Arbeitslose Niederländer Na schön, dann werde ich halt Chef

Unter 25, seit Jahren ohne Job: So geht es immer mehr Niederländern. Die Regierung hat einen Botschafter für Jugendarbeitslosigkeit benannt, investiert 50 Millionen Euro. Eine, die davon profitiert, ist Suzanne Jongert.

Suzanne Jongert

Von Holger Fritsche


Suzanne Jongert hat keine Zeit zu verlieren. Eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Interviewtermin schickt sie eine E-Mail: Sie sei bereits am Treffpunkt, eine Amsterdamer Lifestylemesse. Ob man sich nicht schon früher treffen könne?

Suzanne ist 23 Jahre alt, lebt in Amsterdam und ist seit kurzem selbständige Unternehmerin. Vor einem Jahr hat sie ihren Uniabschluss gemacht. Danach versuchte sie, einen passenden Job zu finden - ohne Erfolg: "Alle forderten mindestens fünf Jahre Berufserfahrung", erinnert sich die Holländerin.

So wie Jongert ergeht es derzeit vielen jungen Erwachsenen und Jugendlichen in den Niederlanden. Auch wenn das Land in Sachen Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich nach wie vor gut dasteht, so ist der Anstieg umso dramatischer: 2011 lag die Rate noch bei 7,4 Prozent, Ende 2013 hingegen bei 11,4 Prozent.

Über ein Drittel davon sind jugendliche Migranten, und auch immer mehr Uni-Absolventen haben Probleme, einen Job zu finden. Auch in den Abendnachrichten kommen immer wieder Absolventen im Alter um die 20 zu Wort, die seit Jahren vom Arbeitsamt zu Zeitarbeitsfirmen und zurück radeln, aber keine Stelle finden.

Motto: "Jung & Chef"

Die Situation ist so brisant, dass das niederländische Kabinett Anfang des Jahres eigens eine Botschafterstelle eingerichtet hat. Zudem stellen Arbeits- und Bildungsministerium 50 Millionen Euro für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit zur Verfügung.

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Generation Y: "Macht den Mund auf!"
168.000 Euro fließen direkt in das Amsterdamer Projekt "Jong & Baas", zu deutsch: "Jung & Chef". Damit unterstützt die Stadt junge, arbeitslose Amsterdamer dabei, ihr eigenes Unternehmen aufzubauen - darunter auch Suzanne Jongert. Das Prinzip: 18 Wochen lang tüfteln 185 Jungunternehmer unter Anleitung von Trainern ihre Ideen weiter aus, erarbeiten Businesspläne und bekommen Tipps in Sachen Finanzierung. Allein in Amsterdam stieg der Anteil arbeitsloser junger Menschen zwischen 15 und 25 Jahren im Vergleich zum Vorjahr von 20 auf 24 Prozent, 19.000 suchen einen Job.

"Keine Lust mehr, abhängig zu sein"

Jongert las von dem Amsterdamer Projekt, als sie Anfang des Jahres besonders frustriert war. "Ich hatte keine Lust mehr, abhängig zu sein", erinnert sie sich. Schon länger geisterte in ihrem Kopf die Idee eines eigenen Webshops herum, um Mode und Accessoires von niederländischen Designern zu verkaufen. Sie bewarb sich kurzerhand um die Förderung. "Das Projekt hat mir neben der praktischen Unterstützung vor allem dabei geholfen, mich immer wieder kritisch mit meinen eigenen Ideen auseinander zu setzen", so Jongert. Bis Weihnachten soll ihr Shop online sein.

An der Idee, Unternehmernachwuchs zu fördern, kann auch Wiemer Salverda zunächst nichts Schlechtes finden. Allerdings, so der Arbeitsmarktprofessor von der Universität Amsterdam, seien Programme wie "Jong & Baas" lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein - erreichen sie doch nur einen sehr kleinen Kreis an jungen, meist hochqualifizierten Erwachsenen. "Ein Großteil der Jugendlichen, die mit Arbeitslosigkeit kämpfen, haben von solchen Programmen rein gar nichts", so Salverdas vernichtendes Urteil.

Die verlorene Generation

Eine Folge der schlechten Arbeitsmarktsituation ist unter anderem, dass sich immer mehr junge Erwachsene im Bildungswesen "verstecken": "Bevor sie auf der Straße sitzen", so Salverda, "bleiben sie lieber an der Uni, studieren vor sich hin und arbeiten nebenbei in Teilzeitjobs, um sich ihr Leben zu finanzieren." Allein 2013 gingen laut der niederländischen Statistikbehörde CBS 55 Prozent aller 15- bis 25-Jährigen einem Teilzeitjob nach.

Jouke van Dijk, Professor für Regionale Arbeitsmarktanalyse an der Universität Groningen, warnt gar vor der Entwicklung einer neuen "verlorenen Generation". Zumal sich die Arbeitsmarktsituation gerade für alle ohne Hochschulabschluss weiter verschlechtern werde: Von den rund einer Million potentielle Stellen für Geringqualifizierte wird laut van Dijk die Hälfte in den kommenden vier bis fünf Jahren wegfallen. Zum einen wegen der fortschreitenden Technologisierung, zum anderen, weil sich die Jobs derart spezialisieren werden, dass die Firmen sie künftig mit besser ausgebildeten Fachkräften besetzen.

Auch um solche Abhängigkeiten zu verhindern, nimmt Jungunternehmerin Suzanne Jongert ihre berufliche Zukunft lieber selbst in die Hand. "Mir fehlen aktuell noch 6000 Euro zur Finanzierung meines Projekts", verrät sie. Beunruhigt ist sie davon nicht im Geringsten. Sie macht einfach.

Nach dem Interview wirft sie sich direkt ins Getümmel der Business-Messe, führt Gespräche mit den Mitarbeitern der einzelnen Firmen. Und ist an einem Stand der Lösung ihres Problems schon wieder einen Schritt näher: Das Unternehmen vergibt Mikrokredite an Kleingewerbe.

  • Holger Fritsche (Jahrgang 1980) arbeitet als freier Journalist in Amsterdam.

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Darjaan 27.10.2014
1.
Wenn jetzt alle "Chef" werden und sich mit irrgendwelchen Dingen die die Welt nicht braucht, selbständig machen, löst man das Problem der Massenarbeitslosigkeit auch nicht.
carranza 27.10.2014
2. Alle?
Zitat von DarjaanWenn jetzt alle "Chef" werden und sich mit irrgendwelchen Dingen die die Welt nicht braucht, selbständig machen, löst man das Problem der Massenarbeitslosigkeit auch nicht.
Was will man machen, wenn man sonst keine Chance bekommt, zu beweisen, dass man es drauf hat? 5 Jahre Berufserfahrung fordern potenzielle Arbeitgeber und wenn mich jetzt nicht alles täuscht, dann sind das oft auch noch die selben, die über Fachkräftemangel jammern und fordern, die Einwanderungsgesetze zu lockern, statt aus- und weiterzubilden und wenn dann nur unter der Prämisse, Vater Staat dafür tüchtig anzupumpen. Auch ich habe mich aus diesen Gründe vor fast 10 Jahren durch ein vergleichbares Programm selbständig gemacht, mir geht es gewiss nicht so toll, wie es dem Klischee vom Chef entspricht, so mancher Angestellter verdient gewiss viel mehr, aber ich bin mein eigener Herr und habe es nicht nötig, Vater Staat oder sonst wen anzupumpen.
specialsymbol 27.10.2014
3. Aktionismus
Aber Glückwunsch, da hat wieder jemand was gemacht. Und Geld dafür ausgegeben! Was kann man mehr erwarten? Eine Debatte etwa über die Zukunft der Beschäftigung? Nein, das ginge dann doch zu weit. Solange die Masse der Menschen (sprich: die Alten, die Arrivierten) noch ihr Auskommen haben muß man sie in ihrem Wohlstand doch nicht damit belästigen.
dykker 27.10.2014
4. Woran erinnert mich das bloß?
Wir schreiben das Jahr 1981, Helmut Kohl wird Kanzler und Richard von Weizsäcker Bundespräsident. Wir hatten keine Arbeit im Land und deswegen liefen im ARD und ZDF diverse Familienserien die zeigten wie toll es sich als Freiberufler lebte und selbst der von Weizsäcker verwies bei jeder Ansprache, daß Deutschland Gründer, Unternehmer bräuchte. Um es mal so zu sagen, ich bin ein sehr erfolgreicher deutscher Softwareentwickler aber es ist ganz komisch unser kommunistisches Steuerrrecht verhindert, daß meine Firma auch nur die Spur der Chance hat in einem Segment zu wachsen, das von US Konzernen dominiert wird. Hinzu kam dann, daß Ende der 90'iger dann Gesetze geschaffen wurden um die Zahl der Selbstständigen zu reduzieren weil die Campagne der 80'iger sehr erfolgreich war gab es in jeder Branche nur noch Selbstständiger und Freiberufler und es fehlte Geld in den Sozialkassen. Weniger zahlten in die Rentenkasse oder die Arbeitslosenversicherung und auch die Krankenkassen bekamen weniger denn das Jobmodel war ja Lohndumping. Der Selbstständige bekam ja nicht mehr Geld Netto in de Täsch sondern der kostete die Unternehmen weniger als Angestellte, bekam aber reichlich Kredite über die er seinen Lebensunterhalt meist zu Lasten der sozialen Absicherung finanzierte. Ohne Urlaub, Rente und jemals krank werden zu können oder zu dürfen wird man für die Kunden, früher Arbeitgeber genannt billig und der Staat kann in Form von Steuern und Abgaben diese Menschen, die keine politische Lobby haben gnadenlos abkassieren und alle dürfen sie beleidigen als Steuerhinterzieher, Betrüger und wonach der Sinn gerade steht. Jedenfalls kann ich nur davon abraten diesen Weg zu gehen. Hartz IV oder Sozialhilfe oder was auch immer es in Holland gibt ist besser und dazu noch etwas Schwarzarbeit und schon hat man ein schönes Leben. Ansonsten kann ich nur davor warnen sich auf sowas einzulassen denn es sieht verlockend aus ist aber der Ausverkauf der nachwachsenden Generationen. Ich weiß wovon ich rede, denn für Ausbildung gezahlt und gearbeitet habe ich reichlich aber heute, mit Mitte 50 stehe ich vor dem Scherbenhaufen eines Lebens, verursacht durch einen asozialen Staat und blöde Politiker, die nicht bis drei zählen können und unfähig sind zu erkennen welche Folgen so ein Umbau einer Berufswelt hat. Denn es ist doch klar, daß den Sozialkassen das Geld fehlt wenn es mehr Selbstständige gibt und es ist auch klar, daß diese Selbstständigen wenn man sie brutalstmöglich besteuert ihrerseits dann auch noch zur Belastung für die Gesellschaft werden. Also, lasst euch nicht auf diesen Blödsinn ein. Selbst wenn man euch anfänglich Geld dafür gibt. Das Allein sollte schon stutzig machen. Ich habe nie was bekommen und ehrlich, ich würde auch NICHTS nehmen. Lieber würde ich krepieren als daß ich von diesem Staat ein Almosen nähme.
Newspeak 27.10.2014
5. ...
Wie ein Mitforist bereits festgestellt hat, sind die "alten Eliten" das Problem. Raffgierig kleben sie an ihren Stühlen und sichern vor allem ihre eigenen Privilegien. Und das, von dem sie selbst profitiert haben, ein offenes, soziales System, das gönnen sie nicht ihren Nachfolgern. Stattdessen sollen diese sich jetzt alle selbständig machen und wer dann scheitert, der ist selbst schuld. Darin besteht ja gerade die Perfidie, das man den Leuten einredet, sie sind alle selbst für ihr Glück verantwortlich. Dabei wäre es am Besten, man würde mal mit dem Stahlbesen durch die ganzen Vorstands- und Führungsetagen kehren, denn dort sitzen die nutzlosen Schmarotzer, die selbst nichts mehr bringen, weil sie es sich bequem gemacht haben. Soziale Verwahrlosung am oberen Ende der Gesellschaft.
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