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Job & Karriere

Rückblick eines Gründers "Ich bin Opfer meiner eigenen Neugier"

Inspiriert von einer Reise durch Vietnam ernannte sich Stefan Fak selbst zum Risolier, zum Experten für Reis. Fast seine ganzen Ersparnisse investierte er in seine Firma. Wie geht es ihm heute, neun Jahre später?
Lotao-Gründer Stefan Fak: "Das ist jetzt nicht mehr der private Stefan, der hier unterschreibt"

Lotao-Gründer Stefan Fak: "Das ist jetzt nicht mehr der private Stefan, der hier unterschreibt"

Foto: Lotao

Risolier, so würde er sich nennen. Ein Sommelier, nicht für Wein, sondern für Reis. Den Namen hatte sich eine Freundin von ihm ausgedacht, eines Abends in Berlin, als Stefan Fak ihr und anderen Freunden seine Geschäftsidee erklärte: Er würde Reis im Internet verkaufen. Besonderen Reis. Reis, den man nirgendwo sonst kriegt, und der so lecker schmeckt, dass er keine Beilage ist, sondern ein Hauptgericht. Er würde Reis aus dem Kochbeutel befreien.

1860 Treffer findet Google mittlerweile, wenn man die Wortschöpfung Risolier sucht. Die meisten Einträge sind neun Jahre alt, sie stammen aus der Gründerzeit von Faks Firma Lotao. Auch der SPIEGEL berichtete damals über den Berliner Existenzgründer, der sich inspiriert von einer Reise durch Vietnam einen eigenen Beruf erfand und dafür seine Wohnung in ein Lager verwandelte. Überall standen Reispackungen herum. Fak war umgeben von Reisrollen, Reisöl, Reisschnaps.

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Vom Reis zum Zucker zur Jackfrucht

Foto: Lotao

Seinen Job beim österreichischen Tourismusverband in Berlin hatte Stefan Fak schon vor der Vietnamreise gekündigt. Die Arbeit sei interessant gewesen und gut bezahlt, sagt er, aber "die Vision war weg". Einen hohen fünfstelligen Betrag, einen Großteil seiner Ersparnisse, steckte er in seinen Traum vom eigenen Unternehmen.

"Reich wird Stefan Fak mit seiner Geschäftsidee wohl nicht so schnell", stand vor neun Jahren im SPIEGEL. "Aber er ist glücklich, etwas tun zu können, hinter dem er voll und ganz steht."

Beide Sätze treffen noch immer zu.

Stefan Fak, 47, ist nicht reich geworden, er hat noch nicht einmal seine Anfangsinvestition als Reingewinn wieder auf dem Konto. Aber er hat 30 Arbeitsplätze geschaffen, sein Reis wird deutschlandweit in Drogerien und Supermärkten verkauft, der Umsatz seines Unternehmens liegt im zweistelligen Millionenbereich.

"Für mich persönlich wäre es wohl lukrativer gewesen, wenn ich die letzten zehn Jahre an der Spree gesessen und mit Nichtstun verbracht hätte", sagt Fak. "Aber ich zeichne jetzt manchmal Rechnungen ab für eine einzige Lieferung, die höher sind als meine Anfangsinvestition. Und in solchen Momenten wird mir dann bewusst: Das ist jetzt nicht mehr der private Stefan, der hier unterschreibt, da steckt eine richtige Firma dahinter."

Als der SPIEGEL vor neun Jahren über Fak berichtete, war dieser noch Einzelkämpfer und hatte gerade einen ersten Erfolg gefeiert: eine Kooperation mit einer Feinkostkette. Sie war interessiert an grünem, schwarzem und geräuchertem Reis, "seltenen und komplizierten Sorten", wie Fak sagt. Übers Internet heuerte er Menschen in ganz Asien an, die für ihn Reis kauften und nach Berlin schickten. Aber viele Proben kamen "in katastrophalen Zuständen an". Fak lernte Reiskäfer kennen und Reisläuse, er schälte und wusch im Akkord - und war manchmal mit der Zubereitung überfordert.

Über einen Aushang in Berlins größtem Asiamarkt fand er einen vietnamesischen Koch, der bereit war, ihm zu helfen. Auch seine Freunde spannte er ein. "Irgendwann war meine Wohnung so voll, dass ich mit meinem Rechner nur noch im Bett arbeiten konnte", sagt er. "Der Start war ein völliges Chaos."

Enttäuscht von Gründerberatern

Fak mietete ein kleines Ladenlokal im Prenzlauer Berg und stellte eine Assistentin ein, die ihm versprach, alles zu übernehmen, worauf er keine Lust hatte. Ein Fehler, sagt er rückblickend: "Spätestens beim Einstellen des ersten Mitarbeiters muss man als Gründer erkennen, dass man an einem kritischen Punkt ist, an dem man Klarheit braucht: Wie groß will ich werden? Wo sind meine Schwäche? Wo braucht die Firma was, und an welcher Stelle werden welche Talente gebraucht?" Das bedeute mitunter auch, Freunde vor den Kopf zu stoßen, die helfen wollen, aber nicht über das nötige Know-how verfügen.

Das Hineinwachsen in die Chefrolle sei ihm nicht leicht gefallen, sagt Fak. Er hechelte von einem Vortrag für Existenzgründer zum nächsten, verschlang Ratgeberbücher, konsultierte Gründerberater.  "Ich war überall, habe mir alles angehört, was es gab, aber gebracht hat das gar nichts." Immer wieder habe man ihm das Gleiche erklärt, sich an Businessplänen und Zielgruppenanalysen abgearbeitet, aber die entscheidenden Ratschläge habe ihm niemand gegeben. "Ich hätte jemanden gebraucht, der mir praktische Tipps gibt: Wie sortiere ich meine Rechnungen am besten? Was packe ich in welche Ordner?" Hilfe fand er schließlich bei einem Businesscoach, der ihm in Einzelsitzungen half, konkrete Fragen zu lösen.

Fak sehnte sich nach einem Geschäftspartner, jemanden, mit dem er seine Ideen besprechen könnte, der Sorgen und Nöte teilte. Und es meldeten sich durchaus Interessenten. 10.000 Euro versprachen sie ihm - und verlangten dafür zehn Prozent Anteil am Unternehmen. Fak erschien das als "reine Abzocke". "Es ist unglaublich, wie viele Scharlatane es gibt. Als Gründer muss man sich vor solchen Angeboten wirklich in Acht nehmen."

"Ich bin zu einem Trüffelschwein geworden, das Delikatessen in Asien findet"

Über Freunde lernte er schließlich einen älteren Herrn kennen, vermögend, Ende 80. Kein Sparringspartner, um Geschäftsideen zu besprechen, aber ein freundlicher, wohlmeinender Investor. Mit seiner Hilfe baute Fak in Mecklenburg-Vorpommern eine eigene Abfüllanlage für seinen Reis auf. "Das war wie der Umzug von einer 30-Quadratmeter-Wohnung in ein Loft", sagt Fak. "Und es hatte eine magnetische Wirkung." Immer mehr Angebote trudelten ein, von Supermarktketten und Drogerien. Und auch überraschende Aufträge: Fak tütet nun auch eine Fertigmischung für Kaiserschmarrn ein. Für ihn als gebürtigen Österreicher ein Auftrag, der ihn immer wieder zum Lachen bringt. "Aber die Mischung schmeckt wirklich gut."

Auch in seinem eigenen Onlineshop  bietet Fak nun nicht mehr ausschließlich Reis an, sondern auch Kokosblütenzucker, Schlangenfrucht-Chips oder Fertiggerichte mit Jackfrucht. "Ich bin zu einem Trüffelschwein geworden, das Delikatessen in Asien findet", sagt Fak. "Vielleicht bedauere ich in zehn Jahren, dass ich mein Geschäft verwässert habe, aber ich bin da Opfer meiner eigenen Neugier."

Den Kokosblütenzucker hatte ihm eine Reislieferantin ungefragt zugeschickt. "Ich wusste gar nicht, was ich damit sollte und habe die Packung ungeöffnet in einer Schublade versenkt." Monate später fand er sie wieder und kippte einen Löffel davon in seinen Tee. "Da habe ich einfach nur gedacht: Wow." Er schickte den Zucker weiter an die Feinkostkette – und schon hatte er das nächste Produkt im Sortiment.

Die Jackfrucht entdeckte er auf einer Indienreise in einem Currygericht. Über die Vorzüge der Frucht kann er nun ganze Vorträge halten, geschmacklich erinnere sie an zartes Hühnerfleisch, sagt Fak. Er verkauft sie pur, in Salzlake eingelegt und als "Jackpot" - ein Fünf-Minuten-Fertiggericht im kompostierbaren Becher. Wenn Fak erzählt, wie die Frucht getrocknet und gepufft wird, hört man ihm die Begeisterung an. Er habe noch immer "Reiskörner als Pupillen", sagt er, "aber so etwas von der Idee bis zum Produkt zu entwickeln, macht unglaublich Spaß".

Menschen sind wichtiger als Gewinnmargen

Mittlerweile ist Fak nicht mehr alleiniger Firmenchef. Über eine Agentur hat er gezielt nach einem Geschäftspartner gesucht, der auch toleriert, dass er Produkte mit einer Gewinnmarge von null im Angebot hat: "Ich will den bengalischen Bauern ihren Reis abkaufen. Er schmeckt großartig, macht hier die Kunden glücklich, und da die Bauern. Normale Sorten wären lukrativer, aber darum geht es mir mich. Mir geht es um Nachhaltigkeit und den Menschen hinter den Produkten." Und Fak hatte Glück bei seiner Suche nach Gleichgesinnten: Ein Familienunternehmen aus Greifswald hält nun 50 Prozent der Anteile an Lotao.

Zusammen mit einer Agrarstiftung aus dem indischen Bangalore und der Deutschen Investitions- und Entwicklungshilfegesellschaft hat Fak ein Weiterbildungsprojekt für Farmer von Jackfrüchten gestartet. Sie lernen, wie sie die Früchte ohne Pestizide und mit nachhaltiger Bewässerung züchten können, werden in der Weiterverarbeitung und Kompostierung von Resten geschult.

Vor neun Jahren hatte Fak dem SPIEGEL gesagt, für seine Firma verzichte er gern auf freie Tage, ein Sonntag ohne Arbeit sei schon Luxus. Auch dieser Satz stimmt noch immer – und er macht Fak auch nachdenklich. Was hat er in den vergangenen Jahren alles verpasst? Seit der Firmengründung ist für ihn jeder Urlaub gleichzeitig Geschäftsreise, immer geht es nach Asien, manchmal hängt er noch zwei Tage auf einer Insel dran, aber eigentlich würde viel lieber mal nach Irland. Tauschen wolle er trotzdem nicht: "Zurück in meinen alten Job? Das mag ich mir gar nicht vorstellen!"

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