Berufsnomaden und Heimat "NVA-Offiziere sind erstklassige Versicherungsvertreter"

Wer für den Beruf ins Ausland geht, lernt seine Heimat neu kennen: Sicherheitsprofi Jake Stratton sehnt sich an die Orte seiner Kindheit. Hans-Paul Bürkner, Weltchef von Boston Consulting, will die Heimat frei wählen. Und Berufsrusse Wladimir Kaminer erklärt, warum auch der Papst ein Stück Heimat ist.

Heimat in der Draufsicht: "Mir tut der häufige Perspektivwechsel gut"
Corbis

Heimat in der Draufsicht: "Mir tut der häufige Perspektivwechsel gut"

Protokolle:


"Es ist ein paar Jahre her, da bin ich in Darmstadt zum 20-jährigen Abiturtreffen gefahren. Ich musste den Treffpunkt im Schulgebäude ein wenig suchen. Bald hörte ich Stimmengewirr in einem der Räume. Als ich eintrat, sah ich zunächst viele unbekannte Gesichter. Einige riefen: 'Hans-Paul, wie schön! Hier bist du richtig.'

 Hans-Paul Bürkner , 60, wurde vor neun Jahren zum ersten Weltchef von Boston Consulting Group (BCG) gewählt, der nicht aus Amerika stammt. Zu seinem Beruf als Unternehmensberater gehören viele Reisen - und Bürkner hat häufig den Wohnort gewechselt
Martin Joppen/ BCG

Hans-Paul Bürkner, 60, wurde vor neun Jahren zum ersten Weltchef von Boston Consulting Group (BCG) gewählt, der nicht aus Amerika stammt. Zu seinem Beruf als Unternehmensberater gehören viele Reisen - und Bürkner hat häufig den Wohnort gewechselt

Bei den meisten meiner ehemaligen Klassenkameraden musste ich feststellen: Wäre ich ihnen zufällig und an einem anderen Ort begegnet, hätte ich sie nicht erkannt. Trotzdem wurde ein schöner Abend daraus.

Das Erlebnis zeigte mir, dass der Ort meiner Schulzeit letztendlich nur einer von vielen Orten ist, die in meinem Leben eine Rolle spielen. Ähnlich geht es mir mit meinem Geburtsort Varel in Ostfriesland. Ich habe dort oft die Ferien verbracht und in Varel gibt es vieles, an das ich mich gerne erinnere und an dem ich mich erfreue, wenn ich wieder dorthin komme: Das weite Land hinterm Deich, die Alleen, der Duft von frisch gemähtem Gras, der mich an die Sommer jener Jahre erinnert. Und vor allem auch Verwandte und Freunde von früher, die ich immer wieder gerne treffe.

In meinem Arbeitsalltag als weltweiter CEO der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) komme ich sehr viel herum. Ich besuche regelmäßig unsere Büros in aller Welt und unsere wichtigsten Kunden rund um den Globus. Im vergangenen Jahr dürfte ich 40 bis 50 Länder bereist haben. Ich zähle aber nicht mit.

Nicht nur die Deutschen jammern auf hohem Niveau

Manchmal neckt mich meine Frau damit, dass ich viele Flughäfen kenne, aber wenige Länder - und die Flughäfen sehen alle gleich aus. Sie weiß natürlich, dass das so nicht stimmt. Sicher, auf Geschäftsreisen hat man oft kaum Zeit, sich mit Land und Leuten zu befassen. Aber immer, wenn ich irgendwo etwas länger bin, erkunde ich die Umgebung und versuche, mit vielen Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Die Orte, an denen ich eine gute Weile gelebt habe, kenne ich gut, darunter Oxford, New Haven, Thailand, die Philippinen.

Mir tut der häufige Perspektivwechsel gut, auch für meine Arbeit. Zum Beispiel beneiden viele Deutsche die Südkoreaner für ihren Fleiß und die Wachstumsstory, die das Land derzeit erlebt. Wer aber Südkoreaner über die eigenen wirtschaftlichen Sorgen und Nöte im Alltag klagen hört, versteht, auf welch hohem Niveau in Deutschland oft gejammert wird. Und ich merke: Jammern auf hohem Niveau können nicht nur wir Deutschen. Dem begegne ich in allen reichen Ländern der Welt.

Auch im Alter eine neue Heimat suchen

Derzeit ist meine Heimat Bochum - wieder, denn ich habe dort an der Ruhr-Uni studiert. Mein Begriff von Heimat: Das ist der Ort, wo meine Liebsten leben. Dahin kehre ich immer wieder zurück. Dieser Ort kann überall sein, wo wir eben leben möchten, selbst wenn wir erst vor einigen Jahren dorthin gezogen sind.

Wir möchten uns nicht auf einen bestimmten Heimatort für alle Ewigkeit festlegen. Viele Menschen wollen ja ihren Lebensabend in ihrem Herkunftsort verbringen. Aber ich halte nicht viel von der Idee, mich im Alter zur Ruhe zu setzen. Wenn ich fit bin, möchte ich weiter gestalten und aktiv sein. Und wenn es mir und meiner Familie gut erscheint, auch dann noch eine neue Heimat suchen."

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willi_der_letzte 13.04.2012
1. .
Zitat von sysopCorbisWer für den Beruf ins Ausland geht, lernt seine Heimat neu kennen: Sicherheitsprofi Jake Stratton sehnt sich an die Orte seiner Kindheit. Hans-Paul Bürkner, Weltchef von Boston Consulting, will die Heimat frei wählen. Und Berufsrusse Wladimir Kaminer erklärt, warum auch der Papst ein Stück Heimat ist. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,826931,00.html
Zumindest dem ersten Satz kann ich 100% zustimmen. Die ewigen Nörgler in Deutschland sollten sich einfach mal ein wenig im Ausland aufhalten. Und ein Tip: Ballermann zählt nicht als Ausland.
io_gbg 14.04.2012
2. Weltchef von Boston Consulting - aus Oldenburg
Zitat von sysopCorbisWer für den Beruf ins Ausland geht, lernt seine Heimat neu kennen: Sicherheitsprofi Jake Stratton sehnt sich an die Orte seiner Kindheit. Hans-Paul Bürkner, Weltchef von Boston Consulting, will die Heimat frei wählen. Und Berufsrusse Wladimir Kaminer erklärt, warum auch der Papst ein Stück Heimat ist. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,826931,00.html
Fein, aber im Ausland vergisst man doch eigentlich nicht, in welcher Region der Ort liegt, wo man herkommt! Der Weltchef nennt "Varel in Ostfriesland". Varel liegt im Kreis Friesland, der zwar auf der ostfriesischen Halbinsel liegt, aber wie der östliche Teil der Halbinsel nicht zu Ostfriesland (Ostfriesland (http://de.wikipedia.org/wiki/Ostfriesland)) gehört, sondern zum alten Oldenburg. Der Landkreis Friesland Landkreis Friesland (http://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Friesland) "gehörte aber politisch nie zu Ostfriesland." und in Ostfriesland ist man sich dessen ebenso bewußt, wie im Landkreis Friesland, d. h. auch Varel.
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