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Historiker Wehler über Lohngefälle "Die Ungleichheit hat sich krass verschärft"

Manager, die das Zweihundertfache ihrer Angestellten verdienen - wo gibt's denn so was? Mitten in Deutschland. Ein Unding, schimpft der Historiker Hans-Ulrich Wehler. Im Interview fordert er Mindestlöhne und härtere Tarifkämpfe.
Fensterputzer: Kein Job, in dem man Reichtümer anhäuft

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Foto: Wolfgang Kumm/ picture alliance / dpa

Frage: Sind Sie für die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns?

Wehler: Ja, weil alle großen europäischen Länder diesen Mindestlohn haben und damit gut gefahren sind.

Frage: Die anderen Länder stehen bei weitem nicht so gut da wie Deutschland. Die niedrige Arbeitslosigkeit in Deutschland dürfte auch der Tatsache geschuldet sein, dass Geringqualifizierte vergleichsweise preiswert beschäftigt werden können.

Wehler: Das ist aber sehr milde formuliert! In letzter Zeit ist die Anzahl der Minijobs von drei auf acht Millionen gestiegen. Und der Trend geht weiter nach oben. Außerdem beruht die relativ stabile Lage der Bundesrepublik auf den Erfolgen der Agenda 2010 und nicht auf der Vermeidung von Mindestlöhnen, wie das die FDP einem weismachen will.

Frage: Aber die niedrige Arbeitslosigkeit könnte damit wenigstens zum Teil zu erklären sein.

Wehler: Das glaube ich nicht. Das Paket der 2010-Reformen ist ja ungeheuer groß. Das ist die größte Reform in der Geschichte des deutschen Sozialstaats, was immer man auch kritisch sagen mag. Und das hat der Bundesrepublik diese Beharrungskraft gegeben während der Finanzkrise und unmittelbar danach. Sie hatte die notwendigen Reformen schon hinter sich gebracht.

Frage: Das findet ja auch durchaus Ihre Zustimmung. Was ist es dann genau, was Sie kritisieren?

Wehler: Ich kritisiere, dass in den vergangenen zehn, zwölf Jahren eine krasse Verschärfung der Ungleichheit in der Bundesrepublik aufgetreten ist. Was ich eben über die Minijobs sagte, ist nur ein Beispiel. Man kann es vielleicht noch besser erläutern an den hohen Einkommen im Management. Bis etwa 1989 zahlten die 30 Dax-Unternehmen den Vorständen 500.000 D-Mark Jahresgehalt. Im Vergleich zum Einkommen ihrer Arbeitnehmer war das ein Verhältnis von 20 zu 1. 2010 beträgt dieses Einkommen sechs Millionen Euro. Und das Verhältnis zum Einkommen der Arbeitnehmer beträgt, man mag es kaum glauben, 200 zu 1. Das sind so krasse Verhältnisse, dass ich mich ja immer nur wundere, warum da nicht längst eine lebhafte Debatte läuft.

Frage: Dass die deutschen Manager heute wesentlich besser bezahlt werden als vor 20 Jahren, hängt doch wohl damit zusammen, dass die deutschen Unternehmen im internationalen Wettbewerb stehen. Sie müssen solche Gehälter zahlen, weil sie sonst nicht die besten Leute bekommen.

Wehler: Nein, das müssen sie ganz bestimmt nicht. Das ist ja alles entstanden, als Mercedes zur Weltmacht im Industrie- und Autogeschäft aufsteigen wollte und Jürgen Schrempp Chrysler kaufte. Dann tauchten die ersten deutschen Manager, zum Beispiel Dieter Zetsche, bei Chrysler auf. Und was sie als erstes berichteten, war der ungeheure Abstand zwischen ihrem Einkommen und dem Einkommen der amerikanischen Kollegen. Schrempp hat sofort nachgegeben, das breitete sich aus wie ein Steppenbrand, und jetzt haben wir diese Gehälter wie von Martin Winterkorn von VW mit 17,5 Millionen Euro.

Frage: Zurück zu den Niedriglöhnen: Wir sprechen immer nur über die Arbeitgeber, aber wie viel Verantwortung dafür trägt der Kunde?

Wehler: Der nutzt natürlich Billigangebote aus. Aber wichtig ist doch Folgendes: Wir sind das einzige europäische Land mit stagnierenden Realeinkommen. Das hat unseren Export sehr verbilligt, aber das ist jetzt vorbei, weil der südeuropäische Markt für Mittel- und Kleinwagen zusammenbricht. Da wird man sehen, ob man jetzt nicht doch stärker die Binnenkaufkraft stützen muss. Dann müssen die Gewerkschaften einen härteren Tarifkampf führen.

Zur Person
Foto: Federico Gambarini/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Hans-Ulrich Wehler (Jahrgang 1931) zählt zu den prominentesten Historikern in Deutschland. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er im Historikerstreit der achtziger Jahre bekannt. Er meldet sich seither immer wieder in gesellschaftlichen Debatten zu Wort.

Christoph Driessen/dpa/vet
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