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Debatte um Home-Office Ode ans Büro

Home-Office war gestern: Die Yahoo-Chefin beordert ihre Mitarbeiter dorthin zurück, wo Arbeit hingehört, und die Welt schreit auf. Warum eigentlich? Büros fördern Kreativität, verhindern Faulheit wie Selbstausbeutung und sorgen für ein besseres Privatleben.
Großraumbüro: E-Mails und Skype können keine Kollegen ersetzen

Großraumbüro: E-Mails und Skype können keine Kollegen ersetzen

Foto: Corbis

Vieles ist uncool zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Arschgeweihe, Opel, Rainer Brüderle. Aber zu den altbackensten Überbleibseln der Moderne zählt zumindest für die Generation @ (wahlweise auch Praktikum oder #aufschrei) zweifellos die Existenz des Büros samt seiner Begleitumstände: Anwesenheitspflicht, feste Arbeitszeiten, womöglich noch Hydrokultur, Diddl-Maus-beklebte Kaffeekasse und Stechuhr aus dem Pleistozän der Dienstleistungsgesellschaft.

Büro? Ein dreidimensionales Gruselklischee, wie es in der Angestellten-Comedy "Stromberg" beschrieben wurde: als Ort von Größenwahn, Kleingeist und Kontrolle, von unkreativem Stumpfsinn, Psychoterror, Hierarchie-Gehacke und natürlich sexuellen Übergriffen unfähiger Chefs.

Umso überraschender, dass nun ausgerechnet einer der größten US-Internet-Konzerne wieder weg will von der Heilslehre der Heimarbeit, die ja längst viel schicker heißt: Home-Office. Unter Marissa Mayer soll bei Yahoo ab Juni wieder überwiegend in der Firma gearbeitet werden. Von den Diskussionen in Fluren und Kantine verspricht sie sich weit mehr Effizienz als von der Arbeit zu Hause, die oft "zu Lasten von Schnelligkeit und Qualität" gehe, wie Mayers Personalchefin rundmailte.

Der Aufschrei war so gewaltig wie reflexhaft eindimensional: Mayer wird vorgeworfen, dass ihre neuen Regeln vor allem berufstätige Mütter träfen. Am Ende sei der Bürozwang also vor allem frauenfeindlich.

Isoliert zwischen Waschmaschine und Windeleimer

Mayer ist - man darf kurz daran erinnern - Frau, Mutter, berufstätig. Natürlich kann sie sich als Top-Verdienerin sogar einen eigenen Kindergarten leisten. Aber ihr neues Arbeitsplatz-Credo hat gar nichts mit der Frauenfrage zu tun. Wer übrigens von Frauen in Führungspositionen immer noch erwartet, dass sie Frauenpolitik machen, hängt schon sehr kitschiger Sozialromantik an. Mayer argumentiert indes auch weder antifeministisch noch männlich, sondern schlicht ökonomisch rational.

Yahoo geht es schlecht. Sehr schlecht. Dem Konzern fehlt es intern an Identität, extern an einer Strategie, mit der sich gegen Google und Co. noch ankämpfen ließe. Also muss die Chefin erst mal wieder an die Mannschaft appellieren. Ihre hat sich als Team offenkundig aus den Augen verloren.

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Homeoffice - so funktioniert's: Zehn Regeln für Arbeitnehmer

Foto: Corbis

Die Kreativität einer Bürogemeinschaft kann indes deutlich größer sein als die bloße Summe der Ideen seiner Einzelkämpfer, erst recht wenn die isoliert voneinander zu Hause zwischen Waschmaschine und Windeleimer arbeiten - Skype hin, E-Mails her. Natürlich will Frau Mayer auch Kontrolle. Warum auch nicht? Wenn man mal von einer winzigen Fraktion echter Genies absieht, die in ihrer sehr eigenen Mischung aus Intellekt und Autismus wirklich ungestört vom Büroklatsch etwa die kalte Fusion oder wenigstens das nächste Facebook erfinden sollen, belohnt die Home-Office-Ideologie nicht selten die Faulen und bestraft die Fleißigen. Die Faulen nutzen die Großzügigkeit ihres Arbeitgebers aus, die Fleißigen sich selbst.

Wahre Freiheit ist die Trennung zwischen Job und Freizeit

Home-Office ist eine Schimäre. Sie gaukelte uns Selbständigkeit vor und Unabhängigkeit, verschärfte dabei aber Isolation, Druck und Selbstausbeutung in einem Maß, das besorgniserregend geworden ist. Zugunsten der Arbeitgeber haben sich die Grenzen zwischen Job und Privatleben komplett aufgelöst. Wir sind permanent auf Empfang. Und dabei gaukeln wir uns auch noch vor, diese Art einer durchökonomisierten Ich-Gesellschaft sei ein Indiz für Modernität oder gar Freiheit.

Die wahre Freiheit könnte dort beginnen, wo Frau Mayer ihr angeblich gerade ein Ende setzt: in einer wieder klaren Trennung von Job und Freizeit. Dahin will die Yahoo-Chefin zwar womöglich gar nicht. Es könnte durchaus sein, dass sie nur eine noch enger verzahnte Arbeits- und Lebenswelt favorisiert mit Yahoo-Schule, Yahoo-Golfclub und Yahoo-Kino. Dann macht sie eben einen richtigen Schritt aus einem falschen Grund. Na und?

Foto: DER SPIEGEL

Thomas Tuma ist Ressortleiter Wirtschaft beim SPIEGEL.

Jedenfalls müsste wieder dort gearbeitet werden, wo die Arbeit hingehört: im Büro, das übrigens kein Familienersatz sein soll, aber dennoch Identität stiftet. Dazu gehört die beruhigende Sicherheit von Strukturen und Ritualen ebenso wie der Austausch, das Lachen, auch der Streit mit den Kollegen. Die Konkurrenz. Das Wetteifern. Das Gewinnen und Verlieren Auge in Auge. Und wenn man fertig ist, macht man die Tür zu und fährt nach Hause und hat Feierabend. So visionär könnte Piefigkeit sein.