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Handschuhmacher: Unikate vom Opa

Foto: Jens Wolf/ dpa

Handschuhmacher Drei Finger aus Wasserschweinleder

Sein Werkzeug ist mehr als 100 Jahre alt, er selbst hat jedes Rentenalter überschritten: Claus Schmidt, 78, ist einer der letzten Handschuhmacher. Seine Werke werden in ganz Deutschland verkauft - in Sanitätshäusern. Denn Schmidt macht auch Handschuhe mit drei Fingern.

Einmal, erzählt der Handschuhmacher, habe dieser verzweifelte Mann vor ihm gestanden: "Riesengroße Hände hatte der. So groß waren die, dass sie kaum auf eine DIN-A4-Seite passten." Ob er ihm ein paar Handschuhe für den Winter fertigen könnte, habe der Mann gefragt. Claus Schmidt konnte: "Es waren die ersten Handschuhe, die er jemals besessen hat."

Fälle wie diese sind für Claus Schmidt, 78, nichts Besonderes. Er ist außergewöhnliche Kunden gewöhnt. Seit mehr als 50 Jahren fertigt er in seiner Werkstatt in Magdeburg Lederhandschuhe nach Maß, meistens für Menschen, deren Hände nicht ins Schema F passen. Riesengroße Hände. Hände, an denen ein oder mehrere Finger fehlen oder die unterschiedlich groß sind. Hände, deren Nerven so empfindlich sind, dass sie den Standardhandschuh aus dem Kaufhaus nicht vertragen.

Schmidt ist in Deutschland wohl der einzige Handschuhmacher, der sich auf Handschuhe für versehrte Hände spezialisiert hat. "Uns ist sonst niemand bekannt, der das macht", sagt Manuela Schneemann. Sie arbeitet für ein Berliner Unternehmen, das Orthopädietechnik verkauft, eines von mehr als 300 in Deutschland, die regelmäßig bei Schmidt ordern - und deren Kunden meist Schlimmes erlebt haben. Sie haben ihre Finger bei Arbeits- oder Autounfälle verloren, manchen wurden sie auch wegen einer Krankheit amputiert.

Leder vom Wasserschwein

"Handschuhe für solche Hände müssen passgenau sitzen und einwandfrei verarbeitet sein", sagt Schmidt. "Denn wenn es drückt oder scheuert, dann schmerzt es." Der Handschuhmacher steht mit einer schwarzen Schürze um den Hals in seiner Werkstatt in einem Magdeburger Hinterhof. In den Händen hält er ein feuchtes, schwarzes Lederstück, das so groß ist wie eine Badezimmermatte. Aus der gefärbten Lammhaut will Schmidt an diesem Dezembermorgen ein Paar Damenhandschuhe machen - für eine Frau, die an der rechten Hand keinen kleinen Finger mehr hat.

Mit kräftigen Armbewegungen zieht Schmidt das Lammleder über die Kante einer großen Holzplatte, einmal nach links, einmal quer. Dann breitet er es vor sich auf dem Tisch aus und pudert es mit fein gemahlenem Talk, so, wie es schon Handschuhmacher vor mehreren hundert Jahren gemacht haben. "Erst dann kann ich ganz genau die Fehlstellen sehen", sagt Schmidt. Die Stellen also, an denen sich das Tier gescheuert oder verletzt und dabei Löcher oder Druckstellen in der Haut zurückgelassen hat. "Da müssen wir ganz genau hingucken. Handschuhe mit solchen Stellen will keiner haben."

Die Auswahl des Werkstücks gilt unter Handschuhmachern als anspruchsvollster Arbeitsgang. Kein Zentimeter soll verschwendet, das Leder optimal genutzt werden. Gerade erst hat Schmidt 1500 Euro für eine Lieferung von zwölf Peccary-Fellen bezahlt. Handschuhe aus der geschmeidigen Haut des südamerikanischen Wasserschweins sind das Teuerste, was es in Schmidts Laden zu kaufen gibt.

Sterbende Zunft

Je nachdem, wie der Handschuh verarbeitet ist, welches Futter er hat oder welche Verzierungen ihn schmücken, kann er bei mehr als 150 Euro liegen. "Das ist aber eher was für Liebhaber", sagt Schmidt. Der normale Kunde bevorzuge günstigere Varianten, die ab 45 Euro zu haben sind. Damen mögen eher Handschuhe aus weichem Lamm- oder feinem Ziegenleder, Männer aus gröberem Hirschleder.

Um dem Handschuh die richtige Passform zu geben, muss Schmidt das Leder vor dem Zuschneiden dehnen. Dafür zieht er die Haut immer wieder in ihrer vollen Länge über die Tischkante - so fest, dass er sich vom Fußboden abstemmen muss. Immer wieder, den ganzen Tag. Früher habe er sich häufig gewundert, warum sich sein Vater während der Arbeit so oft hinsetzte. "Jetzt weiß ich, warum", sagt Schmidt. "Das ist wahnsinnig anstrengend."

1955 haben Schmidt und sein Vater die Werkstatt in Magdeburg gemeinsam aufgebaut. Damals hatten sie noch viele Kollegen. Johanngeorgenstadt im Erzgebirge galt im 20. Jahrhundert als ein Zentrum der Handschuhmacherei. Dann kam die Wende - und billigere Ware der ausländischen Konkurrenz überschwemmte den Markt. "Die meisten Handschuhmacher haben das nicht überstanden", sagt Schmidt.

In Deutschland stirbt der Beruf mittlerweile aus. Bundesweit gibt es nur noch etwa ein Dutzend Handwerker, die wie Schmidt Lederhandschuhe nach Maß fertigen. Die Münchner Firma Roeckl fertigt zudem, nach eigenen Angaben, als einziges Unternehmen in Deutschland noch Maßhandschuhe in einer eigener Produktionswerkstatt.

Werkzeug aus der Zeit von Kaiser Wilhelm

Für Handwerker wie Schmidt bringt der Seltenheitswert Probleme mit sich. "Es gibt für uns kein Werkzeug mehr", sagt er. Er steht jetzt vor einer großen Stanze, mit der er die Form der Handschuhfinger aus dem Lederstück schneidet. "Die Stanze stammt noch aus Kaiser Wilhelms Zeiten." Auch seine Lederschere hat schon 60 Jahre auf dem Buckel. Und die große Handschuhmacherschere, mit der Schmidt heute arbeitet, hat er nach der Wende einem alten Kollegen aus Süddeutschland abgekauft. 250 Mark musste er dafür auf den Tisch legen. "Die ist aus echtem Schwedenstahl. So was kriegt man heute gar nicht mehr."

Schmidt greift nun zu seiner Schere und schneidet kleine Streifen aus einem Lederstück. Es sind die Schichteln, die Keile zwischen den Handschuhfingern. Wenn er damit fertig ist, werden alle Teile zusammengenäht, mit der Nähmaschine in seiner Werkstatt. Oder per Hand, von einer Näherin im Erzgebirge.

Fertig ist der Handschuh damit aber dann noch lange nicht. Bevor der Kunde ihn sich über die Hand ziehen kann, muss er noch "dressiert" werden. So nennen die Handschuhmacher es, wenn sie den Handschuh auf ein heißes Eisen stülpen, auf beheizbare Hände aus Stahl. Erst sie geben dem Handschuh am Ende die richtige Passform.

Insgesamt fertigt Schmidt um die 800 Handschuhpaare im Jahr. "Früher habe ich den ganzen Tag gearbeitet", sagt er. "Das schaffe ich jetzt nicht mehr." Der Handschuhmacher hat sich auf einen Stuhl gesetzt, er ist müde. Eigentlich wollte er schon vor sechs Jahren aufhören. Doch irgendwie hat er das bis jetzt noch nicht geschafft. "In zwei Jahren ist wohl Schluss", sagt Schmidt. Ob dann jemand seine Werkstatt übernehmen wird, steht noch nicht fest.

Silke Katenkamp, dpa/vet