Studie zur Gleichstellung Zielvorgabe "null Frauen"

Die Aufsichtsräte deutscher Unternehmen sind weiblicher geworden. Dennoch berufen die Kontrollgremien kaum Frauen in den Vorstand. Viele Aufsichtsräte formulieren gar ausdrücklich das Ziel "null Frauen".

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Manche oder mancher mag gehofft haben, dass sich auch die Zahl der weiblichen Vorstände erhöht, wenn mehr Frauen in deutschen Aufsichtsräten sitzen. Diese Hoffnung hat sich bislang nicht erfüllt.

Zwar haben 160 börsennotierte deutsche Unternehmen den Frauenanteil in ihren Kontrollgremien auf durchschnittlich 30 Prozent erhöht, obwohl nur jedes zweite durch die 2015 eingeführte Geschlechterquote dazu verpflichtet war. Das hat jedoch nicht zu einer verstärkten Rekrutierung von Vorstandsfrauen geführt: Deren Anteil dümpelt bei 8,8 Prozent.

"Noch immer haben 105 von 160 deutschen Börsenunternehmen keine einzige Frau im Vorstand. In Schweden, in den USA, in Großbritannien wäre das undenkbar. Rein männliche Führungsteams sind dort gesellschaftlich einfach nicht mehr akzeptiert ", sagt Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der AllBright-Stiftung.

Die gemeinnützige deutsch-schwedische Stiftung wird am Montag ihren alljährlichen AllBright-Bericht veröffentlichen: "Die Macht hinter den Kulissen. Warum Aufsichtsräte keine Frauen in die Vorstände bringen." Das liegt, so der Report, hauptsächlich daran, dass Aufsichtsrätinnen in der Regel nicht in den Nominierungsausschüssen der Gremien sitzen.

Diese Ausschüsse haben viel Macht und Einfluss - und selbst die Arbeitnehmervertretungen, deren Frauenanteil deutlich höher ist als der auf der Arbeitgeberseite, schicken lieber Männer in diese Gremien. Wo diese dann nach althergebrachtem Muster Kopien von sich selber befördern. Also Männer.

Zielvorgabe null

Aufsichtsrätin Fränzi Kühne kontrolliert das Telekommunikationsunternehmen Freenet und die Württembergische Versicherung. Sie findet es schade, wenn Firmen "immer noch nicht verstehen, dass ein divers aufgestelltes Unternehmen nicht nur ethisch richtig ist, sondern auch lukrativer". Die Gründerin der Social-Media-Agentur "Torben, Lucie und die gelbe Gefahr" sagt: "Vielleicht ist es der richtige Moment, die Quote im Vorstand einzuführen."

Tatsächlich haben 53 der Aufsichtsräte das Ziel "null Frauen" im Vorstand formuliert, darunter auch die von Zalando, Rocket Internet, Freenet, HelloFresh oder Xing. Damit können sie eine Frau nachrücken lassen, wenn ein Vorstandsposten frei wird, aber sie verpflichten sich nicht selbst dazu.

Und bei aktuellen Neubesetzungen gehen Frauen oft leer aus. Zalando hat seinen Vorstand jüngst um zwei Personen erweitert. Es waren zwei Männer. "Wir sind überzeugt, die richtige Besetzung gefunden zu haben", teilte Zalando dem SPIEGEL mit. "Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass unser Führungsteam größtenteils aus Männern besteht, und arbeiten daran, dies zu ändern."

Auch bei Freenet hat der Aufsichtsrat 2017 die bis Ende 2021 zu erreichende Frauenquote im Vorstand auf null Prozent festgesetzt. Als im März 2018 zwei Vorstandsposten bei Freenet vergeben wurden, gingen die an Männer. Die Begründung klingt altbekannt: "Für die beiden neuen Vorstandsressorts waren die beiden bestellten Herren am besten qualifiziert." Hätte es eine Zielvorgabe für Frauen im Vorstand gegeben, hätte der Aufsichtsrat möglicherweise nicht die besten nehmen können, sondern "andere Auswahlkriterien vorziehen" müssen - so die Befürchtung.

Peinlich berührt

Da ist sie wieder, die Mär von der unqualifizierten Quotenfrau. Fränzi Kühne, Aufsichtsrätin bei Freenet, würde es deshalb begrüßen, wenn Investoren in Sachen Führungsfrauen mehr Druck auf deutsche Unternehmen ausüben würden. Sie schlägt außerdem vor, "Diversity" als Zielvorgabe an die Managergehälter zu koppeln. "Wenn die verfehlt oder nicht erfüllt wird, spüren sie das im Geldbeutel." Lieber wären ihr allerdings "starke und selbstsichere Männer, die ganz ohne Druck, Quote und Repressalien Frauen fördern, einstellen und in den Vorstand berufen".

Tatsächlich zeigen sich viele der Unternehmen, die die Zielvorgabe null für weibliche Vorstandsmitglieder angeben, peinlich berührt und versichern, Frauen in die Chefetagen hieven zu wollen. "Der Aufsichtsrat der K+S AG ist mit dieser Zielvorgabe nicht zufrieden. Er strebt an, zukünftig auch eine Frau in den Vorstand zu berufen", sagte ein Sprecher des Düngemittelherstellers.

Die Holding des Energieriesen RWE will "eine deutliche Erhöhung des Frauenanteils in den operativen Vorstandsgremien der Konzerngesellschaften". So solle das neue Tochterunternehmen RWE Renewables von einer Frau als CEO geführt werden.

Der Bringdienst Hellofresh hebt sein Coaching-Programm für Frauen in Leadership-Rollen hervor, HeidelbergCement will den Pool möglicher Kandidatinnen durch Nachwuchsförderungsprogramme aufbauen. Xing lädt seine Mitarbeiterinnen zu einer "Female Executive Learning Journey" ein, um weibliche Führungskräfte weiterzuqualifizieren.

Das klingt nach den ersten Schritten auf einer noch weiten Reise.

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abcdefghijklm 06.04.2019
1. Journalistisch schlechter Stil
Das reißerische „null Frauen“ aus dem Titel entpuppt sich im Laufe des Artikels als „keine festgesetzte Quote“ und nicht als „keine einzige Frau“. Eine solche bewusste Fehlinformation ist etwas für billige Facebook-Trolls, die AfD und Donald Trump, aber nicht für ein seriöses Medium wie den Spiegel. Tut mir Leif, aber dadurch wird ein inhaltlich richtiges und wichtiges Thema eher beschädigt als befördert.
ecnis 06.04.2019
2. Im Denken gedeckelt
Es ist immer dasselbe: Wer 50% des möglichen Mitarbeiterpotentials nicht ausschoepft, darf sich nicht wundern, wenn die Firma vor sich hinduempelt. Diese Häuser werden in absehbarer Zeit nicht mehr am Markt sein. Oder denkt jemand, das nachgewiesener weiße verbrecherische Verhalten einer Deutschen Bank, eines VW-Konzerns wäre mit weiblichen Führungskräften so naiv und dummdreist passiert. Hier fehlt ein hohes Mass an Denkkompetenz. Und das macht sich nicht zwingend an Mann - Frau fest. Derartige " Spitzenkräfte" holen sich nicht nur keine weibliche Kompetenz ins Haus, sondern auch viel "andere" männliche Kompetenz fehlt. Diese Firmen sind gedeckelt. Ihre Zeit läuft ab.
Affenhirn 06.04.2019
3. Unverständlich
Tut mir leid, aber irgendwie ist dieser Absatz im Text für mich nicht nachvollziehbar: "Tatsächlich haben 53 der Aufsichtsräte das Ziel "null Frauen" im Vorstand formuliert, darunter auch die von Zalando, Rocket Internet, Freenet, HelloFresh oder Xing. Damit können sie eine Frau nachrücken lassen, wenn ein Vorstandsposten frei wird, aber sie verpflichten sich nicht selbst dazu." Könnt Ihr das noch mal lesen? "Null Frauen" klingt für mich nämlich eben gerade so, dass sie siech eher dazu verpflichten, KEINE Frau zu wählen.
eunegin 06.04.2019
4. Locker bleiben und ein Team schaffen!
Nun werden auch die wenigsten Männer Vorstandsmitglied in einem Konzern. Eigentlich niemand, den ich kenne. Vielleicht sollte man mal bei der Masse beginnen oder gar realistisch bleiben. Das Thema nervt inzwischen jeden und jede (!) die ich kenne und belastet sogar das Klima in meinem Unternehmen. Alle meiner Kolleginnen und Kollegen wollen Gleichberechtigung, aber eben nicht ideologisch getrieben und teamspaltend. Alles ist so deutsch-verkrampft.
Spiegulant 06.04.2019
5. Zuviele Alpha-Männchen
Der große Nachteil ist, dass die ganzen Alpha-Männchen sich in Machtspielchen und Schwanzvergleichen verzetteln, anstatt Unternehmen zu führen und Profite zu generieren. Das sieht man mal wieder ganz deutlich bei der Post, wo so ein McKinsy-Beratungs-Schlips das einzig innovative und zukunftssichere der Post, nämlich ihre Autofirma, wegen Machtneurose zerstört hat.
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