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Rechtsanspruch auf Homeoffice Ab ins Heim?

Er gibt nicht auf: Zum zweiten Mal in diesem Jahr versucht Arbeitsminister Hubertus Heil, das Thema Rechtsanspruch auf Heimarbeit auf die Agenda zu heben. Ist das zeitgemäß - oder Unsinn?
Arbeit im Homeoffice

Arbeit im Homeoffice

Foto: Daniel Naupold/ picture alliance / dpa

Seit 18 Jahren sitze ich an meinem aktuellen Arbeitsplatz, schreibe, recherchiere, telefoniere, lese, korrigiere und konzipiere - was man halt so macht als Journalist.

Jeden Tag geht das so, in höchst regelmäßiger Anwesenheit, Urlaubs- und Krankentage ausgenommen. Keine Naturkatastrophe kann mich davon abhalten, am Arbeitsplatz zu erscheinen: Ich bin "Telearbeiter", wie man früher sagte, ich arbeite im "Homeoffice". So gut wie immer.

Ich darf das, weil ich es kann: In digitalen Zeiten ist es mehr oder minder nebensächlich, wo ich als Journalist meine Texte schreibe. Hauptsache, ich kann mich über eine schnelle Anbindung virtuell ins Netz meines Verlages einklinken und dort meine Arbeit produzieren. Meine Hamburger Telefonnummer folgt mir, wohin auch immer es mich weht. Meine Gesprächspartner nehmen gar nicht wahr, wo das Büro liegt, in dem sie mich erreichen. Dass beim Rückruf eine Handynummer zum Einsatz kommt, wird 2019 wohl auch niemanden mehr irritieren.

Das sind ideale Bedingungen für die Arbeit im Homeoffice. Und offenbar beschreibt man so den Traumjob vieler Deutscher: Das belegt der zweiteilige, in der vergangenen Woche veröffentlichte Bericht des von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) initiierten Zukunftsdialoges "Neue Arbeit. Neue Sicherheit".  Er führt Erkenntnisse zusammen, die sich aus Dialogen von Heil und Experten des Arbeitsministeriums mit Bürgern und Branchenvertretern ergaben.

Sehnsuchtsort: der heimische Schreibtisch

Zwölf Prozent der Arbeitnehmer (Zahl des Arbeitsministeriums: es gibt andere Schätzungen, die von bis zu 40 Prozent ausgehen) sind demnach bereits Heimarbeiter, zumindest ab und zu. Viele andere sehnen sich danach: Rund ein Drittel aller Arbeitnehmer, denen das Homeoffice bisher verwehrt ist, wollen dem Bericht zufolge zu Hause arbeiten, statt ins Büro zu gehen.

Im zweiten Teil des Berichtes übersetzt das Arbeitsministerium diese Wünsche in politische Handlungsziele. Die zu stark ausgeprägte "Anwesenheitskultur am Arbeitsplatz" soll mit einem "Rechtsanspruch auf mobile Arbeit" gekontert werden. Heil will dem Wunsch der Arbeitnehmer also nachkommen - und ein Gesetz daraus machen.

Das ist nicht neu, aber hartnäckig

Das Thema ist ein Wiedergänger, SPD und CDU streiten darüber seit Jahren. Zuletzt war es im Januar Staatssekretär Björn Böhning (SPD), enger Vertrauter des Arbeitsministers, der das Thema als Forderung in die öffentliche Diskussion brachte.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) brauchte bis Anfang März, um darauf eine abschlägige Antwort zu finden: Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie müsse man zwar etwas tun, ließ er wissen. Aber dafür brauche es mehr Flexibilität und nicht mehr starre gesetzliche Regelungen. Er machte damit klar: Ein Homeoffice-Gesetz ist in der Regierungskoalition weiterhin nicht durchsetzbar.

Hubertus Heil versucht es nun trotzdem noch einmal, verpackt in ein ganzes Bündel diskussionswürdiger Vorschläge  zur Gestaltung der künftigen Arbeitswelt. Anders als im Januar wird der Rechtsanspruch aufs Homeoffice nun präventiv weich verpackt: Arbeitgeber könnten den "z. B. aus betrieblichen Gründen ablehnen", heißt es aus dem Arbeitsministerium.

Das erinnert an einen Sketch im Monty-Python-Film "Das Leben des Brian". Die Widerstandsgruppe Volksfront von Judäa beschließt da bindend für alle Genossinnen und Genossen ein grundsätzliches Recht auf Schwangerschaft und Geburt, unabhängig vom Geschlecht - also egal, ob biologisch möglich oder nicht.

Auch die Arbeit im Homeoffice kollidiert mitunter mit den Realitäten. Ein Bäcker wird den Ofen nicht mit nach Hause nehmen können, eine Chirurgin, die auf dem heimischen Küchentisch operiert, muss zurecht eine Haftstrafe befürchten. Es ist also logisch und nachvollziehbar, dass ein Rechtsanspruch auf mobile Arbeit aus betrieblichen Gründen ablehnbar sein muss.

Nur: Was bringt dieser Rechtsanspruch dann noch?

Prinzipiell ist die Arbeit im Homeoffice ja längst gelebte Realität - zumindest für einen Teil der Arbeitnehmerschaft.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD): Fordert Recht auf Homeoffice

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD): Fordert Recht auf Homeoffice

Foto: Annette Riedl/ dpa

Aber braucht man einen Rechtsanspruch, der in der Praxis nicht durchsetzbar ist, um die Bereitschaft zur Heimarbeit zu erhöhen?

Wo eine Erhöhung der Produktivität mit größerer Zufriedenheit auf Arbeitnehmerseite einhergeht, sollte Heimarbeit schon im Betriebsinteresse liegen: Das zu erkennen, ist ein Lern- und Organisationsprozess. Aber ob das Homeoffice für den einzelnen Angestellten sinnvoll ist, bleibt selbst dann Abwägungssache.

Eine Checkliste:

Was spricht für das Homeoffice?

Für die Heimarbeit gibt es gute Argumente aus Arbeitnehmer- wie Arbeitgebersicht.

  • Homeoffice ist familienfreundlich. Prinzipiell sind Sie erreichbar, wenn Sie gebraucht werden.

  • Sie gewinnen Zeit, weil Pendelwege entfallen, was auch der Umwelt zugutekommt.

  • Nicht nur das spart Kosten ein: Sie nehmen an normalen Mahlzeiten mit der Familie teil, statt in der Kantine oder "draußen" zu essen.

  • Sie können (oft in Grenzen) den Arbeitstakt an Ihre eigenen Bedürfnisse/Neigungen anpassen.

  • Sie können den Lebensmittelpunkt an einen Ort legen, an dem Sie gern sind oder preiswerter leben (statt den Wohn- nach dem Arbeitsort zu wählen).

  • Aus Arbeitgebersicht: Sie sparen Kosten, weil sie keinen regulären Arbeitsplatz zur Verfügung stellen müssen. Und im Idealfall steigt die Produktivität Ihrer Angestellten - und deren Zufriedenheit.

Was spricht gegen das Homeoffice?

Das bedeutet aber nicht, dass das Homeoffice für jede Form der Arbeit geeignet wäre - oder für jeden Arbeitnehmer. Heimarbeit hat ihre Risiken und Nebenwirkungen:

  • Viele Arbeitgeber fürchten Kontrollverlust, sowohl über die geleistete Arbeit, als auch über die investierte Zeit.

  • Arbeitnehmer nehmen das wahr und übererfüllen ihr Pensum gern und häufig.

  • Die Dokumentation von Arbeitszeiten ist problematisch, der Nachweis von Mehrarbeit wird zur Glaubens- und Vertrauensfrage.

  • Die vermeintliche Freiheit des Homeoffice wird so häufig durch Selbstausbeutung erkauft. Zahlreiche Studien belegen, dass Heimarbeiter zu viel und zu lang arbeiten.

  • Eine der neuesten Studien kommt von der AOK (die übrigens von 40 Prozent Heimarbeitern in Deutschland ausgeht). Sie dokumentiert, dass die psychische Belastung von Heimarbeitern höher ist als bei regulärer Arbeit im Betrieb. Statt zufriedener würden manche Arbeitnehmer dadurch sogar unglücklicher. Das liege auch daran, dass man bei permanenter "mobiler Arbeit" das Privatleben schlechter von der Arbeit trennen könne.

  • Die Trennung aber muss gewährleistet sein: Heimarbeit verlangt viel mehr Selbstdisziplin als reguläre Bürostunden.

Dazu kommen weiche, empirisch schwer fassbare Faktoren. Beförderungen, Lohnerhöhungen und Ähnliches gehen an Heimarbeitern oft vorbei. Arbeitnehmerrechte wie der Anspruch auf Weiterbildung werden selten wahrgenommen. Vor allem aber ist es bei permanenter Heimarbeit enorm schwer, kommunikativ nicht aus dem Unternehmen zu fallen: Angestellte im Homeoffice bekommen vieles nicht mit, vertiefen Beziehungen nicht, verlieren an Sichtbarkeit.

Zu Unzeiten, wenn der Rest der Belegschaft den Betrieb längst geräumt hat, sind sie dagegen schnell wieder auf dem Radar - vielen Arbeitgebern gilt der Heimarbeiter als "allzeit bereit". Das kritisierte bei der Vorstellung des Berichtes aus Heils Arbeitsministerium auch Die Linke, die offenbar ihr Herz für Heimarbeiter wie mich entdeckt hat und auch damit punkten will: Wenn man ein Recht auf Homeoffice definiere, dann nur im Verbund mit einem "Recht auf Nicht-Erreichbarkeit" durch den Chef.

Etwa so, wie das längst im Arbeitszeitgesetz geregelt ist?