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09. Dezember 2015, 11:38 Uhr

HIV im Job

"Mit infizierten Mitarbeitern kann ich den Laden dichtmachen"

Eigentlich ist es egal, ob ein Kollege HIV hat. Doch wer mit der Immunschwäche am Arbeitsplatz offen umgeht, wird sehr häufig diskriminiert. Viele Chefs umgehen dabei das Kündigungsverbot.

Jakob Vogt*, ein ehrgeiziger Mann um die vierzig, hat wenig Zeit. Besonders dann, wenn man ihn auf seine HIV-Infektion anspricht.

Dass er vor sechs Jahren positiv getestet wurde, verrät er nur wenigen. Denn er hat Angst um seine Karriere. "Es war ein Schock, als ich erfuhr, dass ich positiv bin", sagt Vogt und blickt sich prüfend um. Angesteckt hat er sich durch eine "Unbedachtsamkeit", wie er es nennt. Ungeschützten Geschlechtsverkehr. "Nur einmal habe ich mich hinreißen lassen - und plötzlich stand ich da und hatte HIV." Ihm war sofort klar, dass er das an seinem Arbeitsplatz geheim halten musste: "Da würde es nie akzeptiert werden!"

Vogt ist Filialleiter bei einer Bank in München - damit könnte es leicht vorbei sein, würde seine HIV-Infektion bekannt. Kollegen und Kunden könnten Angst vor einer Ansteckung haben, seine Vorgesetzten befürchten, dass seine Leistung nachlässt.

"Kein Risiko für Kollegen oder Kunden"

Andrea Brunner arbeitet bei der psychosozialen Beratungsstelle der Münchner Aids-Hilfe und kennt viele solcher Fälle. Etwa ein Mann aus der IT-Branche, der zu ihr in die Beratung kam. Als an seinem Arbeitsplatz bekannt wurde, dass er HIV-positiv ist, wurde er in ein winziges Einzelbüro versetzt und bekam keine Arbeitsaufträge mehr. Als er sich bei seinen Vorgesetzten beklagte, bekam er nur zur Antwort: "Das ist Absicht."

Dabei sind Ängste unbegründet. "HIV ist ein schwer zu übertragendes Virus. Im Arbeitsalltag besteht kein Infektionsrisiko für Kollegen oder Kunden", informiert die Deutsche Aids-Hilfe. Gefahr besteht nur dann, wenn der Erreger in ausreichender Menge in den Körper oder auf Schleimhäute gelangt. Außerdem sind Menschen mit HIV im Schnitt genauso leistungsfähig wie ihre Kolleginnen und Kollegen, so eine Studie des National Aids Trust in England.

Dennoch müssen viele der über 83.000 Infizierten in Deutschland mit dem Argwohn der Kollegen leben. Die Spanne reicht von Klatsch über Mobbing bis zur Kündigung.

Fast 80 Prozent der Menschen mit HIV gehen ganz normal ihrer Beschäftigung nach, zeigen Zahlen der Münchner Aids-Hilfe. Weniger als ein Drittel der Infizierten informiert den Arbeitgeber über die Infektion. Jeder Vierte davon wird anschließend diskriminiert, so eine Studie des Projekts "Positive Stimmen", das sich gegen die Stigmatisierung der Betroffenen wendet.

Inzwischen ist die Medizin so weit, dass die meisten trotz ihrer unheilbaren Krankheit ein gutes Leben führen können - wenn ihre Mitmenschen es zulassen. "Das größte Problem sind heute Diskriminierung und Vorurteile", sagt Michael Häuslmann vom Vorstand der Münchener Aids-Hilfe.

Seit Mitte der Neunzigerjahre gibt es wirksame Medikamente für die Therapie der Virusinfektion. Wer medikamentös gut eingestellt ist, kann genauso lange leben wie ein Nichtinfizierter und ist nicht einmal mehr ansteckend. Die Viruslast wird dank antiretroviraler Therapie so weit reduziert, dass sie unter die Nachweisgrenze sinkt. Dann kann das Virus auch über Sexualkontakte nicht weitergegeben werden.

Doch die Bilder aus der Frühzeit von Aids wirken nach, Bilder von abgemagerten, krampfhaft nach Atem ringenden Menschen mit sonderbaren Flecken auf der Haut. Anfang der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts erreichte die Krankheit Europa. Aids, die durch den HI-Virus ausgelöste Zerstörung des Immunsystems, kostete weltweit viele Millionen Menschenleben und versetzte die Bevölkerung in Panik.

"Wie stellen Sie sich das vor?"

Teils bis heute. Ein Report von "Positive Stimmen" stellt fest: "Trotz Therapiefortschritten bleibt HIV eine Infektionskrankheit, die mit Sexualität, Drogenkonsum und von der bürgerlichen Norm abweichenden Lebensstilen verknüpft ist." Zusammen mit irrationalen Ansteckungsängsten sei dies der Nährboden für Stigmatisierung und Diskriminierung.

"Wie stellen Sie sich das vor?", sagt der Chef eines Personaldienstleisters. "Ich weiß zwar, dass man nicht aidskrank wird, wenn man mit so jemandem mal dieselbe Toilette benutzen muss. Aber die meisten Leute wissen das nicht." Deshalb ist er überzeugt, dass er mit HIV-infizierten Arbeitern seinen "Laden dichtmachen" müsste. Die Kunden hätten Angst.

Häuslmann von der Münchner Aids-Hilfe empfiehlt Betroffenen daher, sich eine Information des Arbeitgebers über die HIV-Infektion sehr gut zu überlegen. Eine Verpflichtung dazu bestehe nicht. Zwar dürfen Firmen nicht wegen einer HIV-Infektion kündigen, aber oft würden andere Gründe vorgeschoben: "Jeder Arbeitgeber weiß ja, was er sagen muss."

Andererseits könnte es die Haltung der Gesellschaft verändern, wenn viele Betroffene den Mut finden, sich zu outen, findet Christoph Mayr, HIV-Schwerpunktarzt in Berlin: "Ich halte ich es für wichtig, dass HIV ein Gesicht bekommt."

Doch so lange die Haltung der Mehrheit so bleibt, wird sich Jakob Vogt dafür nicht hergeben, sagt er. Dann kehrt er zurück an seinen Schreibtisch in der Bank. Und zu seinen ahnungslosen Kollegen.

*Name von der Redaktion geändert.

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