Personalsuche Wie die Müllabfuhr mit Speeddating um Frauen wirbt

Zu wenige Mitarbeiter, und dann sind auch noch alle männlich: Die Müllabfuhr Hannover sucht dringend weibliche Verstärkung - und hat zu einem besonderen Termin eingeladen, Tonnenslalom inklusive.

Lisa Duhm/ SPIEGEL ONLINE

Aus Hannover berichtet


Drei Minuten hat Sebastian Kudlinski, 28, Zeit, um die Frau, die ihm gegenüber sitzt, kennenzulernen - und für sich zu gewinnen. Ihr von allen Vorzügen zu erzählen, die ihm so einfallen. Aber auch ehrlich klarzumachen, worauf sie sich einlässt, wenn sie Ja sagt. Kudlinksi ist Müllwerker und trifft sich zum Speeddating, allerdings nicht privat. Sondern beruflich.

Die Müllabfuhr Hannover, Sektion Abfall- und Wertstoffabfuhr, will mit dieser besonderen Methode weibliches Personal gewinnen. Und hat am Dienstagabend deshalb interessierte Frauen zu einem Treffen eingeladen. Rund 40 sind gekommen.

In Grüppchen stehen sie zunächst auf dem roten Linoleumboden im Aufenthaltsraum, wo sich sonst nur männliche Müllwerker zur Mittagspause versammeln. Maik Renneberg, Gastgeber der Veranstaltung, lächelt in die Runde. "Wie schön, dass Sie alle gekommen sind", sagt er, und man nimmt ihm ab, dass das nicht nur eine Floskel ist.

Renneberg ist Abteilungsleiter der Sektion Abfall- und Wertstoffabfuhr und hat gleich zwei Probleme. Erstens: Er braucht dringend Personal, allein in der Müllabfuhr sind zurzeit drei Stellen unbesetzt. Zweitens: Unter seinen Müllwerkern, wie die korrekte Berufsbezeichnung lautet, gibt es keine einzige Frau.

Renneberg will beide Probleme lösen, und zwar möglichst auf einmal - indem er die freien Stellen mit Frauen besetzt. Weil die Bewerberinnensuche in Hannover auf konventionellem Wege aber bisher wenig Erfolg brachte, unterstützt Renneberg nun einen neuen Ansatz des Unternehmens. Mit Speeddating will es Bewerberinnen ködern.

Lippenpflege als Werbegeschenk

Die Idee: Möglichst viele Frauen sollen in möglichst kurzer Zeit den Müllwerkerjob kennenlernen - und sich danach am besten direkt dafür entscheiden. An insgesamt acht Tischen können die Frauen Mitarbeiter des Unternehmens kennenlernen, mit ihnen sprechen, Fragen stellen. Auf ihren Tischen haben die Kollegen kleine Mitbringsel drapiert: Schaumstofffiguren in der Form von Müllwerkern und Lippenpflegestifte mit aufgedrucktem Firmenlogo. Die Lippenpflege hat das Unternehmen extra für das Event geordert.

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Ungewöhnliche Bewerbungen: Speeddating bei der Müllabfuhr

Ein Gong ertönt, das Speeddating beginnt. Maike Rückert, 25, setzt sich an Tisch Nummer vier zu Müllwerker Kudlinski. Sie trägt ihre braunen Locken offen, um ihren Hals hängt eine Kette mit Herzanhänger. Weil ihr Arbeitsvertrag bei einer anderen Firma noch läuft, will Rückert ihren richtigen Namen lieber nicht in diesem Text lesen.

Mit ihrem aktuellen Job ist die 25-Jährige unzufrieden. Sie habe schon länger keine Lust mehr darauf, sagt Rückert. Sie möchte einen Job, bei dem sie viel Zeit draußen verbringt - vielleicht auch auf dem Trittbrett eines Müllwagens.

"Ich kann nicht versprechen, dass es keinen Muskelkater gibt"

"Was meinst du, sind die Anforderungen in diesem Job auch von Frauen zu schaffen?", fragt Rückert ihren Speeddating-Partner.

"Ich kann nicht versprechen, dass es keinen Muskelkater gibt", antwortet Kudlinski.

Später wird er sagen, dass er bei einigen Frauen ein richtig gutes Gefühl gehabt habe. Die hätten einfach reingepasst ins Team. Bei anderen sei er sich nicht sicher.

Wer bei der Müllabfuhr arbeiten will, muss anpacken können: Während einer typischen Schicht legen die Müllwerker zwischen zehn und zwölf Kilometer zurück - zu Fuß. Sie bücken sich Hunderte Male nach blauen oder gelben Säcken, karren Tonnen über Kantsteine. Wer den Job macht, braucht dafür keine Ausbildung - verdient aber trotzdem deutlich mehr als den Mindestlohn: Rund 2600 Euro brutto erhält ein Müllwerker als Einstiegsgehalt, inklusive Schmutzzulage.

Trotzdem, auch die Abfallwirtschaft leidet unter einem Mangel an Arbeitskräften. Renneberg sagt, er erhalte zwar viele Bewerbungen. Doch viele Kandidaten hält er für ungeeignet. "Ich brauche Leute, die nicht verwöhnt sind", sagt der Abteilungsleiter. Was nütze es, wenn jemand den Job zwei Tage lang mache und dann merke, dass er ihm körperlich nicht gewachsen sei?

Trainingsparcours: Säcke werfen, Tonnen kippen

Renneberg wollte es deshalb nicht beim Speeddating belassen. Die Frauen sollen den Job als Müllwerker an diesem Abend ausprobieren, zumindest ansatzweise. Das Unternehmen hat dafür auf dem Firmengelände einen Trainingsparcours aufgebaut. Auf der Einfahrt vor dem Aufenthaltsraum parkt ein Müllwagen mit geöffneter Heckklappe, daneben haben Rennebergs Leute einen Haufen gefüllter Müllsäcke gestapelt.

Maike Rückert zieht sich Warnweste und Handschuhe über, schaut dann aber doch erst einmal nur von der Seite zu. Andere packen sofort an. Einige Frauen schnappen sich die Säcke und werfen sie mit Schwung in den Wagen. Nebenan bugsieren andere eine schwarze Tonne durch einen Slalom und über Hindernisse aus Holzpaletten.

Beim Trittbrettfahren hat sich bereits eine Schlange gebildet. Hier sollen die Frauen ausprobieren, wie es sich anfühlt, hinten auf einem der Müllwagen mitzufahren. Olgac Ajdan und Stefanie Celikdal warten darauf, dass sie an der Reihe sind. Ajdan und Celikdal, beide zurzeit arbeitslos, sind spontan hergekommen. Nach einer Runde auf dem Trittbrett grinsen sie über das ganze Gesicht. "Voll geil", sagt Ajdan. Celikdal nickt begeistert.

"Naja", wirft eine andere Frau ein. "Noch machen wir das auch ohne den Gestank."

Müllabfuhr unter Idealbedingungen

Die Abteilung präsentiert die Müllabfuhr für die Frauen hier unter Idealbedingungen: Die Müllwagen sind leer, ihnen haftet nur ein leichtes Abfallaroma an. Die Tonnen beim Slalom sind gefüllt mit leichtem, trockenem Papier. Und selbst das Wetter spielt mit an diesem Augusttag: nicht zu warm, nicht zu kalt, kein Regen.

Im Alltag sieht das schon mal anders aus: Da liegt so viel Schnee, dass die Tonnen nicht mehr einfach gefahren werden können - sondern gehoben werden müssen. Oder die Temperaturen im Sommer sind so hoch, dass die Müllwerker ihre Schichten verkürzen, um sich in klimatisierten Räumen auszuruhen. Extrarationen an Wasser werden dann standardmäßig verteilt, wie einer der Mitarbeiter erzählt, der die Frauen an den unterschiedlichen Stationen begleitet.

An all das denken Rückert, Celikdal und Ajdan jetzt aber noch nicht. Sie hat die Müllabfuhr mit ihrem Speeddating und dem Parkour überzeugt. Das Gehalt sei gut und das Team wirke nett, meint Rückert. Der Job biete eine sichere Perspektive, findet Celikdal. Ihr 14-jähriger Sohn sei begeistert gewesen, als sie von dem Job erzählt habe, berichtet Ajdan. Am liebsten wäre er zum Speeddating mitgekommen.

"Ich werde mich auf jeden Fall bewerben", sagt Ajdan, als das Treffen langsam zu Ende geht. Rückert will erst noch mit ihren Eltern besprechen, ob sie ihren Vertrag aufgeben sollte. "Die haben sich hier schon sehr viel Mühe gegeben", sagt sie. Celikdal ist schon einen Schritt weiter: Sie hat ihre Bewerbung schon direkt an diesem Abend abgegeben.



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_bernhard 22.08.2019
1. Warum nicht?
Ich habe schon schlimmere und wesentlich schlechter bezahlte Arbeiten gesehen und z.T. auch gemacht. Ausserdem: Draussen zu arbeiten, wo es heiß und kalt iaber jeder Tag anders st, ist für manche Menschen immer noch besser als acht Stunden lang in einer Fabrikhalle auf ein Band zu glotzen und dabei stumpfe Handgriffe zu verrichten.
vinzenz 22.08.2019
2. eigenartig
in Tätigkeitsbereichen wie Müllabfuhr, Kanalreinigung etc.. da ist der Ruf nach Frauenquote von der Emanzenseite so leise, dass man ihn nicht hören kann... warum wohl...? Quote- ja, gerne.. aber dann in allen Bereichen und dann als MUSS... zur Not mit Zwangsverpflichtung.. könnte die Rosinenpickerei der Damen (und uach der Herrren) evtl etwas ausbremsen..
im_ernst_56 22.08.2019
3. Die eigentliche Drecksarbeit machen weiter die Männer
Bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) gibt es seit letztem Jahr einen Frauenförderplan. Allerdings differenziert man hier bei den Zielen (Anteil der Beschäftigten) zwischen der Straßen- und Grünflächenreinigung und den sog. Müllwerkern, als den Mitarbeiter/innen, die die Mülltonnen und Container entleeren. Während bei der Straßen- und Grünflächenreinigung in den nächsten Jahren ein Anteil der Frauen von ca. 30% angestrebt wird, ist es bei den Müllwerkern ein Anteil von 5%. Dem liegt offenbar die realistische Einschätzung zugrunde, welche Art von Arbeit für Frauen attraktiver ist und welche eher nicht. Die BSR wird übrigens von einer Frau geleitet und auch die Aufsichtsratsvorsitzende ist aktuell eine Frau.
herr_sponge 22.08.2019
4.
Schön das für frauen die Jobsuche so einfach gemacht wird. Keine Bewerbung keine Vorstellungsgespräche keine Anforderungen. Warum passiert das nicht auch für Männer die dort eventuell arbeiten wollen. (Egal bei welcher "Abteilung")
VormSpiegel 22.08.2019
5. Frauenquote darf nie das Ziel sein
Wer Mitarbeiter sucht, soll nehmen was kommt, nicht gezielt ein Geschlecht ansprechen. Solche Events die nur für Frauen gemacht sind haben für mich immer einen sexistischen Beigeschmack. Würden diese Events grundsätzlich für Männer und Frauen sein hätten sie an dem Tag wohl deutlich mehr Bewerber bekommen und auch direkt einstellen können. Da wie aus dem Artikel herausgeht ja einige ohnehin Arbeitslos sind sind das ja auch genau die Art Events die man seinen Arbeitssuchenden anbieten kann und sollte ; mal vorbeigehen, sich anschauen, vielleicht ist das ja was und das nicht nur bei der Müllabfuhr, sondern bei so vielen Unternehmen wie nur möglich die eben vor allem keine Ausbildung benötigen ; man muss nur anfangen und sich einarbeiten ; körperliche Arbeit ist immer körperliche Arbeit und wenn das an der "frischen" Luft passiert ist das eben immer den Witterungen ausgesetzt, das erklärt sich von selbst, ist aber per se auch nicht schlimm ; die Menschen sind es einfach nur nicht mehr gewohnt und das lernt man auch nicht mehr in der Schule ; die solche Events auch machen könnten (Hauptschulen z.B. wären da sehr gut bedient möglichst viele solcher Events mit zu nehmen, dann haben die Ex-Schüler auch direkt einen Job). Wäre alles besser, wenn man die Gender-Brille einfach weg lässt. Mitarbeiter sind Mitarbeiter, keine Geschlechter.
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