Konflikt um Hebammen Schnelle Abhilfe, aber keine Dauerlösung

Explodierende Haftpflichtprämien sind für viele Hebammen kaum noch bezahlbar, ohne Versicherung dürfen sie ihren Job nicht ausüben. Mehrere rot und grün regierte Länder fordern nun eine langfristige Lösung. Doch CDU-Gesundheitsminister Gröhe will sich nicht festlegen.

Ohne Versicherung nicht möglich: Betreuung durch eine freie Hebamme
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Ohne Versicherung nicht möglich: Betreuung durch eine freie Hebamme


Tausende Hebammen sehen ihre berufliche Zukunft gefährdet, weil die Tarife für ihre Haftpflichtversicherungen stark gestiegen sind. Ein Problem, das werdende Eltern generell betrifft, denn es geht dabei nicht nur um Hausgeburten, sondern auch um viele Entbindungen in Krankenhäusern, um Geburtsvorbereitung und um die Nachsorge.

Am Freitag nun hat sich der Bundesrat des Themas angenommen. Die Länderkammer forderte auf Initiative von rot und grün regierten Ländern Gesundheitsminister Hermann Gröhe auf, auch langfristige Lösungen zu prüfen. In den vergangenen Jahren hatten die Krankenkassen kurzfristig die Kostensteigerungen der Haftpflicht übernommen. Wenig später stellte sich das Problem dann aber erneut.

Nun drängt die Zeit, da ein Versicherer Mitte 2015 aus dem Markt aussteigen will. Damit dürften sich die Prämien beim letzten verbliebenen Anbieter abermals verteuern. Die Hebammen fürchten, sich die obligatorische Versicherung dann nicht mehr leisten zu können.

Gröhe antwortete auf die Forderungen des Bundesrats, der Versicherungsschutz dürfe nicht kurzfristig wegfallen und richtet vor allem darauf sein Augenmerk. "Wir brauchen mindestens einen, besser mehrere neue Gruppenhaftpflichttarife für Hebammen." Er gehe jetzt davon aus, "dass die Hebammenverbände, die Krankenversicherung und die Versicherungswirtschaft - von uns intensiv unterstützt - zu einer Lösung kommen".

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Hebammen: Wenn der Job zu teuer wird
Der Bundesrat schlägt einen steuerfinanzierten Fonds als langfristige Lösung vor, aus dem Schadenersatz über einer bestimmten Obergrenze bezahlt werden könne. "Wir wollen den Hebammen in der Geburtshilfe eine Perspektive geben", sagte Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD).

350.000 Unterstützer für Petition

Eine Online-Petition, in der Gröhe um Hilfe angerufen wird, fand bisher mehr als 350.000 Unterstützer. Laut Deutschem Hebammenverband stiegen die Haftpflichtprämien für die Geburtshilfe in zehn Jahren von 453 auf bisher 4242 Euro pro Jahr. Der Grund sind höhere Schadenssummen nach Fehlern bei der Geburt.

Gröhe sagte, es gebe auch die klare Zusage der Krankenkassen, steigende Prämien durch eine faire Vergütung abzusichern. Bereits 2012 sei dies geregelt worden. Das Problem ist hier, dass es zum Ausgleich der Erhöhungen Pauschalen pro Geburt gibt. Hebammen mit wenigen Geburten profitieren also auch weniger.

Der Kassen-Spitzenverband betonte, man habe in den vergangenen Jahren die Kostensteigerungen für die Berufshaftpflicht stets übernommen. Gaben die Kassen für eine tagsüber stattfindende Hausgeburt 2008 noch 670 Euro aus, seien es Ende 2014 bereits 1058 Euro gewesen. "Die verschiedenen Berufsverbände der Hebammen sind gefordert, für ihre Mitglieder eine gute Haftpflichtversicherung zu finden", sagte Sprecher Florian Lanz.

Für alles, was darüber hinausgeht - also womöglich auch die Fondslösung des Bundesrats - zeigte sich Gröhe zurückhaltend. "Jede Neueinführung einer anderen Haftungsstruktur würde Zeit benötigen und nicht jetzt helfen." In einer Arbeitsgruppe unter Beteiligung mehrerer Bundesministerien und der Hebammenverbände seien verschiedene Ansätze diskutiert worden. Sie würden nun geprüft. "Hier sind schwierige rechtliche Fragen zu klären, zum Beispiel zum Verhältnis von Schadensverursachung und Haftung sowie zur Gleichbehandlung unterschiedlicher Berufsgruppen."

Die Linke-Gesundheitsexpertin Birgit Wöllert kritisierte: "Es hilft den Hebammen nicht, wenn alle paar Tage zuversichtlich verkündet wird, dass es irgendwann eine Lösung für die Haftpflichtproblematik geben könnte, dann aber nichts passiert." Das mache Gröhe seit Wochen.

Basil Wegener/dpa/end/mamk

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
noalk 14.03.2014
1. ist mir unverständlich
Wenn die Haftpflichtversicherungsprämien so hoch sind, lässt das den Schluss zu, dass Hebammen eine Tätigkeit ausüben, die ein großes Risiko für das Neugeborene darstellt.Warum wird diese Tätigkeit dann nicht verboten? Wer kann mir das mal erklären?
kaktebenestydno 14.03.2014
2. Das unverfälschte alternative Gutmenschentum
"...ja, wir machennatürlich nur Hausgeburt, weil Kiniken so schrecklich sind und wir kennen da eine gaaaaanz tolle Hebamme, die -Name einsetzen-, mit der verstehen wir uns auch privat supi." Dann Geburt, dann geht was schief... "Die verklagen wir, das ist das Mindeste, was unseren Schmerz lindern kann, mindestens 250000 Euro, ich mein, 10000 wollen wir ja spenden, wir haben da ne super Rechtsanwältin, mit der verstehen wir uns auch privat..."
robeuten 14.03.2014
3.
Zitat von noalkWenn die Haftpflichtversicherungsprämien so hoch sind, lässt das den Schluss zu, dass Hebammen eine Tätigkeit ausüben, die ein großes Risiko für das Neugeborene darstellt.Warum wird diese Tätigkeit dann nicht verboten? Wer kann mir das mal erklären?
Tja, genau das ist das Thema, dem sich aber (potentielle) Mütter, Hebammen und Politik erfolgreich verweigern - eigentlich ganz schön krank!
mrsheep 14.03.2014
4.
Wenn man den ersten Kommentar liest, lässt das den Schluss zu, dass derjenige nicht weiß was Hebammen machen. Warum man die Tätigkeit nicht verbietet... Liebe/r noalk, was machen Hebammen deiner Meinung nach?
Askari 14.03.2014
5. Gesetz der kleinen Zahl
Zitat von noalkWenn die Haftpflichtversicherungsprämien so hoch sind, lässt das den Schluss zu, dass Hebammen eine Tätigkeit ausüben, die ein großes Risiko für das Neugeborene darstellt.Warum wird diese Tätigkeit dann nicht verboten? Wer kann mir das mal erklären?
Stellen Sie sich einmal vor, Sie wollen eine Haftpflichtversicherung für Hebammen betreiben. Die Statistik sagt Ihnen, auf 100.000 Hebammen kommt ein Großschaden von einer Million. Wenn Sie 100.000 Hebammen versichern, ist die Rechnung einfach. Um diesen einen Schaden zu finanzieren, brauchen Sie eine Prämie von 10 EUR. Was ist aber, wenn Sie nur 2.000 Hebammen versichern? Die Gefährlichkeit des Berufs und die Schadenstatistik bleiben die gleiche. Aber Sie benötigen für den Fall der Fälle eine Prämie von 500 EUR.
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