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05. November 2012, 14:07 Uhr

Hirndoping für Kopfarbeiter

Immer her mit den bunten Psychopillen

Von Constantin Baron van Lijnden und

Bei chronischem Stress steigt die Versuchung, den Pharma-Turbo zuzuschalten. Berufstätige wie Studenten greifen zu Medikamenten als Muntermacher und Druckausgleich. Sie hoffen auf mehr Konzentration, mehr Tempo, mehr Hirnleistung - und nehmen Langzeitrisiken in Kauf.

Es gibt sie, diese produktiven Tage. Schon beim ersten Weckerklingeln schießt man aus dem Bett wie ein Sprinter aus dem Startblock, es folgen 12, 14 oder noch mehr Stunden schierer Effizienz. Mit leichter Hand erledigt man To-Do-Listen und lästige Telefonate, ackert armdicke Akten durch, treibt Projekte ins Ziel und räumt nach Feierabend noch schnell die Wohnung auf, um am Ende rechtschaffen müde ins Bett zu plumpsen.

Dummerweise kommen auf jeden Höhenflugtag gefühlt 30 in Schattierungen von "Gerade so das Nötigste geschafft" bis "Da wäre ich besser gleich liegen geblieben". Warum die Schaffenskraft so schwankt? Ein Rätsel. Klar, starker Schlafmangel oder ausschweifender Alkoholgenuss mögen den Folgetag der sicheren Nutzlosigkeit preisgeben. Aber umgekehrt ist das Ausbleiben solcher Störfaktoren bei weitem kein Garant für einen klaren Kopf.

Sind Stress und Schlafmangel beklagenswerte Ausnahmen oder in vielen Berufen schon die Regel? Beispiel Juristerei: Vor allem Großkanzleien sind berüchtigt dafür, von ihren hochbezahlten Mitarbeitern endlose Arbeitswochen zu verlangen. Da erhält der Associate um 23 Uhr den längst überfälligen Schriftsatz zur Abstimmung. Und auch mancher Proberichter wird vom Vorsitzenden unter einem deckenhohen Aktenstapel lebendig begraben. Der Jura-Examenskandidat liegt nachts wach, weil seine Klausurvorbereitung zwischen Prüfungsängsten, privaten Sorgen und einem knappen Kontostand zerrieben wird.

Entfesselung des inneren Arbeitstiers

Alle drei haben einen straffen Terminplan, von ihnen wird erwartet, dass sie auch mit Augenringen und flatternden Lidern noch geistig anspruchsvolle Arbeit verrichten. Wie verlockend klingt da die Aussicht, dem Hirn mit ein wenig Schmiermittel nachzuhelfen und das Arbeitstempo medikamentös zu steigern.

Peter W. hat es getan. "Ich war immer experimentierfreudig, was diverse Substanzen angeht", erinnert sich der 28-jährige Jurist an die Endphase seines Studiums, "in der Examenszeit habe ich dann zum ersten Mal etwas genommen, um akademisch voranzukommen." Die Entscheidung bereut er nicht, obwohl er einräumt, dass er mit besserem Zeitmanagement und mehr Disziplin ähnliche Ergebnisse wohl "auch ohne Chemie" hätte erreichen können. "Man kann versuchen, sein Leben am Reißbrett zu planen und genau festzulegen: Montags, dienstags und donnerstags lerne ich Zivilrecht, mittwochs Strafrecht, freitags und samstags Öffentliches Recht", sagt Peter W. "Aber dann macht deine Freundin mit dir Schluss, oder ein Verwandter stirbt, und du bist erst mal zwei Monate neben der Spur. Danach muss jeder schauen, wie er die Zeit wieder gutmacht."

Also warf der Examenskandidat Smart Drugs ein. Solche "Schlauheits-Drogen" sind an Hochschulen wie im Berufsleben seit gut einem Jahrzehnt recht bekannt. Zuvor waren die Mittel zur Entfesselung des inneren Arbeitstiers eher krude: hier Stoffe wie Koffein, Guarana oder Taurin, deren Mini-Wirkung man sich mit Nervosität und zittrigen Fingern erkaufte. Dort (Meth)amphetamine für den 48-Stunden-Rausch mit Synapsentango, beträchtliche Gesundheitsgefahren inklusive. Alltagstauglich ist anders.

Modafinil, neuer Liebling der Hirndoper

Die Wende brachte Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin. Entwickelt wurde der Wirkstoff zur Behandlung von Hyperaktivität und Narkolepsie (Schlafkrankheit), etwa für den Einsatz bei Kindern mit dem "Zappelphilipp-Syndrom" ADHS. Um die Jahrtausendwende galt Ritalin als neues Wundermittel für Studenten, Berufstätige und überhaupt alle, denen der Alltag über den Kopf zu wachsen drohte.

Das Medikament gibt es nur auf ärztliches Rezept, in Deutschland fällt es unters Betäubungsmittelgesetz. Aber gerade im verschreibungswütigen Amerika war der Bezug vom Hausarzt oft mehr Formalie als Problem. Andernorts behalf man sich mit Online-Apotheken zweifelhafter Seriosität - oder zweigte eine Ration bei tatsächlich behandlungsbedürftigen Bekannten ab. Was natürlich nicht erlaubt ist.

Mittlerweile machen Modafinil-Präparate Ritalin den Spitzenplatz als everybody's little helper streitig. Der Wirkstoff soll zum Beispiel Schichtarbeitern die Schläfrigkeit nehmen. Laut Beteuerungen meist anonymer Nutzer im Internet läuft das Hirn zur Hochform auf: Die Einnahme von 100 bis 200 Milligramm soll für gute zwölf Stunden sämtliche Spinnweben aus der Dachstube fegen und außerordentlichen Arbeitseifer ermöglichen - und zwar nahezu frei von einem drogenartigen Rausch.

Da winken Pharmaunternehmen gewinnträchtige Zukunftsmärkte. Aber Risiken und Nebenwirkungen sind beileibe nicht ausgeschlossen, vor allem bei routiniertem Gebrauch. Solche Mittel führten zwar "kurzfristig zu mehr Leistung - aber langfristig in die Abhängigkeit", schrieb der Arzt Götz Mundle im Harvard Business Manager. "Dazu kommt, dass sich die Persönlichkeit verändert und die Menschen angespannt und aggressiv werden. Außerdem machen sie auch mehr Fehler", so der Geschäftsführer der Oberberg-Kliniken, die Depressionen, Angst, Burnout und Suchterkrankungen behandeln.

"Dein IQ verdoppelt sich nicht auf einmal"

Im Examen hat auch Peter W. zugelangt. "Nach meiner Erfahrung ist der Vorteil, den einem die Stoffe bringen, nicht so gigantisch", sagt er. "Ja, sie helfen, wenn man unter Stress den Kopf über Wasser halten muss, aber dein IQ verdoppelt sich nicht auf einmal. Die Schlauen werden auch weiterhin mehr Erfolg haben als die Dummen."

Neuro-Enhancement nennen Experten den Griff zu Pillen zwecks Leistungssteigerung, oder simpler: Hirndoping. Zur realen Verbreitung ist die Datenlage eher vage. Studien aus den USA zufolge soll dort bis zu ein Viertel der Studenten den Pharma-Turbo zuschalten. In Deutschland gibt es zwei aufschlussreiche Untersuchungen:

Massenphänomen oder Ausnahme - es ist eine Frage der Perspektive. Für eine Krankenkasse sind hochgerechnet 800.000 Hirndoper unter 40 Millionen Berufstätigen allemal ein Alarmsignal. Aber zwei Prozent Missbrauch von Medikamenten zum Leistungs-Tuning, das kann man auch für überschaubar halten.

"Wer das Zeug nehmen will, der wird es nehmen", sagt Pillenwerfer Peter W. "Ich glaube kaum, dass man vor den Klausuren bald Speichelproben abgeben muss." Der Jurist sieht wenig Möglichkeiten, Hirndoping zu verhindern. Und auch kein moralisches Problem: "Fortschritt ist eben nicht mehr auf Computer oder Autos begrenzt. Wenn wir durch Entwicklungen in der Hirnforschung mehr leisten können, dann sollte man das feiern, nicht verteufeln. Ein bisschen mehr Verstandeskraft würde jedenfalls so manchem Kollegen gut tun."

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