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Carmen Michaelis

Tipps von der Karriereberaterin Hilfe, ich bin immer so unpünktlich!

Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Er kommt einfach immer zu spät: Lukas hat viele Kunden- und Projekttermine und weiß selbst nicht, warum er einfach nicht pünktlich sein kann. Coachin Carmen Michaelis hat elf Ideen, das zu ändern.
Foto: Uwe Umstaetter / Westend61 / Getty Images

Lukas, 35 Jahre, fragt: »Ich arbeite seit knapp einem Jahr im Marketing eines Konzerns und habe viele Kunden- und Projekttermine. Sosehr ich mich auch bemühe, rechtzeitig zu erscheinen, komme ich regelmäßig zu spät. Das führt zur Verärgerung bei Kolleg:innen und Kund:innen, was ich gut verstehen kann. Es ist mir ja selbst sehr unangenehm und stresst mich. Wie schaffe ich es, endlich pünktlich zu sein?«

Zur Autorin

Carmen Michaelis war zehn Jahre Führungskraft in einem Unternehmen, zuletzt stellvertretende Geschäftsführerin. Seit 2004 arbeitet sie selbstständig als Coach, Trainerin und Moderatorin für Unternehmen. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben   Stichwort Carmen Michaelis 

Lieber Lukas,

obwohl Ihre Unpünktlichkeit für Ihr Umfeld ein Ärgernis ist und auch Sie selbst stört, scheint es nicht leicht zu sein, dieses Verhalten einfach abzustellen. Warum ist das so? Verhaltensweisen, die wir trotz großer Bemühungen nicht ändern können, obwohl die negativen Konsequenzen offensichtlich sind, haben einen tieferen Ursprung. So kann das Zuspätkommen kein bewusstes Handeln, sondern ein Ausdruck eines inneren Konflikts oder eine Schwierigkeit sein, sich selbst zu managen.

Kommen Sie also zunächst den Beweggründen Ihrer Unpünktlichkeit auf die Spur. Fragen Sie sich zu Beginn:

  • Was kostet es mich, wenn ich regelmäßig zu spät komme? Zum Beispiel: Wie stark leidet mein Ruf? Welche Karrierechancen oder spannenden Arbeitsaufträge vergebe ich damit? Welche Beziehungen leiden darunter?

  • Was habe ich davon, zu spät zu kommen? Zum Beispiel: Erspare ich mir den Small Talk, erhalte ich Aufmerksamkeit, vermeide ich bestimmte Anforderungen?

Hier einige grundsätzliche Erklärungsansätze, die Ihnen für ein tieferes Verständnis helfen können. Prüfen Sie, wo Sie sich gemeint fühlen, was Ihnen dazu ein- und auffällt.

Ein innerer Konflikt

Der Autonomiekonflikt: Termine für Meetings sind oft vorgeschrieben. Für viele Menschen ist das hilfreich, denn sie können sich so gut organisieren. Einige Menschen erleben die Terminvorgaben jedoch als persönliche Einschränkung, als Verlust ihrer Autonomie. Deshalb rebellieren sie unbewusst dagegen, verplant zu werden. Pünktlich zu sein, würde bedeuten, sich zu unterwerfen. So beweisen sich diese Personen ihre Selbstbestimmtheit, indem sie vor dem Meeting noch eben etwas anderes, scheinbar Wichtigeres erledigen und kommen dann zu spät. All das läuft völlig unbewusst ab.

Der Geltungskonflikt: Wer zu spät kommt, fällt auf. Wenn die Person dann noch Raum einnimmt, indem sie wortreich erklärt, was der Grund für die Verspätung ist, erhält sie Aufmerksamkeit. Sie geht garantiert nicht unter, wird zwangsläufig bemerkt, wenn auch nur im negativen Sinne. Natürlich ist diese Verhaltensweise nicht bewusst. Ein Bedürfnis, gesehen zu werden, ist der Beweggrund, verbunden mit der Sorge, nicht wichtig zu sein, wenn man nicht auffällt.

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Ein fehlendes Zeitmanagement: Wer in den Tag hineinstolpert und erledigt, was gerade via E-Mail, Slack oder Anruf hereinkommt, verzettelt sich. Eine fehlende Tagesplanung und Multitasking führen dazu, sich in den Aufgaben und der Zeit zu verlieren. Oft kommt eine fehlende Einschätzung des Aufwandes der Aufgaben und Aktivitäten dazu. Der wirkliche Zeitbedarf wird um bis zu 30 Prozent unterschätzt. So ist das Zuspätkommen vorprogrammiert und man läuft dem Tag hinterher.

Ein anderes Zeitempfinden: Eine Untersuchung des Amerikaners Jeff M. Conte zeigt, dass ein Zuspätkommer ein bestimmter Persönlichkeitstypus ist. Für ihn fühlt sich eine Minute wie 77 Sekunden an, während andere Menschen nach 56 Sekunden die Minute für beendet empfinden. Zuspätkommer haben demzufolge ein anderes Zeitempfinden und teilen sich ihre Aufgaben anders ein, was natürlich Verspätungen zur Folge hat. Das ist keine Entschuldigung oder gar ein Freifahrtschein, sondern ein wertvoller Hinweis für das Selbstmanagement.

Mögliche Handlungsansätze

Unabhängig vom Grund Ihres Zuspätkommens gibt es einige Ansätze, an Ihrer Pünktlichkeit zu arbeiten. Hier sind elf Tipps dafür:

  1. Notieren Sie sich zwei Wochen, wo und wann Sie zu spät kommen (bei bestimmten Menschen, in bestimmten Situationen, zu bestimmten Zeiten). Schauen Sie auch hin, wo es Ihnen gelingt, pünktlich zu sein, und welche Umstände es begünstigen, zum Beispiel bei Flug- oder Bahnreisen. Ziehen Sie ein Fazit: Was kann ich aus den Erkenntnissen mitnehmen? Wie kann ich mich anders aufstellen?

  2. Nehmen Sie sich die Zeit und prüfen Sie, welche Termine Sie annehmen oder selbst initiieren.

  3. Die meisten Tage und Aufgaben folgen einem zeitlichen Grundmuster. Messen Sie einmal genau, wie viel Zeit Sie im Schnitt für die einzelnen Aktivitäten benötigen. So können Sie genauer planen und Verspätungen vermeiden.

  4. Verbessern Sie Ihr Zeitmanagement und schaffen Sie sich dadurch automatisch eine höhere Autonomie.

  5. Planen Sie bei Wegen und Terminen bewusst ein Zeitpolster (Schummelzeit) ein.

  6. Stellen Sie Ihre Uhr einige Minuten vor.

  7. Legen Sie bewusst Pausen zwischen Ihre Termine und versehen Sie Meetings mit einem Zeitpuffer.

  8. Stellen Sie sich den Timer fünf Minuten vor einem Meeting und beginnen Sie nichts Neues mehr.

  9. Beenden Sie Termine pünktlich.

  10. Nutzen Sie die Erinnerungsfunktion für Termine in Ihrem Smartphone.

  11. Wenn Sie Ihren Arbeitstag acht Minuten lang vorbereiten, gewinnen Sie täglich bis zu einer Stunde Zeit. Verwenden Sie dafür eine Aufgabenliste, versehen mit der Dauer der jeweiligen Aktivität. Achten Sie darauf, immer nur eine Aufgabe zurzeit zu erledigen, um sich nicht zu verzetteln.

Was tun, lieber Lukas, wenn Sie es dann mal nicht schaffen, pünktlich zu sein?

Entschuldigen Sie sich knapp und ehrlich und geloben Sie Besserung. Pünktlichkeit ist ein Zeichen von Wertschätzung und Respekt, den Menschen und dem Thema gegenüber. Vielleicht kann Sie dieser Blickwinkel zusätzlich motivieren, an sich zu arbeiten. Und, wenn Sie dann überpünktlich in der Videokonferenz sitzen und auf die anderen warten, freuen Sie sich darüber, gesehen zu werden, weil Sie der Erste sind!