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Jobchancen für Frauen und Männer

Noch 217 Jahre bis zur Gleichberechtigung

Gleiche Rechte für Frauen und Männer weltweit - bisher konnte das Weltwirtschaftsforum hier immer Fortschritte melden. Doch in diesem Jahr verschlechtert sich die Lage. Auch in Deutschland.

DPA

Donnerstag, 02.11.2017   14:24 Uhr

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Der langjährige Trend zu mehr Gleichberechtigung der Geschlechter ist einer Studie zufolge ins Stocken geraten - und zwar weltweit. Zu diesem Ergebnis kommt das Weltwirtschaftsforum (WEF) in einem neuen Bericht.

Demnach ist der Abstand zwischen den Geschlechtern im Hinblick auf Gesundheit, Bildung, ökonomische Teilhabe und politische Mitwirkung im Jahr 2017 erstmals seit elf Jahren wieder größer geworden. "Ein Jahrzehnt des langsamen, aber stetigen Fortschritts kam 2017 zum Erliegen", heißt in dem Papier.

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Deutschland kletterte im Vergleich zum Vorjahr um einen Platz auf Rang 12 und steht nun knapp hinter Frankreich (11.). Fast 78 Prozent der Geschlechterkluft sind demnach hierzulande geschlossen. Gemessen am ersten Ranking 2006 ging es aber deutlich nach unten, damals stand die Bundesrepublik noch auf Platz 5. Weltweit sind nach den Kriterien des WEF derzeit etwa 68 Prozent der Geschlechterkluft geschlossen, etwas weniger als in den Jahren 2016 und 2015 (68,3 bzw. 68,1 Prozent).

So erzielt Deutschland in zwei der vier untersuchten Bereiche - Bildung und Gesundheit - fast Bestwerte. Aber in der Wirtschaft und vor allem in der Politik sind erst rund 72 beziehungsweise nur 45 Prozent der Geschlechterlücke geschlossen. Mängel gibt es etwa bei Lohnunterschieden zwischen Mann und Frau bei ähnlicher Arbeit. Ebenso fehlt es an Frauen in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft, auch wenn Konzerne zunehmend Frauen in Aufsichtsräte berufen.

Von 170 auf 217 Jahre

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Der WEF-Bericht erscheint seit 2005. Er bewertet einmal jährlich die Gleichheit der Geschlechter nach vier Kategorien: Gesundheit und Überlebenschancen (zum Beispiel Geburten- und Sterberaten, durchschnittliche Lebenserwartung); Bildungsweg (Alphabetisierungsrate, Schul- und Hochschulbildung); politische Teilhabe (Parlaments-, Kabinettssitze); und wirtschaftliche Chancen (Löhne, Management, Arbeitsmarkt).

2017 habe es überall Rückschritte gegeben, heißt es. Gerade jene in Wirtschaft und Politik seien aber besorgniserregend, da sie am stärksten zur Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern beitragen würden. Zudem habe es dort zuvor die größten Fortschritte gegeben.

An der Spitze des Rankings steht zum neunten Mal in Folge Island, wo fast 88 Prozent der Geschlechterlücke geschlossen sind. Es folgen Norwegen, Finnland, das ostafrikanische Ruanda sowie Schweden. Die USA fallen um vier Plätze auf Rang 49. Westeuropa bleibt die beste Region, Schlusslicht sind der Nahe Osten und Nordafrika.

Im jetzigen Tempo werde es länger dauern, bis die Geschlechter gleichauf sind, schreiben die Autoren. Sie rechnen mit 100 Jahren - verglichen mit 83 beim vorigen Bericht. Besonders krass ist das Missverhältnis im Bereich Wirtschaft. Hier würde es beim gegenwärtigen Veränderungstempo noch 217 Jahre dauern, bis gleiche Verhältnisse für alle bestehen - 2016 waren es noch 170 Jahre.

Ein Befund, der das Weltwirtschaftsforum besorgt: "Gleichberechtigung ist eine moralische und ökonomische Notwendigkeit", betonte WEF-Expertin Saadia Zahidi. So ließe sich die Wirtschaftsleistung etwa in Deutschland bei Geschlechtergleichheit um schätzungsweise 310 Milliarden US-Dollar (267 Milliarden Euro) steigern.

Das WEF ist vor allem für sein jährliches Treffen in Davos bekannt, bei dem Wirtschaftsexperten, Politiker, Intellektuelle und Journalisten über wirtschaftliche Entwicklungen weltweit beraten. Zu diesen Treffen der Wirtschaftselite reisen auch regelmäßig Staats- und Regierungschefs. Getragen wird das Forum von einer privaten Stiftung mit Sitz im schweizerischen Cologny. Es finanziert sich durch rund 1000 Mitgliedsunternehmen.

mamk/dpa

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