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Ein Hausboot in London: Mit Pipi-Pott und Daunenjacke

Foto: Annette Kammerer

Ein Hausboot in London Schrottkahn mit Porsche-Ofen

Die Mieten in London sind horrend, der Wohnraum knapp. Tausende Menschen leben deshalb auf Hausbooten. Selbstbestimmt und romantisch! Das dachte unsere Autorin - bis sie selbst auf eines zog.

Ich wache mit einer Wollmütze auf dem Kopf auf. Mein Atem kristallisiert in der kalten Luft, und obwohl die Fenster mit Styropor abgedeckt sind, ist es verdammt kalt. Ich liege fast eine Stunde dösend im Bett herum, bis ich mir doch einen Ruck gebe und mich unter der Decke verrenkend umziehe. Daunenjacke an. Beim Teekochen wärme ich mir meine Hände über dem Gasherd.

Ich hole meinen Pipi-Pott aus der Kammer, die sich Bad nennt, rein in das, was man als Flur bezeichnen könnte. Der Pott ist eine umgebaute Wasserflasche. Hals abgeschnitten und anders herum wieder draufgesetzt. So trifft es sich leichter. Ich muss aufpassen, den Pott mit meiner dicken Daunenjacke nicht umzuwerfen. Prekär - denke ich mir und pinkle in die Wasserflasche, während vor meinem Fenster reiche Westlondoner Mütter Kinderwagen vor sich herschieben. Enten schnattern. Ein Morgen auf dem Hausboot.

Toll. Eigenheim. Und noch so jung! Das habe ich letzten Sommer immer wieder gehört. Jetzt werde ich nur noch gefragt, wie kalt es ist. Die meisten Freunde und Kollegen können sich nicht entscheiden, ob sie mich nun bemitleiden oder doch beneiden sollten. Letzten Sommer kauften mein Freund und ich unser Hausboot. Im Winter sind wir eingezogen - und aus rosarotem Traum ist bittere Realität geworden.

Mit "Albert" näher an der Natur

Alle Hausboote haben eine Nummer für die Behörden und auch einen Namen. Unseres heißt "Albert". Im 18. Jahrhundert transportierte man auf solchen Kähnen Fracht, heute leben Menschen drauf. Für unsere 13-Meter-Version gingen unsere ersten Gehälter nach dem Studium drauf. Gierigen Vermietern monatlich Unsummen für ein geteiltes WG-Zimmer mit Deckenfenster in den Rachen zu schieben, wurde uns irgendwann zu blöd. Wir wollten selbstbestimmter leben, näher an der Natur und unabhängig.

Heute bin ich klüger.

Als ich "Albert" zum ersten Mal sah, war ich ganz aufgeregt: Ein etwa viereinhalb Quadratmeter großes Wohnzimmer, eine winzige Küche mit einem hochroten Ofen, den wir deshalb Porsche-Ofen nennen, ein Schlafzimmer. Auf dem Gang ist auf der einen Seite die Dusche, auf der anderen die Toilette. Wenn ich die Arme ausstrecke, berühren meine Fingerspitzen gleichzeitig beide Längsseiten. Wir tippen auf etwas unter 20 Quadratmeter Wohnfläche.

Außen ist "Albert" aus Eisen, innen aus massivem Holz. Das beeindruckte mich Ikea-Kind. Ich strich fröhlich über die Küchenplatte und war mir sicher, dass das Boot seine 13.000 Euro wert wäre. Ein Schnäppchen, dachte ich. Denn gleichzeitig stand ein orangefarbenes Rettungsboot aus Plastik für 18.000 zum Verkauf. Wir lachten: Wie kann man nur so viel für eine Plastikkugel ohne Fenster hinlegen? Inzwischen weiß ich, dass so ein hässliches Boot ein bombensicheres Ding ist: Es sinkt nicht.

Keine guten Nachrichten

Zwei Wochen, nachdem wir "Albert" bezahlt hatten, rief an einem Mittwochmorgen der Gutachter an, den wir beauftragt hatten - leider erst nach dem Kauf. Er habe keine guten Nachrichten, warnte er gleich zu Anfang. Mit einem Ultraschallgerät habe er die Dicke der Bootswände geprüft und es gebe nur zwei Alternativen. Nummer eins: ein komplett neuer Rumpf - mit der großen Gefahr, dass die Reparatur misslingt. Nummer zwei: einziehen und langsam untergehen lassen. Allerdings, so der Gutachter, koste die Beseitigung dann rund 2000 Euro.

Unser Gespartes versank vor meinem inneren Auge in den Wellen der braunen Themse. Ein einziger großer Fehler, diese Idee mit dem Hausboot, dachte ich.

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Ein Hausboot in London: Mit Pipi-Pott und Daunenjacke

Foto: Annette Kammerer

Ein paar Monate später sitze ich in meiner Daunenjacke in "Alberts" Wohnzimmer und schreibe an diesem Artikel. Den Pipi-Pott habe ich ausgeleert und auf dem richtigen Klo kanalaufwärts war ich auch schon. Der Ofen ist an und ein dicker Pullover reicht, um nicht zu frieren.

Nach einem zweiten Gutachten haben wir letzten Sommer noch mal fast die Hälfte des Kaufpreises in die Hand genommen und "Alberts" dünne Haut ausbessern lassen. Von englischen Handwerkern halte ich seitdem noch weniger. Wir selbst haben Kabel verlegt und ein Solarpanel aufs Dach gepackt, Wände gestrichen, Möbel gebaut. Zwar ist der abblätternde Porsche-Ofen wohl immer noch das Wertvollste in diesem Schrottkahn, aber untergegangen ist er bisher noch nicht. Albert hält sich hartnäckig.

Nächste Woche werden wir wieder umlegen. Dann geht es aus dem reichen Kensington, in dem sich weiße Villen an schwarze Limousinen reihen, ins hippe Hackney. Alle zwei Wochen müssen wir laut Gesetz umziehen und im Jahr so rund 30 Kilometer machen. Feste Anlegestellen zum Mieten gibt es in London kaum. Und wenn, dann kosten sie schnell mal 700 Euro im Monat.

Prekär wurde zum Lieblingswort

"Oh I love houseboats!" ist die wohl häufigste Reaktion auf die Information, dass ich auf einem Hausboot lebe. Anschließend folgen Fragen zum Heizen (dauert lange, bis es warm ist), zur Postadresse (haben wir nicht), und zum Klo (müssen wir ausleeren). Meistens auch in dieser Reihenfolge.

Anfangs antwortete ich beschämt. Prekär wurde zu meinem Lieblingswort. Weder vom Pipi-Pott noch vom Chemie-Klo wollte ich sprechen. Was für andere dann romantisch klang, war für mich - eben prekär. Was auf Bildern wie eine Liebeshöhle tat, fühlte sich einfach eng an und den Lebensentwurf, den andere als selbstbestimmt lobten, empfand ich als erbarmungslos.

Heute ist das nicht mehr so. Aus Scham ist so etwas wie Stolz geworden. Ich lebe, wie es viele andere schon nicht mehr können - ohne WLAN oder Zentralheizung. Mit Wassertanks, Gasflaschen und Strom von einem einzigen Solarpanel. Mein Traum vom Hausboot ist zwar nicht mehr rosarot, doch wer bereit ist, den Preis zu bezahlen, kann im Grünen und mitten in London umsonst leben. Dort, wo andere spazieren gehen. Mit vielen netten Nachbarn.

Ich habe Tee zu meinem Dope und die Daunenjacke zur zweiten Haut erklärt - und warte auf den Sommer.

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