Eine Taxifahrerin erzählt "Heiligabend ist der schönste Arbeitstag im Jahr"

Seit zehn Jahren macht Taxifahrerin Gabi Hanke-Gerlach jeden Heiligabend Dienst. Etwas Schöneres könne sie sich nicht vorstellen, sagt sie.

Taxischild (wenn es leuchtet, ist der Wagen frei)
DPA

Taxischild (wenn es leuchtet, ist der Wagen frei)

Ein Interview von Timo Lehmann


Heiligabend haben die allermeisten Arbeitnehmer frei. Nur eine Minderheit muss arbeiten - und manche von denen gehen ihrem Job sogar mit richtig großem Vergnügen nach. So wie die Hamburger Taxifahrerin Gabi Hanke-Gerlach.

Im Interview erzählt sie von stillen Straßen an Heiligabend, ihrer Wehmut beim Blick durch fremde Wohnzimmerfenster und vom Geruch der Fahrgäste an Weihnachten.

  • Timo Lehmann
    Gabi Hanke-Gerlach, Jahrgang 1959, fuhr mit zwölf Jahren das erste Mal mit den VW-Pritschen ihrer Eltern auf dem Hof rum, sie liebt das Autofahren. Viele Jahre arbeitete sie im Vertrieb eines großen Unternehmens, seit zwölf Jahren fährt sie Taxi in Hamburg - vier Nächte pro Woche.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hanke-Gerlach, erinnern Sie sich an die erste Weihnachtsnacht, die Sie am Steuer verbracht haben?

Gabi Hanke-Gerlach: Das liegt zehn Jahre zurück, aber ja, ich erinnere mich. Es war ein komisches Gefühl. Als die Schicht am Nachmittag los ging, dachte ich mir: In drei Stunden könntest du zu Hause sein und deine Weihnachtsgans essen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich aussuchen, ob man an Heiligabend arbeiten möchte?

Hanke-Gerlach: Klar kann ich meinem Chef sagen: "Ich möchte an Weihnachten nicht arbeiten." Aber dann bekomme ich auch kein Geld für den Tag. Außerdem ist Heiligabend der schönste Arbeitstag im Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das?

Hanke-Gerlach: Weihnachten sind die Leute nicht mehr so gehetzt. Es ist eine ganz andere Stimmung. Alle Gäste riechen gut und sind gut angezogen. Alle sind besonders freundlich und drehen nicht gleich durch, wenn sie 20 Minuten warten müssen. Man wird mehr wertgeschätzt. Die Höflichkeit, die die Leute ins Auto bringen, überträgt sich. Dann sind Sie selbst wie weichgespült. Es ist ein schöner Beruf, denke ich, wenn ich beseelt die Schicht beende.

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SPIEGEL ONLINE: Und Sie wären nicht lieber bei sich zu Hause?

Hanke-Gerlach: An Heiligabend sind die Straßen ganz leer. Die Stadt* verwandelt sich dann in mein Wohnzimmer, ich kenne ja jede Straße, jede Ampel. Es fühlt sich an, als hätte ich das alles ganz für mich allein. Wenn es schneit, wird es ganz leise, dann hören Sie sogar, wie die Reifen über den frisch gefallenen Schnee fahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange geht Ihre Schicht?

Hanke-Gerlach: Ich fange meist zwischen drei und vier Uhr nachmittags an und bringe die Leute zum Kaffee, und um zwei oder drei Uhr in der Nacht hole ich die Leute dann wieder ab. Danach beende ich die Schicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Lieblingsgast an Heiligabend?

Hanke-Gerlach: Gerade an Weihnachten trifft man viele ältere Menschen mit anrührenden Geschichten. Leute, die keine Familien haben und im Taxi einen Ansprechpartner finden. Menschen, die sich immer unverstanden fühlen. Schauen Sie sich an, was in den Krankenhäusern an Heiligabend los ist. Viele ältere Leute lassen sich dorthin fahren und sagen, sie hätten Schmerzen in der Brust. Meistens wollen sie den Abend nicht allein verbringen und suchen nur die Geselligkeit. Das merkt man schon beim Fahren, wenn die loserzählen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt eher traurig.

Hanke-Gerlach: Ja, aber man versucht zu helfen. Letztes Jahr habe ich eine demente Dame abgeholt. Ich bekam eine Nachricht von der Taxizentrale: Bitte aussteigen, klingeln und der Dame behilflich sein. Der Sohn hatte das Taxi bestellt. Als die Frau die Tür aufgemacht hat, stand sie da, keine Schuhe an, ein ganz dünner Rock, dünne Bluse. Sie wusste gar nicht, wer ich bin. Dann habe ich ihr erklärt, dass ich sie abholen will. Ich bin mit ihr zum Kleiderschrank, habe ihr warme Sachen angezogen und sie zu ihrem Sohn gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Ist das denn Ihre Aufgabe als Taxifahrerin?

Hanke-Gerlach: Der Beruf eines Taxifahrers besteht nicht nur aus dem Autofahren. Es sind ja auch viele zwischenmenschliche Sachen, und die müssen Sie auch mit verarbeiten. Ich denke bei solchen Gästen immer an meine 82-jährige Mutter, die zum Glück noch fit ist - aber klar hoffe ich, falls es mal anders sein sollte, dass sie auf einen Taxifahrer trifft, der das auch tun würde.

SPIEGEL ONLINE: Sind Kinder als Fahrgäste an Weihnachten auch anders?

Hanke-Gerlach: Kinder zu fahren ist schön. Ich hänge immer eine rote Weihnachtsmütze an Heiligabend vorne an den Mercedes-Stern. Da freuen sich die Kinder sehr und gucken sich das vorne gleich an.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Hanke-Gerlach: Das war schon bei meiner ersten Schicht an Weihnachten. Das war so eine Beilage aus dem Supermarkt, so eine kleine rote Stoffmütze. Da habe ich irgendwann auf diesen Stern geguckt und gedacht, du könntest doch eigentlich...

SPIEGEL ONLINE: Sie schmücken sozusagen Ihr Wohnzimmer an Weihnachten ein bisschen...

Hanke-Gerlach: Es hängen in der Stadt ja die vielen Lichter. Wenn ich durch ein Wohnviertel fahre, sehe ich durch die Fenster die beleuchteten Weihnachtsbäume. Dann bin ich ein bisschen wehmütig, weil der eigene noch gar nicht fertig ist. Mein Mann und ich schmücken den erst am ersten Weihnachtstag.

SPIEGEL ONLINE: Worauf freuen Sie sich besonders bei ihrer Weihnachtsschicht?

Hanke-Gerlach: Auf den Moment, wenn wieder jemand an meine Scheibe klopft, wenn man ihn schon abkassiert hat, ich das Fenster runtermache und erst denke, vielleicht hat er irgendwas vergessen im Auto. Und dann kommt eine Hand, es strahlt mich jemand an und sagt: Ich habe vergessen, ich wollte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie heute an Weihnachten für mich gearbeitet haben.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
widower+2 24.12.2018
1. So ist es!
In meiner Zeit als Taxifahrer vor dem und während des Studiums habe ich auch einige Schichten an Heiligabend abgerissen. Die Leute sind tatsächlich entspannter und gepflegter; die Straßen leer. Ein Aspekt, der für die Protagonistin des Interviews aber bestimmt auch nicht ganz unbedeutend ist, ist der Verdienst. In Bezug auf den Umsatz ist Heiligabend eine der besten Nachtschichten des Jahres. In puncto Trinkgeld pro Fahrt sogar die absolut beste.
Leser1000 24.12.2018
2. Danke!
Danke allen die Weihnachten für uns " Dienst schieben " Taxifahrer, Pflegekräfte, Rettungskräfte , Polizei, Soldaten im In- und Ausland, Krankenhauspersonal und denjenigen, die ich gerade übersehen habe.
spon-1310712841582 24.12.2018
3. Schön, dass es solche
Taxifahrer gibt, die ihren Job scheinbar gern machen. Der letzte Satz ist wichtig;..., dass sie für mich an Weihnachten gearbeitet haben. Danke auch an die vielen DHL, DPD und Hermes Zusteller, die dafür gesorgt haben, dass die vielen Geschenke rechtzeitig angekommen sind. Schöne Weihnachten.
HuFu 24.12.2018
4. Ein Irrglaube...
dass nur Wenige Weihnachten arbeiten müssen. Gerade in der IT arbeiten Viele und btw. der 24.und 31.12. ist ein normaler Werktag. ;)
h.klinge-klinge 25.12.2018
5.
Ja schöne Geschichte, ich habe seit 7 Jahren mal wieder über Weihnachten komplett frei, auch das ist mal schön. gerne denke ich auch an den vor 3 Jahren bei SPON erschienenen Artikel "Stille Nacht, eilige Nacht" http://www.spiegel.de/auto/aktuell/weihnachten-auf-der-autobahn-so-wird-die-fahrt-festlich-a-1034243.html
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