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Fazit eines Gründers "Investoren belohnen keine Bescheidenheit"

Für seinen Zivildienst zog er nach Sibirien - und handelt seitdem mit Produkten aus Birkenrinde. Hier erzählt Tim Mergelsberg, was er dabei in den vergangenen sieben Jahren gelernt hat.
Tim Mergelsberg

Tim Mergelsberg

Foto: Paul Glaser / Zukunftswerkstatt Lausitz

Ist der verrückt oder ein Spion? Darüber grübelten die Menschen im sibirischen Asino, als Tim Mergelsberg sie bat, ihm zu zeigen, wie man Dosen aus Birkenrinde herstellt. Mehr als zehn Jahre ist das nun her. Aus den einst skeptischen Geschäftspartnern sind längst Freunde geworden - und aus Mergelsberg ein Unternehmer, der nicht mehr nur Tee- und Zuckerdosen und Brotkörbe aus Birkenrinde verkauft, sondern mit der Rinde bald auch Duschen, Saunas und Armaturenbretter von Autos verkleiden will. 

"Nach all den Jahren ist jetzt meine Zeit gekommen", sagt er. "Der Anfang war haarig, aber ich habe mich hochgekämpft, und jetzt sind nachhaltige Verpackungen und grüne Innovationen auf einmal gefragt."  

Als der SPIEGEL vor sieben Jahren über Mergelsberg und sein Leben in Sibirien berichtete, hatte er gerade zum ersten Mal bei der Birkenrindenernte tief in der Taiga dabei sein dürfen. Mit Steigeisen kletterte er auf die Bäume und löste die Rinde ab, der Morast lief ihm von oben in die Gummistiefel, Moskitos fielen über ihn her, sie sahen Spuren von Bären. Eineinhalb Tonnen Rinde ernteten er und sechs Helfer damals in zwei Tagen, das reichte für die Jahresproduktion seiner kleinen Firma.  

Birkenrinde war das Plastik des Mittelalters

Nach Sibirien war Mergelsberg für seinen Zivildienst gekommen, er arbeitete dort in einem sozialtherapeutischen Projekt mit Menschen mit Behinderungen in Istok, einem Dörfchen in der Nähe des Baikalsees. Schon an seinem ersten Arbeitstag wurde er zum Leiter der Holzwerkstatt ernannt und als ein deutscher Unternehmensberater, der mit Tee aus Sibirien handeln wollte, fragte, ob er und seine Schützlinge auch Teedosen aus Birkenrinde herstellen könnten, war Mergelsbergs Interesse geweckt. 

"Ich hatte mich noch nie mit Birkenrinde beschäftigt, fand die Idee aber spannend, denn Birken wachsen in Sibirien wie Unkraut, und ihre Rinde gilt als das Plastik des Mittelalters", sagt er. Zur Recherche reiste er nach Tomsk, dem Zentrum der Birkenverarbeitung in Sibirien - und verliebte sich, wie er sagt, sofort in das Material.  

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Aus Sibirien nach Görlitz

Foto: Animaflora / iStockphoto / Getty Images

Auch jetzt gerät er noch ins Schwärmen, wenn er von den Vorzügen der Rinde erzählt: Stabil und elastisch wie Leder, wasserabweisend wie Kunststoff und warm wie Samt sei sie, außerdem auch noch antiseptisch, jahrelang haltbar und natürlich nachwachsend.  

Der geplante Tee-Export scheiterte schließlich an den Vorgaben der deutschen Lebensmittelbehörde, aber Mergelsberg hatte seine Berufung gefunden. Nach dem Zivildienst schrieb er sich an der Uni Passau für Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien für Osteuropa ein, reiste sofort wieder nach Russland und borgte sich Geld bei Freunden und Bekannten, um die Firma Saagan zu gründen.  

Auf Wochen- und Weihnachtsmärkten in Deutschland kamen die Dosen und Brotkörbe aus Birkenrinde gut an, vor allem bei Veganern, aber zum Leben reichte der Erlös in den ersten Jahren nicht. Um über die Runden zu kommen, arbeitete Mergelsberg als Reiseleiter in St. Petersburg. "Ich habe bescheiden gelebt und jeden Gewinn sofort wieder in den Einkauf gesteckt", sagt er.  

Ausgerechnet diese Strategie, auf die er eigentlich stolz ist, macht ihm nun zu schaffen. Denn zum ersten Mal in seinem Leben ist Mergelsberg auf der Suche nach Investoren - und die beeindruckt es wenig, dass er es geschafft hat, ohne Kredit ein kleines, funktionierendes Unternehmen aufzubauen.  

Für Mergelsberg ist Saagan eine Erfolgsgeschichte; schließlich ernährt die Firma ihn, seine mittlerweile siebenköpfige Familie und Dutzende Menschen in Sibirien. Auf dem Papier ist die Wachstumskurve trotzdem flach: Es gibt keine Angestellten und kein Ladengeschäft, verkauft werden immer noch dieselben Produkte auf denselben Vertriebswegen. 

Sie sind Unternehmer - wieso haben Sie keine 100.000 Euro?

"Mit den Dosen allein kann man keine großen Sprünge machen, das war mir von vornherein klar", sagt Mergelsberg. "Aber jetzt bin ich bereit für den nächsten Schritt. Aus der ersten Firma habe ich viel gelernt, jetzt kann ich größer denken. Das Paradoxe ist aber: Investoren belohnen keine Bescheidenheit. Da heißt es dann: 'Sie sind fast 40 und seit über zehn Jahren Unternehmer. Wieso haben Sie denn keine 100.000 Euro übrig, um in sich selbst zu investieren?'"  

Mergelsberg hat eine zweite Firma gegründet, mit der er Birkenrinde maschinell so bearbeiten will, dass sie als Oberflächenbelag verwendet werden kann - in Duschen, Saunas, aber auch in Autos. Die Patente am Herstellungsverfahren hat er anderen Gründern abgekauft, die schon vor zehn Jahren Duschen mit Birkenrinde verkleidet haben, allerdings nur im kleinen Stil.  

Er hat nun große Pläne, ist mit Autokonzernen im Gespräch und arbeitet mit einem Zulieferer schon an einem Prototyp für ein mit Birkenrinde verkleidetes Armaturenbrett. Bis zu zehn Mitarbeitende will er im nächsten Jahr einstellen. Die erste Angestellte fängt schon im September an, sie soll sich ums Marketing kümmern und zieht extra für den Job von Berlin nach Görlitz - der neuen Wahlheimat von Mergelsberg.  

"Die Netzabdeckung ist in Sibirien besser als in der Lausitz"

Tim Mergelsberg

In Sibirien war er schon seit zwei Jahren nicht mehr. "Die Sehnsucht ist groß, ich will unbedingt wieder hin, aber mit kleinen Kindern ist das nicht so einfach", sagt er. Die Anreise nach Istok ist beschwerlich, drei Tage dauert allein die Zugfahrt ab Moskau. Und der jüngste Sohn von Mergelsberg ist erst sechs Monate alt.  

Mit seinen Zulieferern ist er dennoch ständig in Kontakt, per Videokonferenz oder Chat. "Die Netzabdeckung ist in Sibirien besser als in der Lausitz", sagt er.  

Den Wohnort haben seine Frau und er vor zwei Jahren wegen der Nähe zu Dresden gewählt, wo Verwandte leben. "Wir wollten ländlich wohnen, und die Mieten sind hier günstig, aber man muss sich hier schon reinbeißen", sagt er.  

Die Lausitz lebte jahrzehntelang vom Kohleabbau, bis spätestens 2028 soll damit Schluss sein. Die Region steht vor einem Strukturwandel , der viele Chancen eröffnet, aber viele Menschen auch ratlos macht. Bei den Landtagswahlen im vergangenen Jahr kam die AfD in den ehemaligen Kohlestädten Hoyerswerda und Spremberg auf über 30 Prozent.  

Dass viele Menschen in der Nachbarschaft "einen anderen Blick auf die Gesellschaft haben", wie Mergelsberg es formuliert, sei schon spürbar, auf der anderen Seite gebe es aber auch "viele tolle, kreative Leute, die was reißen wollen". So wird in Görlitz gerade ein ehemaliges Kühlhaus zum Co-Working-Space ausgebaut, Mergelsberg hat sich als Mieter schon angemeldet. Und er ist nicht der einzige Interessent: Seit die Coronakrise Homeoffice in vielen Unternehmen zum Standard gemacht hat, interessieren sich immer mehr Stadtflüchtlinge für ein Leben in der Lausitz.  

Weg von der dreckigen Kohle, hin zu agilen Kreativbetrieben - das ist die Vision, die Mergelsbach mit anderen jungen Unternehmern in der Region teilt. Und er geht noch einen Schritt weiter: "Wie kann man Wirtschaft so denken, dass sie für die Menschen da ist? Wie schaffen wir es, dass es nicht immer nur um Profit geht?", fragt er.  

Die Firma soll sich selbst gehören

Für sein neues Unternehmen hat er schon eine Lösung gefunden - im Modell des Verantwortungseigentums: Die Kontrolle über und die unternehmerische Verantwortung für die Firma soll immer bei denen liegen, die gerade für sie arbeiten. Der Eigentümer des Unternehmens schenkt es praktisch sich selbst.  

Die Mitarbeitenden werden zu Treuhändern. Sie entscheiden, wer eingestellt und worin investiert wird, haben dadurch aber keine finanziellen Vorteile. Der Vermögenswert bleibt langfristig im Unternehmen gebunden. Mit den Einnahmen werden die laufenden Kosten gedeckt, Gewinne werden reinvestiert. Wenn Mitarbeitende die Firma verlassen, gehen ihre Stimmrechte an die Nachfolger über.

Mergelsberg findet dieses Modell ideal. Es erschwere vielleicht die Investorensuche, gibt er zu. "Aber ich will sowieso kein Geld von einem Investor, der eine Firma nur ausquetschen will. Und für sinnorientierte Investoren macht uns das doch sogar interessanter." Auch ein Crowdinvestment, bei dem Privatanleger kleinere oder größere Summen in Start-ups investieren, kann er sich vorstellen. "Langfristig erzielen wir so bestimmt die besten Ergebnisse. Wer würde denn nicht für eine Firma arbeiten wollen, die sich selbst gehört?" 

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