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Job & Karriere

Homeoffice, Arbeitszeit, Chancengleichheit Die Problemzonen der neuen Arbeitswelt

Fast zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland sind mit der Führungskultur in ihrem Unternehmen unzufrieden, das zeigt eine repräsentative Umfrage. Schwacher Trost: Den Chefs geht es ähnlich.
Domino-Effekt: Wenn einer umfällt, fallen auch alle anderen.

Domino-Effekt: Wenn einer umfällt, fallen auch alle anderen.

Foto: Rivdan Celik / iStockphoto / Getty

Klassische Arbeitsmodelle werden immer häufiger infrage gestellt – aber auf dem Weg zu neuen Strukturen hakt es vielerorts. Wo die Knackpunkte liegen und was Arbeitnehmern heute wichtig ist, zeigt eine repräsentative Studie der »Initiative Chefsache«, für die im Februar 2022 knapp 1690 Berufstätige befragt wurden.

Zur Methode

Für die Umfrage wurden im Februar 2022 1688 Berufstätige befragt, die mindestens 10 Stunden pro Woche arbeiten oder in Elternzeit sind. Dabei wurden zu gleichen Teilen Führungskräfte, angehende Führungskräfte und Erwerbstätige ohne Führungsverantwortung befragt; Frauen und Männer waren zu gleichen Teilen vertreten. Die Umfrage wurde vom Netzwerk Initiative Chefsache beauftragt, in dem sich 26 Unternehmen und andere Organisationen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Medien sowie dem öffentlichen und sozialen Sektor zusammengeschlossen haben, um sich für mehr Chancen- und Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen.

Führung: Selbst Chefs sind karrieremüde

Zwei Drittel der Beschäftigten spricht die klassische Karriere nicht mehr an: Nur ein knappes Viertel der Frauen und ein Drittel der Männer wollen demnächst mehr Verantwortung übernehmen. Mehr als die Hälfte der Befragten gibt zu viel Stress als Hauptgrund dafür an.

Etwas mehr als die Hälfte der Befragten glaubt, dass beruflicher Erfolg auch ohne Führungsverantwortung möglich sei; allerdings hat mehr als die Hälfte auch das Gefühl, beim Streben nach Erfolg eigene Werte hintanstellen zu müssen. Nur ein Fünftel der Befragten glaubt, dass zum beruflichen Erfolg zwingend Führungsverantwortung gehöre – aber 61 Prozent denken, dass man für den Erfolg die richtigen Leute kennen müsse, und ähnlich viele, dass man schon mit 40 Jahren die wesentlichen Schritte gemacht haben müsse.

Nur 37 Prozent der Beschäftigten sind mit der Führungskultur in ihrem Unternehmen zufrieden. Bei den Chefs sieht es nicht besser aus: 46 Prozent der befragten Führungskräfte stimmen der Aussage grundsätzlich zu, sie würden gerne anders führen, es sei aber aufgrund der gegebenen Rahmenbedingungen nicht möglich.

Nur ein knappes Drittel der Führungskräfte will noch mehr Verantwortung, bei den Frauen ist es sogar nur ein knappes Viertel. Jeder zehnte Chef hätte lieber eine Position mit weniger Verantwortung. Fachliche Kompetenz finden alle am wichtigsten für eine Führungskraft, allerdings gehen die Meinungen von Frauen und Männern auseinander: Als zweitwichtigste Eigenschaft nennen Frauen Empathie, Männer halten Entscheidungsstärke für wichtiger.

Homeoffice: Produktiv oder nicht?

Wer wann von wo aus arbeiten soll, darf oder muss, ist derzeit in vielen Firmen ein heiß diskutiertes Thema. Viele im Büro Tätige sträuben sich, nach der Pandemie wieder in alten Strukturen zu arbeiten. Vor allem junge Beschäftigte wollen flexibel bleiben: 60 Prozent der unter 40-Jährigen möchten in Zukunft mindestens einige Tage von zu Hause arbeiten. Knapp 80 Prozent aller Befragten gaben an, sie könnten im Homeoffice Berufs- und Privatleben besser vereinbaren. Das hat allerdings seinen Preis – fast die Hälfte hält es für schwierig, beides voneinander abzugrenzen. Insgesamt wollen laut der Umfrage 65 Prozent der Erwerbstätigen nicht mehr überwiegend im Büro arbeiten.

Wie produktiv die Arbeit von zu Hause ist, darüber gehen die Meinungen von Vorgesetzten und Mitarbeitern auseinander. 84 Prozent der Erwerbstätigen fanden sich mindestens genauso produktiv wie im Büro, gut die Hälfte aller Befragten meinte sogar, im Homeoffice mehr zu leisten. Dem gegenüber bezweifelt aber rund ein Viertel der Führungskräfte diese Angaben. Bei sich selbst allerdings weniger: Ein Drittel der Führungskräfte glaubt, dass die Mitarbeitenden im Homeoffice einen deutlicheren Produktivitätsabfall haben als sie selbst.

Und auch am »Karrierekiller Homeoffice« ist was dran: 39 Prozent der Führungskräfte meinen, Präsenz am Arbeitsort sei wichtig für den beruflichen Erfolg. Vielleicht arbeitet deshalb die Mehrheit der über 40-Jährigen unabhängig vom Familienstand doch lieber im Büro.

Arbeitszeit: Fast alle wollen weniger arbeiten – oder woanders

Fast ein Drittel plant, in Zukunft ein Sabbatical einzulegen, und ebenfalls ein Drittel würde gern mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Die Hälfte gibt an, lieber mindestens fünf Stunden weniger arbeiten zu wollen. Das ist allerdings für viele schwierig: 41 Prozent der Befragten glauben, dass man deutlich mehr als 40 Stunden arbeiten müsse, um Karriere zu machen.

Gleichzeitig würden 85 Prozent der Befragten ihre Arbeitszeit gern flexibel einteilen können – das ist, nach dem Gehalt, das zweitwichtigste Kriterium bei der Wahl des Arbeitgebers. Mehr als die Hälfte der Befragten will weniger arbeiten, 57 Prozent der Männer und 71 Prozent der Frauen sind der Überzeugung, dass sie mit einer Viertagewoche produktiver wären.

Aber Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander: 58 Prozent der Männer und 44 Prozent der Frauen würden für die Karriere auch mehr als 40 Stunden arbeiten, ein Drittel der Männer (und 18 Prozent der Frauen) sogar mehr als 60 Stunden. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Männer mehr als doppelt so häufig »Prestige« als Jobkriterium nennen.

Allgemein herrscht eine gewisse Aufbruchstimmung: 40 Prozent der Befragten wollen sich beruflich verändern, bei den angehenden Führungskräften sogar die Hälfte. Die Frauen sind dabei vorn: 58 der weiblichen Nachwuchsführungskräfte können sich einen Wechsel vorstellen oder haben ihn sogar schon geplant. Bei den Männern sind es 44 Prozent.

Gleichstellung: Noch lange nicht erreicht

Nur rund ein Fünftel aller Befragten glaubt, dass Männer und Frauen die gleichen Karrierechancen haben (bei den Frauen glauben das sogar nur 11 Prozent, bei den Männern mit 26 Prozent deutlich mehr). Bei Eltern ist der Wert noch niedriger. Dabei wünschen sich zwei Drittel, dass beide sich gleichberechtigt beruflich verwirklichen können.

Julia Sperling-Magro, McKinsey-Partnerin und Koordinatorin der Initiative Chefsache, sieht das Hauptverdienermodell unter Druck: »Wir brauchen einen disruptiven Wandel des Karrierebegriffs, sonst gehen Deutschland alsbald die Führungskräfte aus. Von der Pauschalkarriere hin zu persönlich geprägten Werdegängen, aber all-inclusive", sagt sie. »Solche beruflichen Werdegänge leben von Eigenverantwortung im Kontext der individuellen Lebensumstände. Und davon profitieren nicht nur Frauen, sondern alle.«

Wunsch und Wirklichkeit liegen aber weit auseinander. Konkret nach der optimalen Aufteilung der Arbeitszeiten gefragt, wollen 60 Prozent der Familienväter Vollzeit arbeiten – und nur ein knappes Drittel wünscht sich, dass auch ihre Frauen das tun. Bei den Müttern ergibt sich ein ähnliches Stimmungsbild: Nur ein Drittel will selbst Vollzeit arbeiten, die Hälfte wünscht sich, dass der Mann Vollzeit arbeitet. Von den Familienvätern wollen das auch rund 60 Prozent – bei den unter 30-Jährigen allerdings nur 52 Prozent.

Wenn in der Familie Notfälle auftreten, sind es immer noch die Frauen, die sich kümmern – fast zwei Drittel sagen das. Bei den weiblichen Führungskräften ist es die Hälfte.

mh