Mein Leben als Headhunter "Mütter sind praktisch nicht vermittelbar"

Auf Partys wird er als "Drücker" bezeichnet, der Menschen zum Jobwechsel drängt: Hier erzählt ein Headhunter, wie seine Arbeit wirklich aussieht - und wer für ihn ein schwieriger Bewerber ist.

Ein Headhunter muss seine Kunden gut kennen - sowohl die Firmen als auch die Bewerber (Symbolbild)
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Ein Headhunter muss seine Kunden gut kennen - sowohl die Firmen als auch die Bewerber (Symbolbild)

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Ich vermittle vor allem Juristen und Assistenten an Kanzleien und in Unternehmen bis ins Topmanagement. Meist wenden sich die Unternehmen direkt an mich, aber es kann auch vorkommen, dass ich in sozialen Netzwerken jemanden entdecke, den ich dann einem Arbeitgeber vorschlage. Selten wenden sich auch Einzelpersonen an mich.

Ich führe seit sechs Jahren mehrere Bewerbungsgespräche in der Woche. Insgesamt habe ich im Jahr Kontakt zu rund zweitausend Menschen, Unternehmen und Bewerber zusammengerechnet. Etwa 30 Assistenten und fünf bis sechs Führungskräfte vermittle ich pro Jahr in neue Firmen. Davon kann ich sehr gut leben. Ich bekomme einen prozentualen Anteil des Jahresgehalts der Person, die ich vermittelt habe, von ihrem neuen Arbeitgeber.

Die Kontakte entstehen meist über soziale Netzwerke, aber auch über mein eigenes Netzwerk. In der Juristenbranche kennt man sich und zufriedene Kunden empfehlen mich und kommen selbst gern wieder. Die meisten Arbeitnehmer sind sehr offen, wenn ich sie anrufe. Wir vereinbaren dann einen persönlichen Termin. Die Zusammenarbeit kann nur vier Wochen oder auch schon einmal mehrere Monate dauern.

Genauso aufgeregt wie mein erster Kunde

Dass ich mal Headhunter werde, hätte ich nie gedacht. Ich habe sehr gemütlich Politologie studiert und mir während des Studiums wenig Gedanken über berufliche Perspektiven gemacht. Nach dem Studium wurde ich arbeitslos, hielt mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Aber ich kann mich gut ausdrücken und auf Menschen zugehen. Deshalb bewarb ich mich als Trainee in einer Personalberatung. Ich wurde genommen und merkte schnell: Das ist genau mein Ding!

An mein erstes Bewerbungsgespräch mit einem Kunden kann ich mich noch gut erinnern. Ich war unfassbar aufgeregt, mein Herz klopfte und meine Hände waren schweißnass. Vor mir saß ein Mann, Mitte vierzig, der seit etwa 15 Jahren kein Vorstellungsgespräch mehr erlebt hatte. Auch ihm schlug sein Herz bis zum Hals. Als er dann sagte, er sei aufgeregt, war ich ganz erleichtert. Wir grinsten uns an und das Gespräch entspannte sich.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Bei mir kann man ehrlich sein! Menschen, die zu mir kommen, sollten mir möglichst alles über sich erzählen, auch Dinge, die in Vorstellungsgesprächen bei Unternehmen nicht so gut ankommen. Immer wieder höre ich, dass Bewerber im Gespräch schon nach höheren Positionen fragen, für die sie noch gar nicht qualifiziert sind. Das kommt in der Regel nicht gut an.

Aufdringliche Bewerber sind unbeliebt. Neulich rief mich der Chef eines mittelständischen Unternehmens an. Ich hatte ihm einen Bewerber vermittelt, der eine Absage erhalten hatte und nun schon das dritte Mal bei ihm anrief, um ihn zu bitten, doch eingestellt zu werden. In solchen Momenten versuche ich dann, auf die Jobsuchenden einzuwirken.

Viele Bewerber überschätzen sich

Ob es Bewerber gibt, die nicht vermittelbar sind? Klar, immer wieder. Ich bezeichne sie gern als herausfordernde Persönlichkeiten. Dazu zählen Menschen, die nicht zuhören und keine Tipps annehmen können, aber auch Berufsanfänger, die denken, sie könnten direkt nach dem Studium das Gehalt eines Kollegen mit zehn Jahren Berufserfahrung verlangen.

Generell treffe ich oft auf Menschen, die sich überschätzen. Neulich saß ein mittelalter Mann vor mir, der einige Jahre im Amazonasgebiet die Bibel in verschiedene indigene Sprachen übersetzt hat. Nun wollte er in einer weltweit agierenden Kanzlei als Übersetzer arbeiten. Überraschung - es ist nichts geworden.

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Praktisch nicht vermittelbar sind leider auch Menschengruppen, die selbst wenig dafür können: Mütter und Leute über fünfzig finden kaum einen Job. Bei Müttern sehe ich die Politik in der Verantwortung. Deutschland ist ein Land, das in diesem Bereich noch steinzeitlich agiert. Wie soll eine Frau denn von neun bis 18 Uhr im Büro sein, wenn ihr Kind schon um 14 Uhr aus der Schule kommt? Richtig, das geht nicht.

Frauen rate ich, in einer Branche zu arbeiten, in der es nicht viel Konkurrenz gibt. Dort sind sie dann nicht so leicht austauschbar. Aber langfristig muss die Politik ran und eine verlässliche Kinderbetreuung schaffen, damit Mütter auch unabhängig von Männern ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Fachkräftemangel? Totaler Quatsch!

Menschen über 50 haben es auf dem Arbeitsmarkt noch schwerer. Unternehmen würden sie zwar einstellen - dafür, dass sie sich gut in ein neues Team einfinden, wollen sie aber nicht zahlen.

Der überall beschriebene Fachkräftemangel ist übrigens auch totaler Quatsch. Es herrscht lediglich ein Mangel an Menschen, die in allen Facetten des Lebenslaufes zu hundert Prozent auf die ausgeschriebene Stelle passen. Unternehmen müssen dringend flexibler werden.

Da draußen sind viele junge und motivierte Menschen, die gern arbeiten möchten und die, zum Beispiel wegen einer Ausbildung über den zweiten Bildungsweg oder einer schlechten Mathenote, keinen Ausbildungsplatz bekommen.

Vor allem jungen Menschen würde ich eins raten: Macht viele Praktika, probiert euch aus, lernt die Arbeitswelt kennen. Das habe ich selbst zu wenig gemacht."

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Seite 1
Einhorn 09.12.2018
1.
Erstaunlich, dass man das hier laut sagen darf. Sonst wird ja überall mit Wonne der sogenannte Fachrkäftemangel propagiert und jeder, der keinen Job findet als Faulenzer dargestellt. Vielen Dank dafür.
flaffi 09.12.2018
2. Sehr richtig
Die Aussagen über Mütter und Menschen über 50 kann man nur bestätigen. Da schaut die Politik nur weg oder lügt sich selbst und der Öffentlichkeit die Hucke voll.
werlesenkann 09.12.2018
3. Stimmt bezgl. des angeblichen Fachkräftemangels
In diesem Punkt und zu den Schwierigkeiten für über 50-jährige gebe ich dem Headhunter völlig Recht. Nach über 50 Bewerbungen und ebenso vielen Absagen glaube ich auch, dass die Unternehmen, hier vor allem die Personaler, völlig unflexibel sind, wenn es darum geht, die Eignung für eine Stelle zu prüfen. Ich denke, viele Personaler, die oft so jung sind, dass sie meine Kinder sein könnten, haken nur die Liste der Stellenanforderungen gegen die Liste der Bewerber-Fähigkeiten ab. Wenn es nicht 100% übereinstimmt, fliegt der Bewerber raus. Dafür spricht auch, dass nach eine Absage die gleiche Stelle noch monatelang ausgeschrieben ist. Also, Personaler: die Flexibilität, die ihr immer von den Bewerbern fordert, solltet ihr erstmal selbst lernen und benutzen.
jo125 09.12.2018
4. Gut gemeint
Was das Thema Mütter angeht, haben die gut meinenden Politiker viel versemmelt. Wer mit all diesen "Arbeitsschutz" Gesetzen wie Mutterschutz, Elternzeit etc. Sonderrechte schafft, schwächt die Attraktivität junger Frauen für Betriebe. Wenn ich an meine Schwester denke: Angestellt im öffentlichen Dienst, dreifache Mutter, eine Elternzeit nach der anderen - und die Stelle musste über lange Jahre für sie freigehalten werden! Kann man sich in der freien Wirtschaft nicht leisten, in einer Behörde aber scheint es nicht aufzufallen, wenn eine Stelle nicht besetzt ist. Wir sind im Mittelstand - und wenn ich jemanden einstelle, benötige ich auch dessen Arbeitskraft (sonst gäbe es die Stelle nicht). Wenn dann, kurz nach Ende der Probezeit die fröhliche Verkündigung der Schwangerschaft kommt - traumhaft. Was machen wir also? Wir stellen lieber junge Männer ein. Aber: Bei gut ausgebildeten Frauen geht der Trend zum Kinderkriegen deutlich zurück. Also nehmen wir für höhere Aufgaben auch wieder junge Frauen.
Aufklärung 09.12.2018
5. Buch über die Branche
Wer sich vertieft mit dem Thema "Personalberatung" beschäftigen will, dem empfehle ich das Buch "Wanted!" von Dr. Matthias Kestler, ISBN 978-3-5935-0872-6.
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