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Ghostwriter für Bachelorarbeiten "Schlechtes Gewissen? Dafür bin ich zu abgebrüht"

Zehn Tage braucht Peter Maskus, 55, für eine Bachelorarbeit - Dutzende Studenten haben den Ghostwriter, der in Thailand lebt, bereits gebucht. Preis pro Seite: 80 Euro.
Peter Maskus an seinem Arbeitsplatz in Thailand

Peter Maskus an seinem Arbeitsplatz in Thailand

Foto: privat

SPIEGEL ONLINE: Wie vielen Studenten haben Sie schon zu einem Abschluss verholfen?

Peter Maskus: Mehr als 50. Hauptsächlich waren es Bachelor- und Masterarbeiten im Bereich BWL. Ab und zu habe ich auch Doktorarbeiten betreut, die schreibe ich dann aber nicht allein, sondern helfe eher als Sparringspartner.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange brauchen Sie für eine Bachelorarbeit?

Maskus: Wenn ich sehr konzentriert arbeite, schaffe ich das an zehn Tagen. Dann arbeite ich aber auch bis zu zehn Stunden täglich. Das Thema ist dabei fast egal, denn alles ist neu für mich. Es war noch nie eine Fragestellung dabei, mit der ich mich schon mal beschäftigt hatte. Deshalb ist die Arbeit auch enorm anstrengend, alles muss ja sauber recherchiert und akademisch stimmig sein. Ich schaffe aber maximal drei Abschlussarbeiten pro Monat. Danach brauche ich einen Monat Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: So gut ist die Bezahlung?

Maskus: Pfff, nein, überhaupt nicht. Die Studenten zahlen an die Agenturen im Schnitt 80 Euro pro Seite, davon bekommen wir Autoren circa 20 Euro. Das macht pro Bachelorarbeit zwischen 800 und 1200 Euro. Reich wird man damit als Autor also nicht. Ich mache das ja auch nur nebenberuflich.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie überhaupt angefangen, als Ghostwriter zu arbeiten?

Zur Person

Peter Maskus, Jahrgang 1960, ist promovierter Ingenieur. Nach seiner Uni-Laufbahn arbeitete er für Porsche und Mercedes, später machte er sich als Unternehmensberater für die Automobilbranche selbstständig. Seine Nebentätigkeit als Ghostwriter will er nun aufgeben und stattdessen mit seiner neuen Firma "TwinWriter" Studenten in der Abschlussphase auf legalem Wege unterstützen. Er lebt in Berlin und Thailand.

Maskus: Ich schreibe sehr gern. Vor ungefähr zwei Jahren habe ich einen Artikel gelesen, in dem stand, dass der Bereich brummt. Das brachte mich auf die Idee, denn der Job bietet mir die Freiheit, von überall aus zu arbeiten. Ich habe also Bewerbungen an mehrere Ghostwriting-Agenturen geschickt, das war an einem Freitagnachmittag, und am Montag hatte ich schon die ersten Aufträge. Die Agenturen erzählten mir damals, die Guttenberg-Affäre habe das Geschäft befeuert, weil Studenten um jeden Preis Plagiate vermeiden wollen. Eigentlich absurd.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben in Thailand. Ich stelle mir vor, wie Sie mit Ihrem Laptop am Strand sitzen, während Sie die Abschlussarbeiten für verzweifelte Studenten in Deutschland schreiben.

Maskus : Nee, ganz anders. Ich lebe in einer Stadt in Zentralthailand, und das auch nur, weil ich nebenher ein eigenes Unternehmen im Bereich Elektromobilität und Fahrzeugtechnik aufbaue, für das ich häufig in China sein muss. Dort will ich aber nicht leben, weil die Luft so schlecht ist. Und von Deutschland sind die Flüge teuer und lang. Also Thailand. Hier ist es schön, Blumen blühen, die Menschen sind freundlich, und ich habe ein nettes Apartment und ein klimatisiertes Büro mit schnellem Internet. Dort sitze ich bis spät in die Nacht, oft bis drei Uhr morgens, damit ich für die Studenten zu deutscher Zeit erreichbar bin.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ständig mit den Studenten in Kontakt?

Maskus: Leider nicht. Studenten und Autoren dürfen gar nicht direkt miteinander kommunizieren. Während einer Bachelorarbeit sprechen wir nur ungefähr viermal über Inhaltliches, die Agentur organisiert dafür anonyme Konferenzschaltungen und passt auf, dass keine persönlichen Daten ausgetauscht werden.

SPIEGEL ONLINE: Erfahren Sie, welche Noten für Ihre Arbeiten vergeben wurden?

Maskus: Nein. Man würde wohl Bescheid bekommen, falls etwas gründlich in die Hose gegangen ist, das ist mir aber noch nicht passiert. Es gibt höchstens mal Ergänzungs- oder Änderungswünsche von den Professoren, die habe ich immer umgesetzt. Und am Ende gingen alle meine Arbeiten durch. Ich werde jetzt aber bei den Agenturen kündigen, mir gefällt der Job nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie plötzlich ein schlechtes Gewissen?

Maskus: Nein, dafür bin ich als 55-Jähriger zu abgebrüht. Ich kann ruhig schlafen. Als Autor kann ich ja auch juristisch nicht belangt werden. Die Studenten hingegen schon: Die machen sich strafbar, wenn sie unterschreiben, dass sie die Arbeit ohne fremde Hilfe angefertigt haben. Und ich finde es falsch, dass jungen Menschen, die Hilfe suchen und bereit sind, dafür Geld zu bezahlen, zuerst alles aus der Hand genommen wird, sie aber ihr Leben lang mit dem schlechten Gewissen oder der Angst leben müssen, aufzufliegen.

SPIEGEL ONLINE: Die Studenten begehen Betrug. Das tut Ihnen leid?

Maskus: Ja, natürlich. In den Vorgesprächen sagen die meisten, wie unangenehm und peinlich es ihnen ist, dass sie einen Ghostwriter in Anspruch nehmen. Keiner macht das gern. Häufig ist nur die Familie eingeweiht, viele Eltern bezahlen ihren Kindern das übrigens. Es gibt aber auch traurige Fälle, bei denen Studenten einen Kredit aufnehmen. Davon werden dann die Agenten reich, obwohl sie nur die Autoren vermitteln. Das kann nicht sein. In Zukunft möchten ein Kollege, der in Österreich lebt, und ich deshalb legale Unterstützung bei Problemen mit Abschlussarbeiten anbieten nach dem Motto: Was ich in zehn Tage schaffe, schafft jeder Student in 30 Tagen - mit unserer Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das funktionieren?

Maskus: Die Kosten wären ähnlich wie bei einer Ghostwriting-Agentur, aber der Student schreibt seine Arbeit selbst und macht sich nicht strafbar. Er wird stattdessen wochenlang intensiv von uns betreut, bekommt per WhatsApp Hilfe und Tipps bei der Literaturrecherche, bei der Einleitung, bei der Formatierung, bei den Fußnoten und so weiter. Wir schicken zum Beispiel passende Lektüre - lesen und denken muss der Student aber selbst.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es nicht unfair, wenn sich einige Studenten, die es sich leisten können, Hilfe erkaufen, während andere sich jahrelang durchbeißen?

Maskus: Ich werde die Tipps und Tricks für das Anfertigen einer Bachelor- oder Masterarbeit auch in Form eines Buches für jeden zur Verfügung stellen, der sich das individuelle Coaching nicht leisten kann. Im Übrigen glaube ich aber auch nicht, dass diejenigen, die von den Eltern alles bezahlt bekommen, am Ende glücklicher damit werden oder deshalb besonders erfolgreich. Vielfach geht es letztlich denjenigen besser, die sich durchbeißen mussten.

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