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17. Juli 2018, 09:47 Uhr

Alltag einer Landärztin

"Ich liebe meinen Job - aber die Umstände sind unerträglich"

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Zehn Jahre arbeitete sie im Krankenhaus, dann übernahm sie eine Praxis in einem 1000-Einwohner-Dorf. Seither, sagt Ärztin Silvia Steinebach, verstehe sie, warum so wenige ihrer Kollegen auf dem Land arbeiten wollen.

"Als ich vor fünf Jahren meine Stelle im Krankenhaus gekündigt habe, um Haus- und Landärztin zu werden, war mir der Ort eigentlich egal. Wirtschaftsberater rieten mir ab - auf dem Land gebe es zu wenig Privatpatienten. Aber mich hat das nicht interessiert. Wichtiger war mir, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Und die Aussicht auf viel direkten Kontakt zu meinen Patienten.

Ich habe dann eine Praxis in der Nähe von Fulda übernommen, von der meine Vorgängerin sagte, dass sie '2000 Scheine pro Quartal' habe. Was das hieß, war mir am Anfang gar nicht klar: 2000 Patienten pro Quartal, da können an einem Tag schon mal 100 Leute vor einem stehen.

Das war so viel, dass ich bald eine zweite Ärztin einstellen musste - nach einem aufwendigen Antragsverfahren. Mittlerweile arbeiten sechs angestellte Ärztinnen in unserer Praxis und wir betreuen rund 4000 Patienten pro Quartal. Es gibt Montage, da müssen 300 Leute bei uns versorgt werden.

Ob mich dieser Andrang nervt? Nein, die Patienten sind toll, für die will ich da sein. Belastend sind die Bestimmungen, Regeln und Vorschriften, mit denen meine Kolleginnen und ich überschüttet werden.

In Deutschland darf eine Einzelpraxis höchstens drei angestellte Ärzte beschäftigen. Um einen vierten Kollegen einstellen zu können, mussten wir unsere Organisationsform zum MVZ ändern, zum Medizinischen Versorgungszentrum. Allein diese Änderung hat mich rund 15.000 Euro gekostet, ohne dass sich an der eigentlichen Arbeit etwas verändert hat.

Zu oft Hausbesuche bei Sterbenden gemacht

Das wäre ja vielleicht noch zu verkraften. Aber in diesem Jahr bekam ich auch noch Post von der Prüfstelle der Ärzte und Krankenkassen in Hessen. Die hatten statistisch ermittelt, dass ich 2015 und 2016 zu oft Sterbebegleitung in der Häuslichkeit abgerechnet hatte. Zu oft, das heißt: häufiger als der Durchschnitt der Hausärzte in Hessen.

Früher war es vollkommen normal, dass Hausärzte ihre Patienten in den letzten Stunden ihres Lebens begleiteten, heutzutage ist dies die Ausnahme geworden - und so erklärt sich dann auch, dass meine Betreuung von 94 palliativen Patienten in zwei Jahren als 'statistisch auffällig' bewertet wird. Ich halte das für skandalös. Ich bin wirklich froh, dass die Kassenärztliche Vereinigung in Hessen diese Prüfverfahren jetzt ändern will.

Überhaupt, die Sache mit dem Geld: Wir sind als Hausärzte verpflichtet, unsere Patienten wirtschaftlich, angemessen, notwendig und zweckmäßig zu behandeln. Für die Wirtschaftlichkeit haften wir sogar mit unserem privaten Vermögen. Auch das ist eine skandalöse Situation.

Denn die Kliniken oder Fachärzte schicken Patienten mit einem Arztbrief zu uns, in dem sie das aus medizinischer Sicht beste Medikament nennen - das ist aber nicht unbedingt auch das preiswerteste Medikament. Und dann hafte ich als Hausärztin, die den Patienten weiter betreut, persönlich für die Wirtschaftlichkeit von Rezepten.

Wenn ich mir spätere Prüfverfahren und Regressforderungen der Krankenkassen ersparen will, muss ich also die Medikation umstellen. Das ist nicht ohne Risiko für den Patienten, denn es müssen auch Nebenwirkungen und Interaktionen mit anderen Medikamenten bedacht werden. Hier muss es einfach eine klare Trennung geben zwischen der Wirtschaftlichkeit und dem medizinischen Nutzen einer Behandlung.

Wochenarbeitszeit zwischen 50 und 60 Stunden

Unser Arbeitsalltag scheint bei manchen Menschen im Gesundheitssystem ohnehin kaum bekannt zu sein. Vor einiger Zeit hat der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherer gefordert, dass Hausärzte doch bitteschön mindestens 30 Stunden pro Woche als offene Sprechstunde anbieten sollen, um die Patientenversorgung zu verbessern und dem Ärztemangel entgegenzuwirken. Da bekomme ich Herzrasen und werde wütend. Ja, was denken die denn, wie wir arbeiten?

Ich kenne keinen Landarzt, der weniger als 30 Stunden Sprechzeit anbietet, anschließend machen wir noch Hausbesuche und fahren in Seniorenheime, füllen Reha-Anträge aus, erstellen Gutachten und verbringen dann noch ein bis zwei Stunden mit Abrechnungen, Überprüfungen und Büroarbeiten. Meine Wochenarbeitszeit liegt zwischen 50 und 60 Stunden.

Kein Wunder, dass es viele junge Kollegen vorziehen, nicht selbstständige Hausärzte zu werden, sondern lieber irgendwo angestellt arbeiten. Ich liebe es, Landärztin zu sein. Aber die Umstände sind zum Teil unerträglich. Ich würde diesen Beruf gern auch die nächsten 25 Jahre noch ausüben. Das geht aber nur, wenn sich die Bedingungen massiv und schnell ändern."

Video: Ein Landarzt gibt auf

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