In Kooperation mit

Job & Karriere

Carmen Michaelis

Tipps von der Karriereberaterin Hilfe, ich weine im Büro

Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Nah am Wasser gebaut: Das kann im Beruf ein Problem sein. Selina kann selbst bei sachlicher Kritik nicht anders, als in Tränen auszubrechen. Wie bekommt sie das Weinen in den Griff?
Schadet Emotionalität der Karriere?

Schadet Emotionalität der Karriere?

Foto: Bendik Stalheim Møller / EyeEm / Getty Images
Zur Autorin

Carmen Michaelis war zehn Jahre Führungskraft in einem Unternehmen, zuletzt stellvertretende Geschäftsführerin. Seit 2004 arbeitet sie selbstständig als Coach, Trainerin und Moderatorin für Unternehmen. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben   Stichwort Carmen Michaelis 

Selina, 29 Jahre, fragt: "Seit drei Jahren arbeite ich in einer Immobilienfirma. Mir macht die Arbeit Spaß, und meine Chefin äußert sich über meine Leistung sehr zufrieden. Es gibt nur ein Problem, dass ich nicht in den Griff bekomme und das mir für meine weitere Karriere schaden könnte. Ich bin nah am Wasser gebaut: Wenn etwas an mir kritisiert wird, auch berechtigt und in angemessener Form, fange ich an zu weinen. Wie kann ich mich in solchen Situationen besser kontrollieren?"

Liebe Selina,

sicher ist es verunsichernd, wenn Sie Souveränität zeigen wollen und Ihnen stattdessen die Tränen kommen. Das ist erst recht schwierig, wenn Sie befürchten, dass Ihre Emotionalität Ihrer Karriere schadet. Umso dringlicher ist Ihr Wunsch, Ihr Weinen besser kontrollieren zu können. Leider gibt es keinen "Ausknopf", den Sie drücken können. Nehmen Sie Ihre Tränen an. Akzeptieren Sie, dass Sie feinfühlig sind und schneller als andere Personen mit Weinen reagieren, wenn Sie etwas bewegt. Es ist Ihre persönliche Art, sich zu zeigen. Andere erröten, stottern oder schwitzen in schwierigen Situationen. Lehnen Sie das Weinen bei sich ab und erteilen sich ein Heulverbot, werden Sie umso wahrscheinlicher mit Tränen reagieren.

Verwenden Sie Ihre Energie darauf, zu hinterfragen, warum Kritik so schwierig für Sie ist. Dann können Sie daran gehen, alternative Reaktionsmöglichkeiten zu entwickeln. Starten Sie damit, Ihre inneren Überzeugungen zu reflektieren und zu hinterfragen.

Einen guten Anhaltspunkt bietet der Blick auf Ihre Glaubenssätze. Glaubenssätze sind Urteile über uns und unsere Umwelt, die wir durch Erziehung und Sozialisierung unbewusst entwickeln. Jeder Mensch hat diese inneren Überzeugungen, denn sie helfen uns, das, was uns im Leben passiert, in ein Beurteilungsraster einzuordnen. Sie werden im Laufe der Zeit für uns zu unumstößlichen Wahrheiten, und wir verhalten uns entsprechend. Es können hilfreiche, ermutigende Glaubenssätze sein, wie zum Beispiel: "Ich kann alles im Leben erreichen" oder negative Glaubenssätze, etwa "Ich bin zu nichts zu gebrauchen".

Ihrem Glaubenssatz können Sie auf die Spur kommen, indem Sie sich fragen: Welche Redewendungen haben Sie als Kind immer wieder gehört? Ergänzen Sie folgende Sätze:

  • Meine Mutter/ mein Vater sagten immer…

  • Der wichtigste Satz in meiner Kindheit war…

  • Immer wenn ich etwas nicht richtig gemacht habe, wurde gesagt…

  • Wenn ich heute Kritik erhalte, schießt mir durch den Kopf…

Manche Glaubenssätze entbehren im Erwachsenenalter jeder Grundlage, weil sich unser Leben geändert hat. Sie sind sinnlos geworden, sogar hinderlich. Darum schauen Sie genau hin! Wie könnte der Glaubenssatz lauten, der bei Ihnen seine Wirkung bei Kritik entfaltet? Zum Beispiel: "Ich bin nicht gut genug", "Ich bin nicht liebenswert", "Ich mache immer alles falsch".

Formulieren Sie Ihren Glaubenssatz und überprüfen Sie dessen Berechtigung:

  • Macht der Satz heute noch Sinn?

  • Ist der Satz wirklich wahr?

  • Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich daran festhielte?

  • Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich diesen Glauben loslasse?     

Formulieren Sie den Glaubenssatz so um, dass er Ihnen dienlich ist, etwa "Ich bin gut so, wie ich bin". Ebenso im Sinne des positiven Umdeutens können Sie sich das Thema Kritik anschauen und dann bestärkend umformulieren. Beispielsweise: "Kritik bringt mich weiter und macht mich besser."

Wie können Sie nun konkret reagieren, wenn Sie eine Kritik doch emotional anfasst?

  • Benennen Sie, was offensichtlich ist. Hier einige Satzelemente zum Zusammenstellen Ihres stimmigen Statements: "Sie wissen/sehen ja, ich bin nah am Wasser gebaut. Ich weine schnell, gerade, wenn es um mich geht. So bin ich. Bitte denken Sie sich nichts dabei. Lassen Sie sich nicht irritieren. Sie haben meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich weiß Ihr Feedback sehr zu schätzen."

  • Fragen Sie direkt, wie es bei Ihrem Gegenüber ankommt. Dann können Sie Ihre Reaktion richtigstellen. Etwa: "Ich hoffe, ich irritiere Sie nicht? Ich hoffe, Sie missverstehen das nicht?"

  • Vermutlich sind es eher Ihnen bekannte Personen wie Ihre Chefin, die Ihnen kritische Rückmeldung geben. Sie können sich "offenbaren" und so den Druck rausnehmen, nicht weinen zu dürfen. Wie zum Beispiel: "Mich berührt Kritik sehr und löst bei mir schnell Tränen aus. Ich nehme Ihre Kritik sehr ernst und setze mich damit auseinander, kann es aber leider nicht, ohne emotional zu werden. Für mich ist das okay, ich hoffe, für Sie auch."

  • Teilen Sie ihrer Chefin Ihre Befürchtung mit, dass Ihr Weinen karrierehemmend ist, und erfragen Sie ihre Einschätzung.

  • Haben Sie einen Mastersatz parat, mit dem Sie sich schnell aus der Situation ziehen können. Beispielsweise: "Vielen Dank für Ihr Feedback. Ich nehme das gerne mit und denke drüber nach."

  • Atmen Sie die Emotionen weg. Eine bewährte Atemübung für jede Gelegenheit: Atmen Sie tief durch die Nase ein. Atmen Sie ebenfalls durch die Nase langsam und konzentriert aus. Sprechen Sie dabei in Gedanken langsam ein zweisilbiges Wort, zum Beispiel "Ruhe".

Liebe Selina, haben Sie schon in Erwägung gezogen, dass Sie Kritik erhalten, weil Ihre Vorgesetzten oder Kollegen gerade in Ihnen ein großes Potenzial sehen und Sie gezielt fördern wollen? Sie selbst schreiben, Ihre Chefin äußert sich sehr zufrieden über Ihre Leistungen. Ein veränderter Blick kann in Kritiksituationen helfen, Ihre Emotionen umzusteuern. Mag sein, liebe Selina, dass Sie dann vor Freude weinen. Menschen, die Gefühle zeigen, wirken nahbar, emphatisch und sympathisch. Ein Pluspunkt für Sie!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.