In Kooperation mit

Job & Karriere

Putzportal Helpling "Niemand muss bei uns bleiben"

Die Plattform Helpling vermittelt günstige Putzkräfte. Forciert sie nur die Ausbeutung von Tagelöhnern? Hier spricht Mitgründer Benedikt Franke über karge Stundenlöhne.
Putzjob: Zwischen 8 und 9,50 Euro Stundenlohn verdienen "Helplinge" - minus Kosten für Rentenversicherung, Anfahrt, Arbeitskleidung

Putzjob: Zwischen 8 und 9,50 Euro Stundenlohn verdienen "Helplinge" - minus Kosten für Rentenversicherung, Anfahrt, Arbeitskleidung

Foto: Ralf Hirschberger/ picture alliance / dpa
Zur Person
Foto: Anke Peters

Benedikt Franke ist Mitgründer und Chef des Putzportals "Helpling", das im April 2014 in Deutschland an den Start ging. Die Firma gehört zum Imperium der Samwer-Brüder, die über den Konzern Rocket Internet an zahlreichen Start-ups beteiligt sind. "Helpling" hat für das Geschäft mit der Vermittlung von Reinigungskräften insgesamt rund 56 Millionen Euro Kapital eingesammelt.

KarriereSPIEGEL: Herr Franke, unser "Helpling" hat uns im vergangenen Monat zweimal sitzen lassen und ist zum vereinbarten Termin, als die Wohnung gereinigt werden sollte, einfach nicht erscheinen. Ein Einzelfall?

Franke: Das ist natürlich extrem ärgerlich. Wir arbeiten daran, dass so etwas nicht passiert. Es widerspricht auch völlig unserem obersten Ziel: Die Beziehung zwischen Ihnen und der Reinigungskraft nach dem Erstkontakt so lange wie möglich zu erhalten. Der Idealfall ist, dass Sie einen Stamm-"Helpling" finden, dem Sie einen Schlüssel zu Ihrer Wohnung geben können und ihm oder ihr Ihre Vorlieben erklären. So ist es für beide Seiten bequemer.

KarriereSPIEGEL: Wegen der offenbar hohen Fluktuation war es in unserem Fall bislang aber nicht möglich, einen Stamm-"Helpling" zu finden.

Franke: Das entspricht natürlich nicht dem Prinzip, wie Helpling als Plattform funktionieren sollte. Wir arbeiten daran, dies zu ändern.

KarriereSPIEGEL: Auf Ihrer Facebook-Seite beschweren sich Kunden regelmäßig, weil sie versetzt wurden.

Franke: Das ist ein verschwindend geringer Anteil unserer Kunden. Normalerweise kommt eine Absage im Durchschnitt einmal im Jahr vor. Aber wie gesagt, wir arbeiten daran.

KarriereSPIEGEL: Ist der Job, den Sie bieten, vielleicht einfach nicht attraktiv genug, um die Leute dauerhaft bei der Stange zu halten?

Franke: Zunächst einmal: Niemand muss bei uns bleiben, das liegt ja im Kern der Sache. Die Dienstleister sind genauso unsere Kunden, wie Sie einer sind - und denen wir ebenfalls ein attraktives Angebot machen wollen. Auch zu unseren Putzkräften wollen wir ein langfristiges Verhältnis aufbauen. Da wir am Anfang viel Zeit und Mühe in ihre Einarbeitung und Auswahl investieren, würde es sich für uns sonst gar nicht lohnen. Wir fordern etwa das polizeiliche Führungszeugnis ein und führen Einzelinterviews.

KarriereSPIEGEL: Wie viele Putzkräfte arbeiten in Deutschland derzeit für Sie?

Franke: Die Zahl liegt im mittleren vierstelligen Bereich. Bis Ende dieses Jahres sollen es 10.000 sein.

KarriereSPIEGEL: Und wie viel verdient ein "Helpling"?

Franke: Zwischen 12,90 Euro und 14,90 Euro pro Stunde. Davon nehmen wir eine Kommission von 20 Prozent. Dann müssen die Putzkräfte natürlich noch Abgaben zahlen, also Steuern, Krankenversicherung und so weiter. Aber das ist ja bei allen Selbstständigen so.

KarriereSPIEGEL: Was bleibt unterm Strich pro Stunde übrig?

Franke: Nach Steuern und Krankenversicherung zwischen 8 und 9,50 Euro.

KarriereSPIEGEL: Da sind die Kosten für die Anfahrt oder die Rentenversicherung aber noch nicht mit einberechnet. Hinzu kommen noch andere Versicherungen. Wer kommt auf, wenn der "Helpling" beim Putzen von der Leiter stürzt?

Franke: Das machen wir. Darin liegt ja der Mehrwert, den wir bieten. Denn wir wollen uns von unserem größten Konkurrenten - dem Schwarzmarkt - absetzen. Wir haben eine Haftpflicht- und eine Unfallversicherung für die "Helplinge" abgeschlossen. So sind sie geschützt, wenn sie sich verletzen oder Eigentum des Kunden beschädigen. Das finanzieren wir von unserer Kommission, ebenso wie das Marketing, den Kundenservice, die Rechnungsstellung und die Kreditkartengebühren.

KarriereSPIEGEL: Den Schwarzmarkt mögen Sie so ausstechen, aber im Vergleich zu einer Anstellung als Gebäudereiniger können wir keinen Vorteil erkennen. Dort beträgt der Mindestlohn 9,50 Euro die Stunde, es gibt bezahlten Urlaub, man ist sozialpflichtig versichert und kriegt auch ein Gehalt, wenn man mal krank ist.

Franke: Wir sagen ja gar nicht, dass niemand mehr im Reinigungsgewerbe tätig sein soll. Wir sind nur eine von vielen Möglichkeiten im Markt. Der Tariflohn ist oft Akkordlohn, da wissen Sie morgens nicht, wie viele Zimmer Sie heute putzen müssen. Und als angestellte Reinigungskraft müssen Sie tun, was der Chef Ihnen sagt - bei uns können Sie jederzeit frei entscheiden. Die Frage ist, ob die Bedingungen für Selbstständige mit niedrigem Einkommen in Deutschland nicht verbessert werden könnten. Ist es zum Beispiel gerecht, dass Finanzeinkommen weniger stark durch Abgaben belastet sind? In anderen Branchen gibt es eigene Sicherungssysteme, wie etwa die Künstlersozialkasse. So etwas könnte auch für unsere Klientel sinnvoll sein.

KarriereSPIEGEL: Sie wollen Ihre niedrigen Honorare und damit Ihr Geschäftsmodell also vom Staat subventionieren lassen? Bei der Künstlersozialkasse ist das zum Beispiel der Fall.

Franke: Das habe ich nicht gesagt. Ich sehe einfach, dass es hier eine Schieflage gibt, und würde mir eine Anpassung der Rahmenbedingungen wünschen. Warum öffnet man Selbstständigen mit geringem Einkommen nicht zum Beispiel den Zugang zur Sozialversicherung? Bei abhängig beschäftigten Mini-Jobbern, die ähnlich wenig verdienen, geht das ja auch.

KarriereSPIEGEL: Wer sollte die Kosten dafür tragen? Bei Angestellten kommt der Arbeitgeber für die Sozialversicherung mit auf oder bei Mini-Jobbern zumindest für einen Teil der Beiträge.

Franke: Das regelt der Preis. Natürlich muss jemand, der selbstständig ist, mehr pro Stunde berechnen als ein Angestellter. Sonst käme er nicht auf seine Kosten.

KarriereSPIEGEL: Bei acht Euro die Stunde ist das kaum realistisch. "Helplinge" müssten demnach die Preise erhöhen, damit sie rundum versichert sind und sich die Arbeit noch lohnt.

Franke: Wir sind mit unseren derzeitigen Preisen durchaus wettbewerbsfähig. Sie müssen unser Gesamtpaket aus Honorar, Service und Flexibilität sehen, das wir den Putzkräften bieten.

KarriereSPIEGEL: Angenommen, ein "Helpling" sieht das anders. Er könnte den Preis selbst gar nicht erhöhen, denn Sie geben den Putzkräften Preise und damit das Honorar vor.

Franke: Die Putzkräfte können frei über jeden Auftrag entscheiden. Wenn sich die Anfahrt nicht rechnet, kann der Auftrag abgelehnt werden. Wir stehen außerdem in ständigem Austausch. Wenn künftig die Mehrheit unserer Dienstleister die Preise erhöhen will, kann es durchaus möglich sein, dass wir das tun. Wir profitieren ja von einem höheren Umsatz.

Fotostrecke

Putzen, Immobilien, Mode: Wo Rocket Internet sein Glück sucht

Foto: Zalora

KarriereSPIEGEL: In den USA ist die Entwicklung in Richtung On-Demand-Economy bereits viel weiter fortgeschritten. Fahrer für die Chauffeur-App Uber und für den Konkurrenten Lyft fordern vor Gericht schon den Status von Festangestellten ein. Erst kürzlich forderte die California Labour Commission Uber auf, Fahrern Verträge wie Festangestellten zu gewähren. Fürchten Sie, dass es in Deutschland zu einer ähnlichen Entwicklung kommen könnte?

Franke: Bei uns gibt es keine Uniformen, keine Weisungen. Es ist völlig klar, dass "Helplinge" Selbstständige sind.

KarriereSPIEGEL: Einige amerikanische Start-ups sind bereits dazu übergegangen, ihre Dienstleister fest anzustellen, da sie merkten, dass sich so die Qualität der Arbeit verbessert. Können Sie sich das für die Zukunft auch vorstellen?

Franke: Ich möchte das nicht ausschließen. Wir professionalisieren einen Markt, der derzeit größtenteils von Schwarzarbeit geprägt ist. Unser Ziel ist es, unser Angebot stetig zu verbessern.

KarriereSPIEGEL: Über die Helpling-Plattform könnten Sie prinzipiell auch andere Dienstleister vermitteln, Handwerker oder Gartenpfleger zum Beispiel. Planen Sie, Ihr Angebot zu erweitern?

Franke: Wir wollen im Bereich haushaltsnahe Dienstleistungen das führende Unternehmen werden. Darüber hinaus gibt es natürlich viele weitere attraktive Märkte, aber konkrete Planungen gibt es derzeit nicht.

KarriereSPIEGEL: On-Demand-Plattformen verbrennen derzeit vor allem Geld. Ihr US-Konkurrent Homejoy soll pro Auftrag zwölf Dollar Verlust einfahren. Wird Helpling jemals profitabel arbeiten können?

Franke: Unser Geschäft hängt ganz davon ab, ob es uns gelingt, langfristige Kundenbeziehung aufzubauen. Darauf konzentrieren wir uns derzeit, versuchen aus ganzer Kraft, das Kundenerlebnis zu optimieren. Operativ arbeiten wir bereits profitabel.

KarriereSPIEGEL: Helpling hat in nur einem Jahr 56 Millionen Euro Wagniskapital eingesammelt. Wann brauchen Sie die nächste Finanzspritze?

Franke: Wir wollen unser Geschäft möglichst effizient vorantreiben. Da wir sehr ambitionierte Pläne haben, sind wir natürlich immer an neuen Finanzierungsmöglichkeiten interessiert. Allein in Deutschland wollen wir in diesem Jahr zehn Millionen Euro investieren. Uns geht es um eine nachhaltige Positionierung im Markt.

KarriereSPIEGEL: Wird auch Ihre Wohnung von "Helplingen" geputzt?

Franke: Ja, natürlich. Der Algorithmus bevorzugt mich dabei übrigens nicht. Und ich habe einen Stamm-"Helpling" gefunden, mit dem ich sehr zufrieden bin. Es ist eine Frau aus Berlin. Ich hatte vorher nie Hilfe zu Hause und bin heilfroh, dass es jetzt so einfach möglich ist.

KarriereSPIEGEL: Ihr "Helpling" weiß gar nicht, dass Sie der Boss sind?

Franke: Nein, das spielt auch keine Rolle.

Astrid Maier und Philipp Alvares de Souza Soares sind Redakteure beim manager magazin.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.