Herzschmerz statt Behörde Der schlagernde Bürgermeister

Im Reutlinger Rathaus verantwortet Peter Rist einen Millionenetat. Jetzt plant er einen radikalen Kurswechsel - und träumt von einer Karriere im Showgewerbe: Raus aus dem sicheren Job als Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister, rein ins neue Leben als Schlagersänger.

Peter Rist, Bürgermeister und Schlagersänger: Die Antwort auf alle Fragen ist 42
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Peter Rist, Bürgermeister und Schlagersänger: Die Antwort auf alle Fragen ist 42


In seinem Beruf trägt man Anzug und Krawatte, das gehört zum guten Ton im Reutlinger Rathaus. Schließlich erwartet von einem Behördenleiter einen seriösen Auftritt. Peter Rist wurde schon mit 36 Jahren Leiter des Finanz- und Wirtschaftsderzernats. Diesen soliden, sicheren, gut bezahlten Job will er jetzt sausen lassen: Mit 42 Jahren hat sich Rist dafür entschieden, es als Schlagersänger zu versuchen.

Es ist ein Abschied auf Raten. Erst ab 2013, wenn seine Amtsperiode regulär endet, will sich Rist voll auf seine Gesangskarriere konzentrieren, bis dahin bleibt er Finanzbürgermeister. Aber bereits im April dieses Jahres hat er seinen Erstwohnsitz zurück verlegt in seine Heimatstadt Isny im Allgäu und bekanntgegeben, dass er für eine weitere Amtsperiode nicht zur Verfügung stehen werde. Und dass er als passionierter Schlagersänger und Musiker "viele sagenhafte Projekte in Vorbereitung" habe. Auch sein Kreistagsmandat für die Freien Wähler hat Rist bereits niedergelegt.

Seitdem ist Reutlingen nur noch die Zweitstadt, seine Ehefrau und Jugendliebe hilft Rists Eltern bereits im Allgäu, ihre Gastwirtschaft zu betreiben. Nach einigen Jahren in Reutlingen hätten sich seine Frau und die drei Kinder endgültig fürs Allgäu entschieden, sagte Rist im Frühjahr dem "Reutlinger Generalanzeiger".

Immer gut für ein bisschen Ohrenkrebs

Das Debütalbum ist bereits in Arbeit und soll im Herbst erscheinen - "Willkommen im Leben". Es geht um immerfort um Liebe, Liebeskummer und das kleine Glück. Was es auf seiner Webseite schon zu hören gibt, klingt nach handelsüblicher Schlager-Massenware, also immer gut für ein bisschen Ohrenkrebs - Rumpelreime an Synthesizersoße mit ein bisschen Piano- und Gitarrengeklimper zu simplem Rhythmus. Die Titel heißen "Mein Glücksstern", "Komm, träum mit mir" oder "Hab ich Dir heute schon gesagt, wie sehr ich Dich liebe?". Der Refrain aus "Was kostet die Welt" (auch bei YouTube): "Sag was kostet die Welt / mit allem Drum und Dran / Ich schenke sie dir / Und gebe alles dafür".

Abends steht Rist öfter mal in der Lederjacke auf der Bühne. Als Junge - siebtes Kind einer Gastwirtsfamilie - habe er gesungen, geflötet und gejodelt, dazu kam Schuhplattlern und Musizieren auf dem Flügelhorn, erzählt er. Damit unterhielt er schon als Siebenjähriger gern die Gäste im Ausfluglokal der Eltern.

Beruflich ging er jedoch einen ganz konventionellen, sicherheitsbetonten Weg: Abitur, Wehrdienst und Studium zum Verwaltungswirt, dann Arbeit im Rechnungsprüfungsamt und stellvertretender Kämmerer der Stadt Neresheim sowie Kämmerer in Isny, dazu neben dem Beruf ein Controlling-Studium. 2005 trat er dann als Finanz- und Wirtschaftsdezernent in Reutlingen an, als einer von drei Bürgermeistern eine Ebene unter der Oberbürgermeisterin.

Und dann kam der 40. Geburtstag seiner Frau vor zwei Jahren: Er überraschte sie mit dem Titel "Für Dich", die Gäste waren begeistert - und Rist entschloss sich, mehr zu machen aus dem Hobby Musik. 2009 trat er auch als Frontmann der Band "Bürgermeister Rist und die Räte Reutlingen" auf, die sich aus mehreren Fraktionen zu Baden-Württembergs Heimattagen zusammenfand; im Januar 2011 dann bei der Veranstaltung "Diamanten aus Schlager und Volksmusik".

Dass Rist jetzt eine ganz andere Richtung einschlägt, versteht in Reutlingen nicht jeder. Doch der 42-Jährige ist davon überzeugt, das Richtige zu tun - "schließlich gibt es Wichtigeres als ein sicheres Leben". Am 19. November will er bei einem Auftritt mit anderen Volksmusikern sein Debütalbum in Reutlingen präsentieren. Und geht fest davon aus, dass es mit der Schlagerlaufbahn klappt. Die Frage sei bloß, ob er in der ersten oder der zweiten Liga spiele, sagt Rist selbstbewusst. Einen Plan B, den habe er jedenfalls nicht.

dpa/jol

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