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Hochbegabte im Beruf: Geniale Nervensägen

Hochbegabte Zu schlau für den Job

Brillanz und Fachwissen allein bringen's nicht. In Unternehmen ecken Hochbegabte oft an - sie sind zu schnell, irritieren Kollegen, werden von Chefs als Rivalen wahrgenommen. Und warum? Weil hochintelligente Menschen tatsächlich anders ticken als Normalbegabte.
Von Bärbel Schwertfeger

Besonders schlimm war es für Claudio Seipel, 41, immer bei Besprechungen. "Manchmal war mir schon nach zwei Minuten klar, wie wir ein Problem am besten lösen könnten", schildert der Diplompädagoge seine Zeit bei einem Finanzdienstleister. "Aber ich musste mich zurückhalten, weil manche Kollegen sich sonst schnell übergangen gefühlt hätten." Damals habe er wirklich Aufstiegsambitionen gehabt und sei von seinem Chef immer wieder ausgebremst worden.

Erst als Seipel einen Intelligenztest machte und erfuhr, dass sein IQ signifikant über 130 liegt, konnte er sich seine Probleme besser erklären. "Hervorragende Fachkenntnisse reichen einfach nicht aus, um Karriere zu machen", sagt er. "Dazu gehört auch die Einhaltung von ungeschriebenen Spielregeln und eine geschickte Machtpolitik." Beides liege ihm eher weniger. Seipel zog die Konsequenzen und machte sich als Kommunikationsberater selbständig: "Heute ist meine Meinung gefragt, es geht nicht mehr darum, ob ich als Zahnrädchen in der Hierarchie richtig funktioniere."

Mit solchen Erfahrungen steht Claudio Seipel nicht allein. Hochbegabten fliegt Erfolg keineswegs einfach zu, im Gegenteil: Wie Seipel haben viele erhebliche Probleme im Job. Sie denken schneller und komplexer, überfordern damit ihre Gesprächspartner, und sie verstoßen - meist unbewusst - gegen interne Regeln.

Im Firmengefüge tun sich Hochbegabte oft schwer

Als hochbegabt gilt, wer in einem anerkannten Intelligenztest einen Intelligenzquotienten (IQ) von 130 und mehr erzielt. Danach sind rund zwei Prozent der Gesamtbevölkerung hochbegabt, also in Deutschland etwa 1,6 Millionen. Rein rechnerisch arbeiten damit allein bei Volkswagen mehr als 9000 Hochbegabte. Doch das ist meist weder den Unternehmen noch den Betroffenen bewusst.

"Häufig wird ihnen unterstellt, dass sie möglichst schnell - ohne Berücksichtigung der üblichen Karrierewege - nach oben wollen", erklärt Heinz-Detlef Scheer, der sich auf das Coaching von Hochbegabten spezialisiert hat. Kollegen fühlen sich dann häufig übergangen, Chefs bedroht. Der Psychologe erzählt vom Fall eines Konstrukteurs in einem kleinen Technikunternehmen: Ständig fand der 42-Jährige Fehler, die Kollegen reagierten. Es kam zu regelrechten Mobbing-Prozessen, der Chef hatte Angst, der Mitarbeiter als Rivale wolle ihn absägen.

"Der Konstrukteur war irgendwann so so weit, dass er kündigen wollte", erzählt Scheer. Erst nachdem er im Coaching von seiner Hochbegabung erfahren hatte und ihm klar wurde, warum er so aneckt, konnte er seinen Chef aufklären. "Der hat erst mal gedacht, sein Mitarbeiter spinnt, es dann aber akzeptiert", so der Psychologe. Heute arbeitet der Konstrukteur im Forschungsbereich, seine Kollegen verstehen, wie er tickt.

Ähnliche Schwierigkeiten kennt Physiotherapeutin Sabine M., 40, schon seit Beginn ihres Berufslebens: "Ich habe oft sehr schnell in bestehende Strukturen eingegriffen." Im Team und bei den älteren Kollegen sorgte sie damit für erhebliche Unruhe und wurde heftig angefeindet. "Erst im Nachhinein habe ich verstanden, dass meine Kollegen das oft persönlich nahmen, obwohl ich es einfach nur besser machen wollte", erzählt die Leiterin einer stationären Abteilung. Inzwischen hat sie ihren Weg gefunden: "Heute bespreche ich viele Veränderungen ausführlich und gebe den Betroffenen möglichst noch Bedenkzeit."

"Die steigen auf wie eine Rakete und stürzen wieder ab"

Brillantes Fachwissen kann Hochbegabten sogar zum Verhängnis werden. "Die steigen auf wie eine Rakete und stürzen oft genauso schnell wieder ab", beobachtet Heinz-Detlev Scheer. "Sie glauben, dass noch immer nur ihre Fachkenntnisse zählen, und übersehen die Bedeutung von gruppendynamischen Machtspielen." Dazu kommt: Viele Hochbegabte wollen eigentlich gar keine Führungspositionen. "Sie betrachten komplexe Aufgaben wie das Lösen eines Rätsels", so der Psychologe. "Das macht ihnen einfach Spaß, ohne dass sie damit etwas erreichen wollen."

Sind Hochbegabte tatsächlich so anders? Sind sie, das zeigte 2012 erstmals eine Studie an der Ruhr-Universität Bochum. 500 Mitglieder des deutschen Mensa-Clubs, eines Netzwerks für Hochbegabte, machten mit. Sie füllten eine Forschungsversion des "Bochumer Inventars zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung" aus, mit 14 Skalen zu Bereichen wie Berufliche Orientierung, Arbeitsverhalten, Soziale Kompetenzen und Psychische Konstitution. Das Ergebnis überraschte selbst die Wissenschaftler: Bei 13 von 14 berufsbezogenen Persönlichkeitsmerkmalen unterscheiden sich die Hochbegabten deutlich bis sehr deutlich von der Vergleichsgruppe der Normalbegabten.

"Ihre soziale Kompetenz ist deutlich schwächer ausgeprägt, sie sind weniger teamorientiert, haben eine geringe Führungsmotivation und sind emotional labiler", fasst Rüdiger Hossiep vom Bochumer Projektteam Testentwicklung die wichtigsten Erkenntnisse  zusammen. Gerade aufgrund geringerer Sozialkompetenz könnten sie Kollegen oft nicht vermitteln, wie diese von ihrer Begabung profitieren könnten, so der Psychologe. Dazu komme ihr oftmals geringes Selbstbewusstsein - "ein gelernter Prozess", so Hossiep. Grund dafür sei oft die langjährige Ablehnung, die sie als Außenseiter erfahren haben.

"Hochbegabte müssen lernen, mit ihren Defiziten umzugehen", sagt Coach Scheer. Nicht so einfach, denn viele reagierten überaus empfindlich auf Kritik. Manche suchen daher auch eine Lösung außerhalb des Jobs: Sie studieren nebenbei oder engagieren sich in Vereinen, weil ihre Arbeit sie nicht auslastet. Andere wählen den Weg in die Selbständigkeit.

So wie Daniel Kraft, 41, nach seinen zehn Jahren bei einer Bank. "Als kleines Rad war ich vor allem einer, der meinte, er wüsste alles besser" - das sei nicht immer gut angekommen. Heute ist er CEO der IT-Firma NewsGator Technologies. Wirtschaftsingenieur Kraft: "Als Vorstand werden meine Anregungen als strategische Ideen oder sogar als Vision gesehen."

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