Bei 1700 gewerblichen Partnern und noch viel mehr Kunden sind das nicht viele, die mitreden wollen.

Moll: Leider sind viele in ihrem Alltag so eingebunden, dass sie sich nicht an den Computer setzen und überlegen: Wie hätte ich es gerne im Idealzustand.

Lübbermann: Da sehe ich uns auch selbstkritisch. Auf der anderen Seite kann die geringe Beteiligung auch ein gutes Zeichen dafür sein kann, dass die Leute mit den Lösungen, die wir erarbeitet haben, zufrieden sind. Die Magie der Konsensdemokratie ist: Du musst dich so um die Leute kümmern, dass niemand ein Veto einlegen muss.

SPIEGEL ONLINE: Oder liegt es daran, dass man sich die Mitsprache leisten können muss? Das Organisationsteam kann seinen Eintrag im Forum in seiner Arbeitszeit machen. Aber die Kollektivmitglieder, die den Lkw fahren oder Konsumentinnen sind, machen das als Hobby.

Lübbermann: Ja, da stoßen wir an Grenzen. Wir können nicht 260 Leute für ihre Lese- oder Schreibzeit bezahlen. Ich hätte aber seit Jahren gerne einen Lohn für einen Vorschlag, der durchkommt und umgesetzt wird. Ein Dankeschön sozusagen. Das wurde im Kollektiv aber immer wieder abgelehnt.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Stundenlohn billigt Ihnen das Kollektiv zu?

Lübbermann: Aktueller Stand sind 20 Euro. Wir haben keinerlei Zuschläge nach Leistungsfähigkeit, Betriebszugehörigkeit, Wissen, Alter, Bildung oder Geschlecht. Das haben wir nach langen Diskussionen alles gestrichen, da wir die Gleichwürdigkeit aller Menschen auch da abbilden wollen. Stattdessen haben wir Zuschläge nach den Bedürfnissen der Leute: Menschen mit Kindern bekommen zwei Euro mehr pro Kind und Stunde. Und in der Theorie gibt es einen Zuschlag für Menschen mit Behinderung. Im Moment haben wir aber niemanden. Und da wir über ganz Deutschland verteilt sind und kein gemeinsames Büro haben, gibt es für alle, die einen Ort zum Arbeiten brauchen, noch mal 1,50 Euro extra die Stunde, maximal 130 Euro im Monat.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht ihr mit Konflikten um, wenn kein Chef oder keine Chefin das letzte Wort hat?

Moll: Wir haben zwei Spezialregeln. Erstens, wenn jemand dem Kollektiv vorsätzlich schadet oder unseren Grundsatz - die Gleichwürdigkeit aller Menschen - nicht respektiert. Dann darf er über seinen Ausschluss nicht mitentscheiden. Alle anderen haben weiterhin ein Veto. Wenn nur einer der 259 verbleibenden sagt: Die Person ist toll, dann darf sie bleiben. Wir haben zweimal jemanden ausgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Und Spezialfall Nummer zwei?

Moll: Das ist der Notentscheid. Dreimal musste etwas so schnell entschieden werden, dass keine Zeit war, die Kollektiventscheidung abzuwarten. Das waren im Endeffekt Lappalien. Es ging zweimal um das Etikett. Da wurde so lange diskutiert, was hübscher wäre, bis wir keine Etiketten mehr hatten. Beim dritten Fall ging es um die doppelte Koffeinmenge, die der Abfüller aus Versehen genommen hatte. Das fanden zwar viele Kollektivmitglieder toll. Aber das ist rechtlich nicht erlaubt und das konnten wir nicht diskutieren. Hier hat Uwe allein entschieden, musste das aber transparent machen.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet Sie noch von anderen Wirtschaftsunternehmen?

Lübbermann: Wir haben zum Beispiel einen Anti-Mengenrabatt. Großhändler bekommen keinen. Die sind schon groß und können effizient liefern. Aber die kleinen, die höhere Kosten pro Einheit haben, bekommen einen Preisnachlass. Ansonsten haben wir nicht viele Regeln und schließen zum Beispiel keine Verträge ab.

Premium Kollektiv

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht riskant?

Lübbermann: So haben alle ein großes Interesse daran, die jeweils andere Seite fair zu behandeln. Sonst kann die nämlich jederzeit aussteigen. Bisher hat das geklappt. Es gibt uns schon über 17 Jahre und wir haben gute Partnerschaften.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich für die Kollektivform entschieden?

Lübbermann: Die Getränkeindustrie ist ein Hauen und Stechen. Wir wollen den Beweis führen, dass Moral und Wirtschaft zusammen funktionieren. Wir leben eine sozialere, menschlichere und im Sinne der Umwelt nachhaltigere Wirtschaft vor und beheben die Konstruktionsfehler des Kapitalismus.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Lübbermann: Chefs oder Chefinnen dürfen über ihre Mitarbeiter bestimmen und gemeinsam erwirtschaftete Profite für sich abzweigen. Beides verstehe ich nicht, und beides wollen wir bei uns bewusst nicht haben.

Moll: Unsere größte Stärke ist, dass jeder gehört werden kann. Was ich aus Unternehmen, in denen ich früher gearbeitet habe, nicht kenne. Da herrscht oft eine Unzufriedenheit, weil Mitarbeiter sinnlose Abläufe nicht kommunizieren oder ändern können. Bei uns gibt es diese unsinnigen Tätigkeiten nicht, weil jeder jederzeit etwas besprechen und verändern kann.

Lübbermann: Allerdings brauchen neue Kollektivisten, die aus der anderen Wirtschaft kommen, oft ein paar Wochen oder Monate, um in unseren Strukturen anzukommen. Sie müssen sich erst an die Möglichkeit gewöhnen, dass man mir auch Kontra geben kann und soll.

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