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Debatte über mobiles Arbeiten »Homeoffice? Für die ganze Familie der blanke Horror«

Warum arbeiten in der Pandemie nicht mehr Menschen im Homeoffice? In einem Gastbeitrag schrieb Katharina Borchert: »Die Chefs wollen oft nicht.« Stimmt das wirklich? Was unsere Leserinnen und Leser erleben.
Foto: Maria Pavlova / E+ / Getty Images

Homeoffice wäre in Deutschland viel häufiger möglich, und es wäre dringend nötig, um die Corona-Fallzahlen zu senken – aber viele Chefs wollen einfach nicht. Das schrieb Katharina Borchert in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL. Dabei würden oft absurde Gründe ins Feld geführt, etwa Arbeitsschutzvorschriften, für die sich manche Führungskraft sonst kaum interessiere. Bei diesen Exemplaren von Vorgesetzten spiele oft eher der Wunsch nach Kontrolle eine Rolle oder ein Verständnis von Leistung, das irgendwie merkwürdig an die Anwesenheit in der Firma gekoppelt sei.

Auf den Artikel gab es ungewöhnlich viele Reaktionen, positive wie negative. Viele Leser und Forumsteilnehmer teilten ihre eigenen Erfahrungen oder fanden es wichtig, Aspekte zu ergänzen. Hier eine Auswahl der Leserpost.

Kann nicht = Will nicht

Ich musste bei Ihrem Beitrag mehrfach an meinen Lieblingstrainerspruch denken: »Kann ich nicht wohnt in der Will-ich-nicht-Straße« und genau so kommt es mir (nicht nur in Bezug auf Homeoffice) im Moment oft vor. Es ginge so viel mehr.

Alex Baum

Nicht nur privates Verhalten einschränken

Danke für diesen realistischen und zugleich erschreckenden Artikel, der auch meine Realität widerspiegelt. Die Mitverantwortung der Unternehmen zur Bekämpfung der Ansteckungszahlen wurde viel zu spät thematisiert. Es kann nicht sein und ist auch nicht ausreichend, wenn nur das private Verhalten eingeschränkt wird.

Thomas Wacker

Daseinsberechtigung von Managern

Viele Unternehmen schicken Leute nicht ins Homeoffice, weil damit die Manager als Kontrollinstanzen um ihre Daseinsberechtigung fürchten müssten. Es ist an der Zeit, Management neu zu denken – das bedingt aber auch leider, dass nicht wandlungsfähige Manager mit altem Gedankengut abdanken und Management insgesamt reduziert wird. Wir postulieren Selbstorganisation, installieren aber leider noch immer identisch viele Managerpositionen – auch um Chancen für Entwicklungen zu ermöglichen, anstatt Karriere neu zu denken. Ein weiterer Irrglaube: Man kann einer sich stark verändernden Umgebung nur bedingt mit vorausschauender Organisation begegnen. »Planung heißt, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen« – das trifft leider viel zu oft zu.

Tobias im SPIEGEL-Forum

Fürsorgepflicht der Arbeitgeber

Ich arbeite seit Mitte März 2020 im Homeoffice. Unsere Firma (amerikanisch) hat umgehend alle Mitarbeiter, die von zu Hause arbeiten können, ins Homeoffice geschickt. Jetzt gibt es für alle auch noch Laptops. Von einer Bekannten weiß ich, dass sie mit dem Argument, das es keine Firmenlaptops gibt, jeden Tag ins Büro kommen muss. Auch sie könnte problemlos von zu Hause arbeiten. Mir fehlt da wirklich das Verständnis, dass man seine Mitarbeiter, für die der Arbeitgeber ja eine Fürsorgepflicht hat, Gefahren aussetzt, die vermieden werden können. Hat für mich auch etwas mit Work-Life-Balance zu tun – es geht um die Gesundheit. Leider gehen viele Arbeitgeber mit solchen Begriffen hausieren, ohne auch nur ansatzweise etwas davon umzusetzen.

Bärbel Hannemann

Das darf nicht der Staat entscheiden

Mein Arbeitgeber ermöglicht Homeoffice problemlos. Ich will dies aber nicht in Anspruch nehmen, da es zu Hause keinen vernünftigen Arbeitsplatz gibt. Nach einem Tag Homeoffice bekomme ich wahnsinnige Rückenschmerzen.

Dies ist auch kein Einzelfall. Die meisten Leute haben keinen Platz für einen Arbeitstisch. Auch das Thema Cybersecurity sehe ich als extrem wichtig an. Es können sich nicht alle Firmen gewisse Standards leisten und innerhalb kurzer Zeit implementieren.

Wir müssen nicht alles über den Staat regeln. Auch in der Corona-Pandemie muss man dies den Firmen überlassen, vorausgesetzt die Firmen können gewisse Hygienestandards einhalten. Die Firmen kennen ihre Abläufe besser und können entscheiden, ob Homeoffice Sinn ergibt oder nicht. Das ist keine Entscheidung, die ein Staat treffen darf.

Marcus R.

Rollback nach Corona 

Ich darf zwar aktuell das »Privileg« (denn auch in unserer Firma wird das so gesehen) genießen, komplett von zu Hause aus zu arbeiten, aber »das kann sich nach Corona auch wieder ändern«. Wieso, ist mir schleierhaft, weil ich bereits seit über vier Jahren feste Homeoffice-Tage habe, seit letztem Jahr zu fast 95 Prozent im Homeoffice arbeite und nicht ein Mal ein Projekt verzögert abgegeben habe.

(Name der Redaktion bekannt)

Berlin-Mitte ist leer

Meine Lebenswirklichkeit in Berlin-Mitte: Es ist wirklich leer, nicht ganz so gespenstisch wie letztes Jahr, aber die kompletten Büros bei uns sind fast komplett leer. Ich kenne auch keine Firmen in meinem Umfeld, die ihre Mitarbeiter zwingen. Die U-Bahnen sind fast leer, Straßen auch ziemlich. Wirklich jeder andere Unternehmer, den ich kenne, ermöglicht Homeoffice – wenn es geht!

1000 Euro Homeoffice-Bonus pro Mitarbeiter, wie sie es beschreiben, kann eine erfolgreiche Tech-Bude, je nach Entwicklungsstand, sicher aus der Portokasse zahlen, viele andere Firmen aber nicht. Und von den Mühen der langsamen Anbindung müssen wir nicht sprechen, das ist eine Katastrophe, jede Videokonferenz wird in meinem Homeoffice mindestens einmal durch einen WLAN-Ausfall unterbrochen.

Nicht falsch verstehen: Ich folge Ihrer Argumentation über die gestrigen und schwachen sogenannten Führungskräfte. Bei mir darf natürlich jeder ins Homeoffice, der will und der kann. Aber von Ihnen hätte ich ein bisschen mehr Recherche und Differenzierung erwartet.

(Name der Redaktion bekannt)

Homeoffice kostet den Anspruch auf Notbetreuung

Als Arbeitnehmer und Vater eines Kitakindes und eines 15-Jährigen arbeite ich lieber in der Firma als zu Hause im Homeoffice! Sie sollten mal darüber nachdenken, was das konkret bedeutet, wenn eine vierköpfige Familie das Recht auf die Notbetreuung in der Kita verliert, weil ja beide Eltern »zu Hause sind«. Meine Frau ist schon im Homeoffice, der Große macht mehr schlecht als recht Homeschooling, der Kleine kann sich Gott sei Dank noch in der Kita austoben. Man kann nicht mit einem Kleinkind spielen und gleichzeitig arbeiten. Die sieben Wochen im letzten Frühjahr ohne Notbetreuung waren für die ganze Familie der blanke Horror!

Wolfram Heinz

Keiner hat Kollegen infiziert

Mozilla ist kein mittelständisches Unternehmen im ländlichen Oberfranken. Was dort funktioniert, muss nicht hier funktionieren.

Bei uns dürften alle aus der Verwaltung ins Homeoffice, viele wollen gar nicht. Das ist die Lektion aus dem Frühjahr. Keine Ruhe zum Arbeiten, zu viele Störfaktoren. Keine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben. Zumal vieles eben nicht oder noch nicht digital ist. Fertigungspapiere sind bei uns noch immer Papiere.

Hier im Unternehmen hatten wir noch keine Infektion. Bei gut 400 Mitarbeitern, die vor Ort sind. Mittlerweile hatten wir zehn Coronafälle, keiner hat Kollegen infiziert. Unsere Maßnahmen funktionieren!

Fabian im SPIEGEL-Forum

Der Arbeitgeber verbreitet lieber Angst

Ich arbeite bei einem mittelständischen Unternehmen im Münchner Speckgürtel. Der Aufwand, der betrieben wird, um das mobile Arbeiten der Arbeitnehmer zu verhindern, ist beachtlich.

Während des ersten Shutdowns im vergangenen Jahr hat die Belegschaft in unserer Verwaltung von heute auf morgen zu 95 Prozent drei Monate lang durchgehend von zu Hause aus gearbeitet und die Firma ist nicht untergegangen. Woran es jetzt plötzlich scheitern soll, entzieht sich meiner Kenntnis.

Als vergangene Woche die Homeoffice-Regelung verschärft wurde, hieß es sinngemäß, dass nun das unternehmerische Handeln durch die Bundesregierung sehr stark eingeschränkt würde und somit auch ab jetzt Kurzarbeit ein Thema wäre. Typisch deutsch: Machen wir dem Arbeitnehmer jetzt mal ein bisschen Angst um seinen Arbeitsplatz, das zieht in der Krise mit Sicherheit.

Nutzer »Norddeich« im SPIEGEL-Forum

Nicht immer liegt es am Chef

Ich habe einen Arbeitgeber, der alle Mitarbeiter mit technischem Equipment ausstattet und das Homeoffice schon seit Jahren ermöglicht. Die absurde Diskussion um die Tischhöhe kommt vom Betriebsrat, der das Thema Arbeitsschutz wie eine Monstranz vor sich herträgt. Die absurde Diskussion um eine Beteiligung des Arbeitgebers an Stromkosten, Essenskosten und Ähnlichem kommt von den Mitarbeitern und wird über den Betriebsrat an die Geschäftsleitung transportiert. Dann gibt es noch die Kollegen*innen, die krampfhaft nach absurden Argumenten suchen, um ins Büro zu kommen. Es fehlt im Homeoffice halt schlicht der ausgiebige Ratsch und Tratsch.

Bitte nicht immer nur Feindbilder pflegen. Es gibt durchaus Arbeitgeber, die gegen die Widerstände der Mitarbeiter Homeoffice ermöglichen.

Hans-Peter im SPIEGEL-Forum

mamk
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