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Hawaii: Aloha

Foto: Marcus Richter

Deutscher Auswanderer in Hawaii "Ich fühle mich wie ein Auserwählter"

Seit drei Jahren lebt Marcus Richter in Hawaii. Der Abschied von Jena war dem 28-Jährigen schwergefallen, der Anfang in der neuen Heimat ein Desaster. Doch dann fand der Biologe seinen Traumjob.

"Honolulu auf Oahu, der Hauptinsel von Hawaii, ist eine Stadt aus Beton, die konzeptionslos in die Landschaft geklatscht worden ist. Als ich dorthin auswanderte, lebte ich die ersten Monate in einer Kellerwohnung, die keine Klimaanlage hatte. Es war heiß und schwül, und ich war ziemlich unglücklich. Ich war meiner Frau gefolgt, die eine Zusage bekommen hatte, dort ihre Doktorarbeit zu schreiben.

Wir hatten beide Biologie in Jena studiert, und ich fühlte mich in der Unistadt auch total wohl. Ich bin nicht so der Mensch, der Veränderungen braucht. In Jena hatte ich meine Freunde, meine Floorball- und meine Hockeymannschaft, ich wollte nicht weg. Aber eine Fernbeziehung zu meiner Frau hätte ich auch nicht ausgehalten. Sie war schon ein halbes Jahr vor mir nach Hawaii gezogen, und ich flog schließlich mit vielen Koffern, meiner Hockeyausrüstung und unseren zwei Katzen, Taiga und Kira, zu ihr.

Zum Glück kam meine Mutter mit, die mir mit dem Gepäck half. Wir waren fünf Tage unterwegs, weil wir wegen der Katzen einen Zwischenstopp an der US-Ostküste und einen an der US-Westküste machten. Die ersten zwei Wochen auf Hawaii machten wir alle zusammen Urlaub, wir erkundeten die Insel, besuchten das Pearl-Harbour-Museum. Doch als ich begann, mich um mein Leben vor Ort zu kümmern, holte mich der Alltag schnell ein. Mein erste Herausforderung: Ich musste mir eine Arbeit suchen.

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Hawaii: Aloha

Foto: Marcus Richter

Dank des besonderen Visums meiner Frau kann ich eine Arbeitserlaubnis beantragen, doch wenn ihre Stelle an der Uni nicht verlängert wird, darf ich auch nicht mehr in den USA arbeiten. Ich bin also von ihr abhängig. Am Anfang machte ich ein Praktikum in dem Institut, in dem sie auch arbeitete und erhielt später sogar eine halbe Stelle. Dennoch ging es mir nicht gut, ich fühlte mich sehr einsam, mir fehlte der Mannschaftssport und irgendwie kam ich mit den Leuten nicht in Kontakt.

Das Fahrradfahren war schließlich meine Rettung - obwohl es zunächst nicht danach aussah: Auf einer meiner Touren schnitt mich ein Laster, wir stießen zusammen und ich erlitt eine Schultereckgelenksprengung. Zum Glück bin ich über meine Frau krankenversichert. Nach dem Unfall musste ich zwei Monate auf dem Sofa verbringen, in dieser Zeit nahm ich Kontakt zu einer Gesellschaft auf, die sich für die Rechte von Fahrradfahrern einsetzt und Kindern beibringt, sicher Rad zu fahren.

Endlich hatte ich Anschluss gefunden. Ich half ehrenamtlich mit und organisierte zum Beispiel ein 100-Meilen-Rennen auf der Insel. Als ich dabei einem halbseitig gelähmten Hawaiianer namens Kimo half, der in einem speziellen Rad an dem Rennen teilnahm, hatte ich meinen ersten richtigen Glücksmoment auf Hawaii. Er hat sich so gefreut, mitzufahren, zusammen haben wir das geschafft. Das hat mich sehr bewegt.

Marcus Richter mit Kimo, dem er bei Fahrradrennen hilft

Marcus Richter mit Kimo, dem er bei Fahrradrennen hilft

Foto: Marcus Richter

Einige Monate später, als meine Frau mit den Seminaren an der Uni fertig war und für ihre Doktorarbeit forschen musste, zogen wir nach Maui, also auf eine andere Insel Hawaiis. Es ist generell sehr schwer hier, eine Wohnung zu finden, die man sich leisten kann. Die Mietpreise sind enorm, über Craigs List, ein Kleinanzeigenportal, fanden wir ein kleines Haus an einem Berghang in 1000 Metern Höhe. Wenn wir jetzt aus dem Fenster schauen, sehen wir den Pazifik. Im Sommer ist es hier oben deutlich angenehmer, und auch jetzt im Winter haben wir tagsüber zwischen 15 und 18 Grad.

Wir zahlen für unsere 60 Quadratmeter 2000 Dollar, das ist zwar teuer, aber zumindest können wir es uns leisten. Nur sparen ist schwierig, weil alles hier ziemlich teuer ist: Für eineinhalb Liter Milch zahlen wir fünf Dollar, ein Apfel kostet 1,30 Dollar und ein halbes genießbares Brot 7,50 Dollar. Essen gehen können wir uns nicht leisten, sogar für ein Fast-Food-Menü zahlt man hier so viel wie für ein Gericht im Restaurant.

Zum Glück habe ich inzwischen meinen absoluten Traumjob gefunden. Ich arbeite für die Mauna Kahalawa (West Maui Mountains) Watershed Partnership, das ist eine Organisation, die sich für die Erhaltung der Wälder auf West Maui einsetzt.

Wir sorgen dafür, dass eingeschleppte Pflanzenarten die hawaiianischen Pflanzen nicht verdrängen, dass Nutztiere wie Schweine, Ziegen und Rinder nicht in die Wälder eindringen und wir machen Öffentlichkeitsarbeit, sodass die Bevölkerung ein Bewusstsein für die Natur bekommt. Wir sind eine bunte Truppe, nur die Hälfte meiner Kollegen stammt aus Hawaii, aber alle haben in anderen Ländern Wurzeln.

Am schönsten finde ich dieses Gemeinschaftsgefühl, wir kämpfen alle für eine gute Sache. Wir arbeiten vier Tage die Woche, zehn Stunden am Tag. Oft fliegen wir mit dem Hubschrauber auf entlegene Berggipfel, um dort in den Wäldern zu arbeiten. Hier kommen keine Touristen hin und meist nicht einmal Hawaiianer. Ich fühle mich sehr einzigartig, wie ein Auserwählter, der das Privileg hat, hier hoch zu dürfen.

Allerdings verändert sich Hawaii auch stark. Viele Einwohner können sich die hohen Mieten nicht mehr leisten und müssen aufs Festland ziehen. Es gibt hier bereits Unabhängigkeitsgedanken, einige Hawaiianer wollen sich von den USA lösen. Viele finden auch Donald Trump unmöglich. Es ist ihnen peinlich, dass er Präsident ist.

Angela Merkel wird hingegen sehr positiv wahrgenommen, sie gilt als Repräsentantin der demokratischen freien Welt. Als sie vom CDU-Parteivorsitz zurückgetreten ist, waren meine Freunde schon besorgt, dass ihre Zeit als Kanzlerin damit auch sofort vorbei sei.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, länger hier zu bleiben. Die Menschen sind viel gelassener und positiver als in Deutschland. Hier teilt man seine positive Energie, hier herrscht tatsächlich dieser Aloha-Gedanke vor, also dass man anderen freundlich gesinnt ist, sie unterstützt, ihnen Mitgefühl entgegenbringt. All das ist inzwischen schon voll auf mich übergeschwappt."

Im Video: Hawaii aus der Luft

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Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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