Arbeiten im Großraumbüro Warum der Chef öfter mal weggucken sollte

Raus mit den Wänden, nieder mit den Hierarchien, ab ins Großraumbüro. Wenn der Chef neben seinen Mitarbeitern sitzt, wird weniger geschwätzt und mehr geschafft, so die Hoffnung. Das Gegenteil ist der Fall.

Großraumbüro in Kalifornien
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Großraumbüro in Kalifornien

Eine Kolumne von


Olivers Firma war eine der letzten, aber dann war auch dort klar: Eine neue Büroarchitektur muss her. Keine Einzelzellen mehr mit muffeligem Teppichboden und Gummibaum in der Ecke. Stattdessen: viel Glas, coole Betonträger, ein Raum für das ganze Team. Eigenbrötler adé, hier kommt die Transparenz! Ästhetik siegt über Muffeltum.

Jeder weiß, dass transparentes Arbeiten produktiver macht. Besserer Austausch mit den Kollegen, schnellerer Informationsfluss und ja, auch das spielt eine Rolle, weniger privates Surfen im Internet.

Oliver freut sich schon darauf, zu sehen, wie die neue Transparenz im Büro ihr effizienzsteigerndes Werk aufnimmt. Zuschauen ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen. Zwar gibt es in der neuen Offenheit auch für Abteilungsleiter wie Oliver kein Einzelbüro mehr, doch weil die Personalabteilung durchaus in der Lage ist, zwischen Offenheit und Anarchie zu unterscheiden, dürfen die Führungskräfte an der Stirnseite des Raumes sitzen, auf einem minimal erhöhten Podest. Von hier aus hat Oliver sein ganzes Team im Blick - und was er sieht, gefällt ihm ganz hervorragend.

Alle sind hochkonzentriert. Oberschläger, der junge Familienvater, surft nicht mehr stundenlang auf Immobilienseiten, Holthusen hat ihr Strickzeug diskret in die Ecke gelegt, und sogar der phlegmatische Beermann blättert nicht mehr in Autozeitschriften, sondern arbeitet brav am Marketingplan für das übernächste Quartal. Vor lauter Glück ist Oliver drauf und dran, sich eine Runde seines Lieblings-Onlinespiels zu gönnen, verkneift es sich aber in letzter Sekunde. Transparenz gilt schließlich für alle.

Entspannter Arbeiten ohne Chef

Doch am Ende des Quartals, als die Personalmanager ihm die Performance-Faktoren seiner Abteilung präsentieren, tut sich ein Rätsel auf: Die Leistung ist so schlecht wie seit Jahren nicht. Fast alle wichtigen Projekte sind in Verzug geraten, mehrere harte Deadlines wurden gerissen. Die Personaler sind zerknirscht und ratlos: In anderen Abteilungen ist der Effekt ähnlich.

Oliver klagt sein Leid einem Freund, der Professor für Personalmanagement ist. Dieser ist nicht überrascht: "Ah, das Transparenz-Paradoxon! Immer wieder schön, es in der Praxis bestätigt zu sehen."

Der Effekt, den der Freund beschreibt, wurde von Wissenschaftlern der Harvard Business School erforscht und geht so: Was Oliver ein ganzes Quartal über wohlwollend beobachtete, war pures Theater. Seine Leute blätterten in Unterlagen, hackten auf der Tastatur rum oder tätigten hektische Anrufe - doch oft ohne Sinn und nur, um Beschäftigung zu demonstrierten. Sie simulierten Fleiß und Engagement - während sie in Wahrheit darauf warteten, dass Oliver den Raum verließ.

"Ha, ja klar, damit sie dann wieder stricken und in Autozeitschriften blättern können", empörte sich Oliver. "Wahrscheinlich nicht", entgegnete der Freund sanft. "Eher, um endlich mit der Arbeit anfangen zu können, ohne dass Du ihnen ständig über die Schulter schielst. Deshalb heißt es ja Transparenz-Paradoxon."

Tatsächlich ergab die Harvard-Studie einen Leistungsvorsprung von bis zu 15 Prozent bei Mitarbeitern, die etwas mehr Privatsphäre am Arbeitsplatz hatten. Ohne Chef im Nacken - und ohne Ablenkung durch die Kollegen - arbeiteten sie entspannter und effizienter.

Was also tun? Das ganze Konzept aufgeben wollte keiner. Die Kollegen von Human Resources wären traurig, und sie haben es eh schon nicht leicht. Um das luftige Design wäre es auch schade. Und um ganz ehrlich zu sein, hatte Oliver sein kleines Mini-Podest schon ziemlich ins Herz geschlossen.

Die Lösung war pragmatisch und effektiv und kam, natürlich, von seiner Frau. "Machst Du gar keine Dienstreisen mehr?", wunderte sich die Gattin eines Abends. Tatsächlich: Vor lauter Begeisterung über die neue Transparenz hatte Oliver seinen Podest-Posten kaum noch verlassen.

Das änderte er jetzt. Mindestens zweimal pro Woche legte er sich Auswärtstermine zu und den Rest der Zeit achtete er darauf, nicht länger als drei Stunden täglich an seinem Platz zu sein. Das bedeutete manchmal, dass er sich mit dem Laptop in die Kaffeeküche einer anderen Abteilung verkroch, was ein bisschen demütigend war, aber hey, wenn's dem Team nützt?

Und das tat es. Die nächsten Quartalszahlen waren deutlich besser, und die Personaler erkundigten sich begeistert, wie Oliver das geschafft habe. Sein Konzept wurde konzernweit zum Vorbild erkoren und er musste in allen Abteilungen Vorträge halten. Gute Sache, so lernte er endlich mal mehr kennen als nur die Kaffeeküchen.

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Seite 1
trader_07 01.11.2016
1. Tolles Bild....
Tolles Bild. Sieht aus wie eine Legebatterie im Hühnerstall. So würde ich nie im Leben "arbeiten" wollen.
ttvtt 01.11.2016
2. Transparenz-Paradox?
Transparenz-Paradox? In Olivers Fall doch wohl eher Überwachungs-Paradox, schließlich sitzt er erhaben auf seinen Podest(Thron) und schaut kontrollierend über seine im wahrsten Sinne Untergebenen. Im Grunde fehlte ihm nur noch ein Galeere-Trommler, der den Takt für die Arbeitssklaven schlägt.
Shelly 01.11.2016
3. Ich bin schon bei Chefs
im Büro gesessen, als die bei Firmen, die bei unserem Arbeitgeber beschäftigt waren, Kabel für die den alten Bauernhof, den sie geklauft hatten, bestellt haben. Ebenso einen Kran von der Baustelle beim Arbeitgeber anschließend zu ihnen nach Hause. Natürlich bin ich sicher, dass da alles legal bezahlt wurde, natürlich. Sind sie sicher, dass die Chefs nicht mehr zu verbergen hätten, als die, die die Arbeit machen?
citycity 01.11.2016
4.
Da ist sicher was dran, aber ist die Dauerlösung das Oliver jetzt immer sagt "Ooooh ich hab da ja noch nen wichtigen Termin!" um dann hinter der nächsten Ecke weiter zu arbeiten? Man könnte auch einfach ehrlich zueinander sein und bestimmte Sachen nach Vertrauen regeln. Am besten klappt das Ganze doch meist, wenn die Mitarbeiter keine Angst davor haben auch mal hier und da etwas privates zu gucken oder mit Kollegen zu sprechen. Wichtig sollte sein dass die Arbeit erledigt wird, nicht das man 8 Stunden möglichst beschäftigt aussieht.
joe_ann 01.11.2016
5. wann kommen unsere Steinzeitsaurier- Chefs dahinter?!
Dass Mitarbeiter, denen man vertraut, Freiräume lässt uuund vielleicht sogar mal das Gefühl gibt, gebraucht zu werden bzw.für gute Arbeit loben, wesentlich produktiver sind. Vor allem letzteres fehlt leider zumeist. Und da ist Dienst nach Vorschrift vorprogrammiert. Aber es gibt zum Glück mittlerweile auch Firmen, die das kapiert haben und nicht so ausbeuterisch mit den Angestellten umgehen und wo sich die Angestellten ihre Arbeitszeit selbst bestimmen...Und Hey, meist funktioniert es überraschend besser...Schwarze schaffe gibt es natürlich immer.
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