Zöllner im Rückreiseverkehr Öffnen Sie bitte die Heckklappe!

Jagdtrophäen, Koks, Bargeld: Es gibt wenig, was die Zollbeamten Tobias Bühler und Iwan Pede noch nicht bei ihren Kontrollen gesehen haben. In Sekundenbruchteilen müssen sie entscheiden, ob sie ein Auto verdächtig finden.

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Es ist nur ein kurzer Augenblick, dann ist die Entscheidung gefallen. Tobias Bühler hebt die Hand und stoppt das Auto. Darin sitzt ein älteres Ehepaar aus Bayern. "Wir waren geschäftlich in der Schweiz", erklärt der Fahrer. Seine Frau sagt: "Wir haben Freunde in Italien besucht." Was denn nun? Die Zöllner werden misstrauisch. Sie winken das Fahrzeug auf die Seitenspur.

Tobias Bühler, 48, und Iwan Pede, 27, gehen täglich an ihre Grenze: Die beiden Zollbeamten arbeiten am deutsch-schweizerischen Grenzübergang Weil. Es ist die Hauptroute des Urlauber- und Transitverkehrs in Richtung Süden. An Bühler und Pede schwimmt jetzt wieder die jährliche Rückreisewelle vorbei. Es sind mehrere Zehntausend Autos täglich: Urlauber aus den Niederlanden, Geschäftsleute aus Russland, Pendler aus der Region.

Hier in Weil am Rhein sitzen der deutsche und der Schweizer Zoll, um Schmuggler und andere Kriminelle aus dem Verkehr zu ziehen. Es ist die größte Grenzstation Deutschlands. Sie liegt mitten auf einer der wichtigsten Verkehrsachsen in Mitteleuropa, an der Trennlinie zur Schweiz und damit an der einzigen EU-Außengrenze, die Deutschland noch hat. Im Schnitt sind es mehr als 35.000 Autos täglich, die diese Stelle passieren. Jetzt, in der Urlaubszeit, sind es deutlich mehr.

Grenzenlose Reisefreiheit? Nein, weil Weil

Kontrolliert werden kann nicht nur direkt an der Zollstation, sondern im Umkreis von 30 Kilometern rund um die Grenze. So wie die Polizei fährt hier auch der Zoll Streife und überwacht den Verkehr. "Reiserouten sind immer auch die Routen, die von Kriminellen genutzt werden", sagt Bühler.

Aber in einem Europa ohne Grenzschranken und garantierter Reisefreiheit sind Zollkontrollen für viele ungewohnt geworden: "Die Bereitschaft sich kontrollieren zu lassen, hat spürbar nachgelassen."

Trotzdem muss jeder damit rechnen, kontrolliert zu werden, "zu jeder Zeit und an jedem Ort", so Bühlers Kollege Pede. Denn grenzenlos viel darf nicht von einem Land ins andere gebracht werden. Für zahlreiche Waren gelten Höchstmengen. Wer darüberliegt, muss Einfuhrabgaben bezahlen.

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Phantombilder: Kennt jemand diese Frau? - ein Polizei-Zeichner bei der Arbeit
Im Auto des älteren Ehepaars werden die Zöllner heute nicht fündig. "Ist doch spannend. Man wird ja sonst nie kontrolliert", sagt der Fahrer. Seine Frau dagegen ist sichtlich erbost. Sie greift die beiden Beamten verbal an. "Sie sollten die Richtigen fangen, nicht uns."

"Zollkontrollen sind Stichprobenkontrollen", erklärt Pede. Im Gegensatz zur Polizei kann der Zoll auch ohne konkreten Verdacht aktiv werden. Er kann Menschen und Fahrzeuge durchsuchen, Taschen durchwühlen, Ausweise kontrollieren, Autos und Koffer mit einem an der Zollstation stehenden Röntgengerät durchleuchten.

Willkommen in Deutschland

Und es gibt wenige Dinge, die die Zöllner noch nicht gesehen haben. Bargeld, Rauschgift oder Zigaretten in großen Mengen im Auto versteckt, Waffen, per Haftbefehl gesuchte Kriminelle auf der Flucht in ein anderes Land, Steuerhinterzieher, Schwarzarbeiter, gefälschte Luxusartikel, Antiquitäten und Medikamente, verbotene Jagdtrophäen, unter Artenschutz stehende Tiere.

Bühler ging vor Jahren mal ein Autofahrer ins Netz. Er hatte drei Kilogramm Kokain im Reserverad seines Autos versteckt. Am Zoll war für ihn Endstation.

Am Ende ihrer Schicht machen Bühler und Pede dann doch noch jemanden glücklich. Ein Kleinbus mit Touristen aus Südkorea stoppt plötzlich, als er Deutschland erreicht. "Wo müssen wir die Autobahngebühr bezahlen?", fragt der Fahrer. "Es gibt keine", sagt Bühler. "Und wie hoch ist das Tempolimit?" Auch das gibt es nicht. Der Fahrer kann es kaum glauben. Und freut sich. "Vielen, vielen Dank", sagt er. Und gibt Gas. Willkommen in Deutschland.

Jürgen Ruf, dpa/pas

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
jorgeG 28.08.2014
1. Lol
"In Sekundenbruchteilen müssen sie entscheiden ... " Kriegt euch mal wieder ein.
Indigo76 28.08.2014
2.
Ein netter Artikel. Das einzig unrealistische: Ein Koreaner, der nicht weiß, dass es in Deutschland kein Tempolimit gibt? - Neben Neuschwanstein ist diese Tatsache der Haupturlaubsgrund für Asiaten in Deutschland.
mangolassi 28.08.2014
3.
es ist doch verrückt das zwischen Deutschland und der Schweiz überhaupt noch kontrolliert wird wenn es zu den anderen Ländern keine grenzkontrolle mehr gibt
Joe_Average 28.08.2014
4. Keine Kontrollen, da Schengen-Raum
Dia "anderen" Länder gehören zur europäischen Union bzw. zum Schengen-Raum!
alternativloser_user 28.08.2014
5. Eu
Zitat von mangolassies ist doch verrückt das zwischen Deutschland und der Schweiz überhaupt noch kontrolliert wird wenn es zu den anderen Ländern keine grenzkontrolle mehr gibt
Das könnte damit Zusammenhängen dass die Schweiz im Gegensatz zu den anderen Ländern um Deutschland nicht in der EU ist. Somit wird dann natürlich auch Einfuhrzoll auf Waren fällig usw.
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