Personalmangel Die unfreiwillige Feuerwehr von Grömitz

Freiwillige Feuerwehr? Funktioniert - wie der Name sagt - nur mit Freiwilligen. Weil die fehlen, verpflichtet ein Ort in Schleswig-Holstein jetzt seine Bürger.

Berufsschüler bei der freiwilligen Feuerwehr (Archivbild aus Rheinland-Pfalz)
Andreas Arnold/ dpa

Berufsschüler bei der freiwilligen Feuerwehr (Archivbild aus Rheinland-Pfalz)

Von Maike Rademaker


Die Stimmung beim Bürgermeister des Ostseebads Grömitz, Mark Burmeister, ist nicht wirklich gut. Bald beginnt die Saison, aber er hat eines seiner größten Probleme nicht gelöst: Es gibt zu wenig Freiwillige für seine Feuerwehr. Wenn sich im letzten Moment nicht noch welche finden, muss er Einwohner zwangsverpflichten. "Mir wäre eine freiwillige Feuerwehr wirklich lieber, und wir haben seit fünf Jahren alles versucht, um Freiwillige zu finden", sagt Burmeister. "Wir haben sechs Ortsfeuerwehren, 30 Freiwillige haben wir durch die letzten Aktionen noch gefunden - aber wir brauchen 60."

Grömitz hat 7300 Einwohner, im Sommer schwillt der Ort an, rund 260.000 Übernachtungsgäste und 550.000 Tagesgäste kommen jedes Jahr als Besucher. Die freiwillige Feuerwehr kümmert sich dann nicht nur um Brände und umgefallene Bäume, sondern auch um Surfer in Not, platzende Lkw-Schläuche oder die Sicherheitswache bei Veranstaltungen wie "Ostsee in Flammen". Da wird jede Hand gebraucht.

Selbst wenn sich genügend Freiwillige fänden, ist das Problem nicht gelöst. Viele arbeiten nicht am Heimatort, sondern pendeln. Damit wären sie bei einem Alarm - der eine gesetzliche Hilfsfrist von wenigen Minuten vorschreibt - nicht rechtzeitig vor Ort. "Das Problem ist auch die Tagesverfügbarkeit", sagt Burmeister. Der Brandschutz sei aber dennoch gewährleistet. "Der Alarm geht dann eben nicht an eine Feuerwehr, sondern an mehrere", erklärt der Bürgermeister.

Verpflichtung zum vollen Ausbildungsprogramm

Die Pflichtfeuerwehr hat die Gemeinde schon kurz vor Weihnachten beschlossen, danach begannen die Vorbereitungen. Im März verschickte Burmeister Briefe an potenzielle Feuerwehrleute mit der Bitte um ein Gespräch - schon das ist Pflicht. So will Burmeister herausfinden, wen er überhaupt verpflichten kann. "Wir wollen nicht jemanden bescheiden, der gar nicht muss." Finden sich dann nicht noch Freiwillige, wird für Ausgewählte die Verpflichtung ernst.

Entziehen kann man sich der Pflichtfeuerwehr nur unter ganz bestimmten Bedingungen: etwa, wenn man zu alt ist oder bestimmte Berufe ausübt. In Paragraf 16 des schleswig-holsteinischen Feuerwehrgesetzes ist das genau geregelt: "Alle Bürgerinnen und Bürger vom vollendeten 18. bis vollendeten 50. Lebensjahr sind verpflichtet, Dienst in der Pflichtfeuerwehr als ehrenamtliche Tätigkeit für die Gemeinde zu übernehmen und auszuüben, sofern sie nicht nachweisen, dass sie den gesundheitlichen Anforderungen des Feuerwehrdienstes nicht gewachsen sind."

Wer verpflichtet wird, muss das volle Programm durchlaufen - Truppmannausbildung, Übungen, Weiterbildung, Einsatzbereitschaft. Auch die Arbeitgeber können das nicht verhindern: Wenn ein Einsatz ansteht, dürfen Feuerwehrleute sofort den Arbeitsplatz verlassen.

Bundesweit gibt es in Deutschland 23.000 Freiwillige Feuerwehren, mit knapp einer Million Mitglieder - Tendenz sinkend. Laut Feuerwehrverband sind es jedes Jahr rund 1300 Mitglieder weniger.

Kein Einsatz, sondern eine Parade: Fahrzeuge der freiwilligen Feuerwehr München beim 140-jährigen Jubiläum der Wehr 2007
Frank Mächler/ dpa

Kein Einsatz, sondern eine Parade: Fahrzeuge der freiwilligen Feuerwehr München beim 140-jährigen Jubiläum der Wehr 2007

Die Entwicklung ist allerdings unterschiedlich. Während in Städten wie Berlin, wo Freiwillige mit Berufsfeuerwehren zusammenarbeiten, sogar ein Aufnahmestopp gilt, müssen vor allem Gemeinden auf dem Land mit allen Mitteln um Mitglieder kämpfen: mit Kinderfeuerwehren, um die Jüngsten zu begeistern, mit Freikarten fürs Schwimmbad für die Aktiven. Oder indem Landesgesetze mit der Altersgrenze für aktive Mitglieder geändert werden. Pflichtfeuerwehren sind dabei das letzte Mittel - keinem Bürgermeister fällt dieser Schritt leicht.

Die Gründe für den Mitgliederschwund sind zahlreich: die demographische Entwicklung, die Land-Stadt-Abwanderung, der Wegfall der Wehrpflicht 2011, die längeren Pendelzeiten, die fehlende Diversität in der Feuerwehr. Gleichzeitig wachsen die Aufgaben: "Für uns ist der Klimwandel ein Riesenthema - wir sind unmittelbar betroffen bei Trockenheit, Sturm und Hochwasser. Das wird das zentrale Thema auf dem Deutschen Feuerwehrtag 2020 werden", sagt Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes.

"Durch den Klimawandel haben wir immer öfter großflächige Lagen und damit auch Einsätze", so Ziebs, "die Feuerwehr kann aber nicht ehrenamtliche Mitglieder drei Wochen durchgehend einsetzen, das machen die Familien und die Arbeitgeber nicht mit. Dafür brauchen wir Lösungen."

Einsatz der freiwilligen Feuerwehr Gangelt (Nordrhein-Westfalen) nach einem Unwetter im Mai 2018
Freiwillige Feuerwehr Gangelt/ dpa

Einsatz der freiwilligen Feuerwehr Gangelt (Nordrhein-Westfalen) nach einem Unwetter im Mai 2018

Um mehr Mitglieder zu werben, sieht Ziebs auch Nachholbedarf bei den Feuerwehren selbst: "Wir müssen als Nachwuchs die erreichen, die bisher selten dabei sind: Frauen und Migranten. In Feuerwehren sind derzeit vor allem weiße Männer." An der Universität Paderborn wird dazu in dem Projekt "Fortesy" geforscht.

Es gehe um Lösungen für die Kinderbetreuung bei Einsätzen ebenso wie um Führung in den Vereinen, die einerseits hoch geschätzt werden für ihren ehrenamtlichen Einsatz, andererseits aber gerade bei Jüngeren als verstaubter Bier- und Bratwurstclub gelten: "Wir können nicht mehr so führen wie vor 30 Jahren, mit dominanten Führungskräften. Im Einsatz ist klar: Einer hat das Sagen, das geht nicht anders. Aber außerhalb, bei gesellschaftlichen Anlässen, bei Ausbildungsinhalten, da müssen wir Gestaltungsspielräume anbieten", fordert Ziebs. "Es muss auch zum Beispiel möglich sein, dass jemand mal ein paar Monate nicht dabei ist." In den Landesfeuerwehrschulen, die die Freiwilligen ausbilden, sei das Thema bessere Führung bereits angekommen.

Pflichtfeuerwehren werde es nur in Einzelfällen geben, glaubt Ziebs. Auf Gemeindeebene ist man sich nicht ganz so sicher: In Schashagen, einem Nachbarort von Grömitz, hat die Gemeindevertretung im April eine Pflichtfeuerwehr beschlossen - die Vorbereitungen laufen bereits.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde der Eindruck erweckt, freiwillige Feuerwehren gäbe es nur in Deutschland und Österreich. Das ist nicht so; wir haben die entsprechende Passage korrigiert.

insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Andre V 01.06.2019
1. Schreiben, was ist...
Ja, im Ehrenamt findet man Menschen, die etwas fürs Gemeinwohl tun wollen, und eher weniger solche, die nur Fordern können und Privilegien verlangen. "...die fehlende Diversität in der Feuerwehr [...] In Feuerwehren sind derzeit vor allem weiße Männer." Und ich dachte schon, es würde im Artikel drum herum relotiert. Offensichtlich hat SPON erkannt, dass man endlich wieder schreiben muss, was ist, und nicht, widdewiddewi die Welt gefällt. Jetzt müsste man nur noch diesen Kommentar veröffentlichen, gell? Generell ist es schade, wie diese Vereine (ganz egal welche) immer weniger werden. Sie haben für den Zusammenhalt der Gesellschaft gesorgt, ja, auch für Integration, wenn auch nur für die, die sich auch integrieren wollten und das auch durften, und für ein soziales Miteinander. Klar kann alles "der Staat" machen, zur Not mit einer Berufsfeuerwehr, einem Berufs-Rotkreuz, einem Berufs-THW, für die dann schön brav Steuern gezahlt werden müssen - noch mehr Steuern zahlen ist heute ja im Zweifel links. Dabei war das Vereinsleben einmal "links" und oft genug von der Obrigkeit verboten. Turnvereine galten mal als umstürzlerisch!
ttrotzi 01.06.2019
2.
Freiwillige Feuerwehren ein internationales Unikum? Wohl kaum, wie z.B. USA: "NFPA estimates there were approximately 1,056,200 local firefighters in the US in 2017. Of the total number of firefighters 373,600 (35%) were career firefighters and 682,600 (65%) were volunteer firefighters." Quelle https://www.nfpa.org/News-and-Research/Data-research-and-tools/Emergency-Responders/US-fire-department-profile
nimby 01.06.2019
3. Ich habe Hochachtung
vor der Leistung von freiwilligen Feuerwehren. Unsere Wehr muss regelmäßig bei großen Autobahn-Unfällen helfen und darf sich dann noch von Gaffern blöd anmachen lassen. Vielen Dank auch!
Nordstadtbewohner 01.06.2019
4. Zwangsdienst als "Ehrenamt"
Ich bin froh, in einer Stadt mit einer Berufsfeuerwehr zu leben. Dafür zahle ich auch entsprechend Steuern und Abgaben. Zwangsdienst im Rahmen einer Pflichtfeuerwehr als "Ehrenamt" zu bezeichnen, halte ich für einen krassen Euphemismus. Ich durfte bereits Zwangsdienst für die Bundeswehr leisten und habe außerdem 3 Kinder, da muss ich nicht noch zur Pflichtfeuerwehr. Dazu kommt, dass man bei der Freiwilligen- und Pflichtfeuerwehr auch während der Arbeitszeit zum Einsatz muss, was wie im Artikel richtig erwähnt wird, nicht zur Kündigung führen darf. Wer aber beruflich vorankommen und Karriere machen will, der wird da so seine Probleme bekommen. Dazu kommt, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht durch eine Pflichtfeuerwehr erzwungen werden kann.
p-touch 01.06.2019
5. In dem Artikel wurd es schon
angesproche, die Aufgaben der Freiwilligen Feuerwehr ist in denn letzten 20 Jahren immer umfangreicher geworden. Da geht sehr viel Freizeit drauf, nicht nur für die eigentliche Einsätze, sondern auf für Lehrgänge und Übungen. Da kommt eine FFW schnell an seine Grenzen, wenn dann noch, wie an in diesen Ostseeort, die Wehr als Mädchen für Alles eingesetzt wird, bleiben irgentwann die Leute weg. Schlicht und einfach weil die Belastung zu groß ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.