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Fotostrecke: Handwerkskunst

Foto: Asahiyaki/ Gestalten 2014

Bildband über 40 Handwerksbetriebe Lieber mit Liebe

Wo der Mensch noch gegen die Maschine gewinnt: Ein opulenter Bildband über das Handwerk weckt die Sehnsucht nach Dingen, die sich dem schnellen Ex-und-Hopp der Serienproduktion entziehen.

Es gibt vier untrügliche Symptome, die zeigen, dass Sie mit Ihrem Schreibtischjob gerade nicht so glücklich sind. Erstens: Sie spielen nachmittags heimlich Solitär auf dem Computer. Zweitens: Sie schreiben Einkaufslisten fürs elaborierte Abendessen. Drittens: Sie durchforsten Stellenportale. Viertens: Sie verschwinden in die 14. Zigarettenpause.

Jetzt gibt es in der Liste für berufliche Fluchtgedanken noch einen fünften Punkt: Auf Ihrem Wohnzimmertisch liegt das Buch "The Craft and the Makers". Der schwere Bildband aus dem Gestalten Verlag stellt 40 Handwerksbetriebe zwischen Piteå in Schweden, Tel Aviv, Kyoto und Eigeltingen vor: Maßschneider, Schnapsbrenner, Fahrradbauer.

Hier lassen Männer beim Farbrakel-über-Stoffe-Ziehen die Oberarmmuskeln spielen. Oder sortieren bärtige Hipster in Schürze Kakaobohnen auf Blechen. Und fast meint man, das schmatzende Geräusch zu hören, das nasser Ton macht, wenn man ihn auf einer Drehscheibe formt. Manche Handwerker leisten Feinstarbeit mit Augenlupe, wenn sie etwa ein Glas gravieren. Mechaniker schmeißen das Schweißgerät an, wenn sie ein Motorradunikat bauen.

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Foto: Gestalten

Duncan Campbell (Hrsg.), Charlotte Rey (Hrsg.), Robert Klanten (Hrsg.), Sven Ehmann (Hrsg.):
The Craft and the Makers

Tradition with Attitude.

Gestalten; September 2014; Englisch; 272 Seiten; gebunden; 44,00 Euro.

Das Buch ist ein Fest der Handarbeit - und damit der reinste Eskapismus für all jene, die sich von Berufs wegen ihre Finger höchstens an ihrer schmuddeligen Tastatur schmutzig machen. "Es mag etwas anachronistisch wirken, Handwerk für innovativ zu halten", schreiben die Autoren Charlotte Rey und Duncan Campbell, Betreiber einer Londoner Kreativagentur, im Vorwort. Aber innovativ seien die verschiedenen Gewerke schließlich schon immer gewesen. Das Jahrhundert der Massenproduktion habe etwas Wesentliches übertüncht: "Heute, da Handgemachtes als Luxus gilt, vergisst man leicht, dass Handwerk einst eine Frage reiner Notwendigkeit war."

Willkommen im Anthropozän, dem Zeitalter des von Menschenhand Gemachten. Und natürlich ist das Buch damit auch Teil dieser ganzen Do-it-yourself-Bewegung, die nun schon so lange andauert, dass sich sagen lässt: Das ist mehr als ein Trend, das ist hier, um zu bleiben. Die begleitenden Thesen sind bekannt: Gegenströmung zu unserem immer virtuelleren Alltag. Lokal statt global. Selbstgemacht statt Massenware.

Alte Techniken neu entdecken

Doch losgelöst von dieser allgemeinen Rückbesinnungsstimmung transportieren die Kapitel, die einzelnen Betrieben gewidmet sind, mit ihren Kurztexten und Fotos von Herstellungsprozessen, Werkstätten, Produkten und ihren Machern vor allem eines: Die alten Kulturtechniken werden weitergegeben, vom Aussterben bedroht wirkt hier nichts.

Ein Matratzenhersteller arbeitet in einer Nische, ja - aber das tun die Filmkategorien-Erfinder beim Streaming-Dienst Netflix auch. Dieser gelassene Eindruck entsteht unter anderem, weil hier die japanische Porzellanwerkstatt Asahijyki, die seit 15 Generationen in der Hand einer Familie ist, ganz selbstverständlich neben der Papiermanufaktur "Wednesday Paper Works" auftaucht, die erst 2011 von zwei jungen Frauen in Berlin gegründet wurde.

Natürlich ist es jammerschade, dass in dem Buch nur Gewerbe auftauchen, die fürs Wahre, Schöne, Gute der Warenwelt stehen: Einrichtungskram, Accessoires, Genussmittel. Der Schlosser, der Installateur, der gemeine Maurer, sie fehlen. Dienstleistungen haben eben weniger Deko-Appeal als Produkte, und Rohrreinigungen sehen auf Fotos zugegebenermaßen auch nicht so verlockend aus, dass man deswegen den Beruf wechseln möchte. Ärgerlicher sind die Scheuklappen bei der Auswahl: Der Schwerpunkt liegt auf Deutschland, Großbritannien, Resteuropa und Nordamerika - die internationale Wiederentdeckung von Handgemachtem ist ganz schön posh in ihrer Westfixierung. Daran ändern auch zwei, drei Beispiele aus Japan und eine Stofffärberei aus Mali nichts.

Kontinente hängen auf der Wäscheleine

Auch wenn dankbarerweise nirgends auftaucht, was die ganzen Sachen kosten: Dieser Band, in dem Werkstätten und Fabrikhallen oft an Künstlerateliers erinnern, ist in Zeiten von Diskussionen um Fair Trade und Mindestlohn eine gute Erinnerung daran, was Arbeit wert sein muss. Und damit lässt sich letztlich auch ein wenig Sinnstiftung fürs eigene Schaffen abzweigen.

Besonders eine Firma taugt beim Durchblättern als analoge Inspiration: Bei Bellerby&Co. in London hängen Papierstreifen mit Kontinentteilen an Wäscheklammern, über Schnüre quer durch die Werkstatt gespannt. Hier werden Globen gebaut. Was nach jahrhundertealter Familientradition klingt, ist bester Anachronismus: Die Produktion läuft erst seit 2009. Die Gründer nahmen ihr Schicksal buchstäblich in die Hand - und machen sich seither einfach ihre eigene Welt.

Foto: privat

KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.