Fluent English Mütter in der Todeszone

Deutsche tischen englischen Gesprächspartnern gern auch blutige Details von Geburten auf. Peter Littger, Kolumnist und Vater, warnt vor Holperenglisch: Hebammen sollten nie, nie, nie von "deadlines" sprechen.

Festivalhumor (in Wacken): Is the mother well? Yes, she is. Thank you.
DPA

Festivalhumor (in Wacken): Is the mother well? Yes, she is. Thank you.


Vor einigen Wochen kam mein drittes Kind zur Welt. Seitdem befinde ich mich mittendrin in einer kulturellen Kluft, "cultural divide", obwohl wir am Ende alle die gleichen Windeln kaufen. Wenn ich allein die ersten Reaktionen vergleiche! Auf der englischen Seite beantworte ich gern Fragen wie:

Boy or girl? Boy
Have you chosen the name? Yes: Frederick
What weight? 4200 g oder 9.25 lb. - das bedeutet Pfund
Is the mother well? Yes, she is. Thank you.

Auf der deutschen Seite zeigen Freunde oder Kollegen auffälliges Interesse für die blutigen und schmerzhaften Einzelheiten - they all show great interest in the bloody and painful details, ob in Hamburg, Hauptstadt der Zurückhaltung, oder in Köln, Hochburg der Jovialität:

Hat's lange gedauert?
Hat's wehgetan?
War'n Kaiserschnitt nötig?

Viele wollen auch wissen, ob ich die Nabelschnur durchgeschnitten habe. Solche Fragen wären in England und den USA undenkbar - unthinkable! Und eine furchtbar nette Sekretärin erkundigt sich zwischen Tür und Angel:

"Na, und wollen Sie jetzt noch mal?"

Mein lieber Herr Fruchtbarkeitsverein! Muss ich mit Menschen, mit denen ich weder Bad noch Bett teile, meine Familienplanung teilen?

Ich erkläre mir diese Neugier mit der deutschen Sehnsucht nach "Detailtiefe". Wir kennen sie aus der Industrie wie aus den Universitäten, gewissermaßen ein Mix aus Ferdinand Piëchs "Spaltmaß" und Niklas Luhmanns Systemtheorie. Für diese Genauigkeit sind wir berühmt und berüchtigt - we are famed and infamous for our particular German meticulousness. Und da in der Geburt eines Menschen Produktion und Philosophie auf magische Weise zusammenfinden, bietet sie uns einen guten Anlass, mehr als nur das Nötige zu palavern.

TMI! Too much information

Mein englischer Kollege Patrick ist verblüfft, wie bereitwillig wir Deutsche über intime Einzelheiten sprechen - there is a much greater disposition amongst Germans towards sharing juicy details. Inzwischen habe ich mehr über Dammschnitte, Geburtsstellungen und -depressionen fremder Frauen erfahren, als ich je zu fragen wagte (und wissen wollte). Offenbar fehlt uns Deutschen das in englischsprachigen Köpfen standardmäßig eingebaute Alarmsignal: "TMI! Too much information".

Unerträglich wird es bei Übersetzung in holpriges Englisch. Neulich hörte ich einen Mann in der Bahn sagen: "You know, my wife had a dam cut or how do you say that?" Im Englischen erfordert es oft ein Latein- oder Griechischstudium, um über menschliche Leiden sprechen zu können. Sorry, Mister birth reporter: Dammschnitt is called episiotomy. Auch darf man das deutsche "Wochenbett" nicht einfach mit "week bed" übersetzen. Man sagt "confinement". Das ist ebenfalls lateinisch und bedeutet zutreffend "Gefängnis". Es klingt bloß besser.

Wenn wir unsere Muttersprache zu wörtlich nehmen, entstehen idiomatische Missbildungen - we tend to bring on miscarriages in language terms. So ist etwa der Mutterkuchen kein "mother cake", sondern das, was bei uns nur Ärzte in ihrem Fachchinesisch sagen: "placenta". Kleiner Test: Wissen Sie, was "Sturzgeburt" im Englischen ist?

Crash birth? Nein.
Bungee birth? Auch nicht.
Man sagt "precipitate labour". So viel Zeit muss sein!

Aber wieso Labour? Weil im Englischen von Arbeit die Rede ist, wenn die Wehen einsetzen. Ich kenne deutsche Väter, die Kumpels beim Bierchen von den Eröffnungswehen, Senk-, Press- und Nachgeburtswehen ihrer Frauen berichten, als wären es die erste und zweite Halbzeit, die Nachspielzeit und das Elfmeterschießen.

Gordon, ein amerikanischer Arzt aus Boston, erzählte mir von der deutschen Hebamme Gabi, die immerzu von "mother pain" sprach. Oder auch: "The waves are coming." Das klingt schön psychedelisch, ergibt aber im Englischen keinen Sinn. Man spricht übrigens auch nicht von "woes", wie die Wehen direkt übersetzt hießen.

"Your baby is behind the deadline"

Vielmehr laboriert die Frau, die ein Kind auf die englischsprachige Welt bringt. Früher formulierte man das hochgestochen französisch: "The mother is in travail." Das ist selbst am englischen Hof nicht mehr en vogue. Ob Hochadel oder Proletariat, man sagt heute: "She is going into labour" - sie ist auf dem Weg zur Arbeit. Amerikaner schreiben die Plackerei übrigens noch wie die alten Römer: "labor".

Nichts zu tun hat das mit der Arbeit in einer Fabrik, der Arbeiterbewegung oder gar mit der britischen Arbeiterpartei Labour. Labour Day ist auch nicht der "Tag des Gebärens", sondern der Tag der Arbeit. Patrick räumt ein, dass "labour" selbst Engländer manchmal verwirrt: Während "heavy labour" eine schwere Geburt ist, darf "hard labour" nicht einmal im Kreißsaal vorkommen - es ist eine Zwangs- oder Strafarbeit.

Apropos Kreißsaal: Ihn als "circle room" zu bezeichnen, ist Humbug, mit der Form eines Kreises hat er nullkommanull zu tun. Vielmehr ist das Wort abgeleitet von der Haupttätigkeit der Hauptinsassin: Sie kreischt. Wer aber an der Pforte eines amerikanischen oder britischen Krankenhauses nach dem "scream room" oder der "cry hall" fragt, käme kaum ans Ziel - I bet you would only be going round in circles. Es ist der "labour room".

Gabi, die deutsche Hebamme in Boston, nannte den Entbindungstermin immerfort "deadline"; richtig wäre "due" oder "delivery day". Als sie einer schwangeren Frau erklärte, das Kind komme nach dem Stichtag, brach die Mutter in Tränen aus - the mother-to-be got the shock of her life when Gabi repeatedly told her: "Your baby is behind the deadline." Mütter werden schnell panisch, wenn in ihren Ohren gleichzeitig die Worte "baby" und "dead" ankommen.

Zum Glück hat sich Gabi nicht noch als "lift nurse" vorgestellt. Für deutsche Frauen, die zur Eifersucht neigen, kann aber auch die Berufszeichnung der Hebammen verstörend sein: "mid wife". In einer Sprache, in der "adultery" Ehebruch bedeutet, kommt man als Fremde nicht so leicht darauf, dass "midwifery" die Geburtshilfe sein soll. Dabei sollten gerade wir Germanen den Ursprung verstehen: Es ist das "Mit-Weib", eine Frau, die während der Geburt bei der Mutter ist - also keine Nebenfrau für den Mann!

  • KarriereSPIEGEL-Autor Peter Littger sammelt in seiner "Fluent English"-Kolumne die schönsten Englisch-Patzer und Beispiele für sprachliche Kreativität. Ihn beschäftigt seit der Schulzeit, wie wir Deutschen im Ausland ankommen und mit fremden Sprachen und Sitten umgehen. Er ist Co-Herausgeber der soeben in englischer Sprache erschienenen Essaysammlung "Common Destiny vs. Marriage of Convenience. What do Britons and Germans want from Europe?"

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Seite 1
abby_thur 17.06.2014
1. Fluent English: Mütter in der Todeszone
Zitat von sysopDPADeutsche tischen englischen Gesprächspartnern gern auch blutige Details von Geburten auf. Peter Littger, Kolumnist und Vater, warnt vor Holperenglisch: Hebammen sollten nie, nie, nie von "deadlines" sprechen. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/holpriges-englisch-denglisch-vokabular-rund-um-geburt-sprachkolumne-a-975507.html
Das Titelbild finde ich ja mal Klasse :-)
5b- 17.06.2014
2.
Also interessanter wäre wie und warum sich britisches und amerikanisches Englisch unterscheiden. Im Grunde ist dieser Artikel nur eine Ansammlung von Wort-zu-Wort Übersetzungen vom Deutschen ins Englische. Das kommt daher dass beide Sprachen eng verwand sind und erstaunlich viele Worte und auch Idiome direkt übersetzt werden können. Alle falschen Übersetzungen sind eigentlich nur Lücken im Englischvokabular. Ich persönlich finde es ab und zu ganz witzig zu hören wie mach ein Deutscher im Englischen Neologismen erschafft. Ich denke aber nicht dass das für Leute die kein gutes Englisch haben lustig ist. Der Artikel ist leider nicht pädagogisch. Warum sollte man erwähnen, dass es im amerikanischen Englisch "labor" und im britischen "labour" geschrieben wird, wenn man nicht darauf eingeht? Ich glaube nicht dass man in den USA (oder VSA?) "labor" schreibt weil das dem Lateinischen ähnlich ist.
Steuerzahler0815 17.06.2014
3.
Ich hoffe das man der Mutter vom Titelbild das Kind nach der Geburt wegnimmt Unverantwortlich und falsch Man könnte ja mal ein Jahr auf Wacken verzichten aber nein die Selbstverwirklichung ist wichtiger als die Sicherheit des Kindes, selbst wenn die eigene Einschränkung nur sehr gering ist
herr minister 17.06.2014
4. Oberlehrer Outing
So einen blasierten Angeberartikel habe ich ja lange nicht gelesen. Was sagt er uns? 1. Der Autor spricht ein super-duper Englisch von dem wir alle nur träumen können. 2. Er möchte das allen ganz bescheiden mitteilen. 3. Ausserdem kennt er massenhaft englische und amerikanische verklemmte Spiesser und wundert sich nicht einmal darüber. Mit dem Artikel hat er nur sich selbst entlarvt, nicht etwa die mangelhaften Sprachfähigkeiten der Deutschen. Vielleicht schreibt er im nächsten Artikel einmal darüber, wie viele Engländer und Amerikaner überhaupt auch nur ein paar Worte in einer Fremdsprache kennen. sänk yu for nassing.
peitzman 17.06.2014
5. @Steuerzahler0815
Nanana, mal ein bißchen in Zurückhaltung üben. Wie korrelieren Sie denn die Sicherheit des Kindes mit einem Aufenthalt in Wacken? Da ist die Teilnahme am Straßenverkehr mit Sicherheit deutlich gefährlicher. Aber Sie hören wahrscheinlich nur Andrea Berg...
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