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Test: Wie gut ist digitale Kinderbetreuung? Sing mit der Nanny im Videochat

Einige Unternehmen bieten Kinderbespaßung per Videoschalte, damit Mitarbeiter im Homeoffice weiterarbeiten können. Ist das auch nach der Pandemie eine Option? Unser Autor hat den Praxistest gemacht.
Kinder vorm Bildschirm: Betreuer statt Trickserie

Kinder vorm Bildschirm: Betreuer statt Trickserie

Foto: Cavan Images / DEEPOL / plainpicture

Heute ist unser Erstkontakt. Das Tablet ist aufgestellt, Tobi sitzt auf meinem Schoß, ich gebe den Link in die Browserzeile ein, den ich geschickt bekommen habe. Wenig Sekunden später blicken wir in ein halbes Dutzend deutsche Wohnungen, in denen andere Eltern mit Kind sitzen. Hochglanzweiße Esstische, Kinderzimmer in Fichtenfurnier, eine Schrankwand Eiche rustikal.

Nur in einem Fenster sitzt jemand ohne Kind: Pablo, ein lächelnder Mittzwanziger mit Hipstervollbart. Er soll erklären, wie die digitale Kinderbetreuung seiner Firma Voiio technisch funktioniert. Wo man mit einem Speedtest die Internetverbindung testen kann, wo der Mute-Knopf bei Google Meet zu finden ist – ganz wichtig, auch die Kinder sollen wissen, wie sie ihr Mikrofon ausstellen. Tobi, fünf Jahre alt, quengelt auf meinem Schoß. Der Spaß kommt noch, verspreche ich.

Viele Familien stürzte die Pandemie ins Chaos. Über Nacht saßen plötzlich alle zu Hause: die Eltern im Homeoffice, die Kinder, teils im Fernunterricht, nur ein paar Meter vom Homeoffice entfernt.

Nicht schon wieder »Paw Patrol«

Mancher Vater, manche Mutter ging auf dem Zahnfleisch: Sie wollten konzentriert arbeiten und zugleich die Kinder in Schach halten – von Fördern oder Anleiten ganz zu schweigen. Es schlug die Stunde von Betreuungsanbietern wie Voiio, KidsCircle oder Notfallmamas.

Die Idee: pädagogisch wertvolle Videokonferenzen für die Kleinen. Ihre Eltern haben so lange Zeit für ein Meeting oder eine besonders konzentrierte Tätigkeit. Und müssen dafür nicht schon wieder »Paw Patrol« oder »Lego Star Wars« streamen – der passive Videokonsum nahm in der Zeit eh überhand.

Montag, 11 Uhr, Tobis erste richtige Sitzung, eine Woche zuvor gebucht. Tobis Betreuerin heißt Ella und ist von entwaffnender Freundlichkeit. Eigentlich lautet die Überschrift »Singen und Tanzen«, Tobi hält ein paar Star-Wars-Figuren in die Kamera und macht »piu-piu!«. Ella und Tobi haben Glück: Er ist das einzige Kind heute, bis zu acht sind möglich.

»Magst du Fische? Oder Pferde?«, fragt Ella. Tobi mag Tiger. »Und Chamäleons?« Joa, die sind zwar leider nicht böse, aber wenigstens interessant. Schließlich schafft es Ella, Tobi zum Tanzen zu bringen, beim Chamäleon-Lied. Dann ein Feuerwehr-Lied. »Lösche-di-lösch, schlauche-di-schlauch«, wird da zu Kindergarten-Techno gerappt.

Als Pandemie und Shutdown losgingen, war jede Hilfe recht. Voiio, KidsCircle und Notfallmamas gab es schon vorher, das stundenweise digitale Betreuungsangebot haben sie im Frühjahr 2020 dann ganz schnell für die Coronazeit auf die Beine gestellt. »Wir haben selbst gemerkt, dass der Bedarf da ist. Bei Voiio mussten unsere 40 Mitarbeiter ja auch ins Homeoffice«, erklärt Mitgründerin Kerstin Michels.

Digitale Kinderbetreuung – weitere Anbieter

KidsCircle aus Berlin startete 2020 und musste seine Idee einer wohnortnahen Kinderbetreuung ganz schnell digitalisieren. Anders als bei Voiio richten sich die Angebote nicht nur an Arbeitgeber, Eltern können die Betreuung auch direkt buchen und zahlen dann Stundenpreise ab 16 Euro.

Die Notfallmamas gibt es seit über sieben Jahren als Notfallbetreuung in großen Städten. In der Pandemie kam digitale Betreuung hinzu, die nun auch fortgeführt wird. Das Angebot richtet sich primär an Arbeitgeber oder auch Berufsverbände als Vertragspartner. Zum Beispiel ist die Stiftungsfamilie Kunde, ein Sozialwerk für Bahnbeschäftigte.

Die ursprüngliche Idee bei der Gründung 2018 war eine Ferienbetreuung, und zwar ganz analog in einzelnen Städten: Englisch, Fußballcamps, Drohnenbau. Voiio recherchiert und prüft bestehende Ferienangebote, vereinbart dann Kontingente, spezielle Randzeitenbetreuungen und Rabatte. Kinderbetreuung als Leistung des Arbeitgebers, um vor allem Eltern in der Belegschaft zu unterstützen und so für gefragte Fachkräfte attraktiv zu sein. Die einstündigen Betreuungsblöcke vorm Bildschirm, die nun hinzukamen, sind genauso gedacht. Dabei zahlen jedoch nicht die Eltern, sondern immer ihre Arbeitgeber. Zu den Voiio-Kunden gehören unter anderem Otto, Henkel oder die Provinzial Versicherung.

»Na, wie findest du es, Tobi?« Tobi schmettert als Antwort das Chamäleon-Lied. Ella und er haben auch zusammen gemalt. »Aber Ella weiß nicht, welche Farbe die Lichtschwerter der Sith haben«, ist er ein wenig enttäuscht. Ob wir die Onlinebetreuung weiter testen sollen, frage ich ihn. »Au ja!«

Nächster Termin, gleich am Dienstag. Ich habe eineinhalb Stunden gebucht. So was geht auch kurzfristig von einem Tag auf den anderen, für Notfälle, dann ohne festes Thema. Auf dem Bildschirm erscheint – Valerie, nicht Ella. Tobi verschwindet unter dem Tisch. Valerie lädt ihn immer wieder ins Gespräch ein, aber es dauert gut fünf Minuten, bis sie ihn zu Gesicht bekommt.

Kann ich die beiden allein lassen? Termin, ich muss. Später lausche ich an der Tür. Valerie liest Piratengeschichten vor und hat alle Lieblingsspielzeuge gezeigt bekommen.

Werden solche Angebote auch nach der Pandemie funktionieren? Schulen und Kitas öffnen wieder, viele Arbeitnehmer kehren in die Firmen zurück. »Wir werden sicher den Stundenplan umstellen müssen, die Zahl der Betreuungen wird zurückgehen«, sagt Michels. »Aber es wird mehr Homeoffice geben als früher, und noch immer haben Eltern Probleme mit der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf. Aus eigenen Umfragen bei unseren Nutzern wissen wir, dass acht von zehn Eltern virtuelle Betreuungsangebote auch nach der Krise nutzen möchten.«

Bei den Notfallmamas schlägt sich die Umstellung bereits auf der Website nieder. Die Firma ist seit Jahren im Geschäft und schickt Betreuerinnen zu den Familien nach Hause, wenn ein Kind nicht in die Kita kann und Mama oder Papa unabkömmlich sind. Das Angebot beschränkt sich auf sieben große Städte, etwa Berlin, München, Hamburg. Auch hier kam Onlinebetreuung im vorigen Frühjahr bundesweit dazu, jetzt, so eine Ankündigung, wird eine Hausaufgabenbetreuung per Videochat angeboten.

Eine Woche später, diesmal ist der Bildschirm voller Kinder. Die Betreuerin kommt kaum dazu, ihre Geschichten vorzulesen. Der Appell, die Mikrofone auszuschalten, wenn man nicht spricht, fruchtet nicht. Auch da nicht, wo Eltern mit dabei sind. Tobi ist das egal, er will sowieso nicht reden, nicht mal sein Lieblingstier verraten. An den Namen der Betreuerin wird er sich später nicht erinnern.

Die Gründer von Voiio, Holger Klinger (links), Kerstin Michels, Björn Wind

Die Gründer von Voiio, Holger Klinger (links), Kerstin Michels, Björn Wind

Foto: Voiio

Seine Lustlosigkeit hat nicht allein mit der großen Gruppe zu tun. Tags zuvor war nur ein weiteres Kind dabei, ein Mädchen in Tobis Alter. Aber als Annabel, die Betreuerin, ihn nach seinem Namen fragte, erklärte er den zum Geheimnis. Später taute er doch noch auf und spielte Annabel und dem Mädchen laut Santiano-CDs vor.

Ich frage später Kerstin Michels, warum die Betreuer so oft wechseln – bei sechs Terminen hat Tobi fünf neue Erwachsene kennengelernt. Ganz schön viel.

Michels erklärt, dass kein Kind bei einer Buchung abgewiesen werde. Wird ein Angebot stark nachgefragt, werden so viele Parallelkurse aufgemacht, dass die Acht-Kinder-Begrenzung eingehalten wird. Aber natürlich sind nicht alle Betreuer immer verfügbar und könnten auch nicht immer den gleichen Kindern zugeordnet werden.

Die Betreuer seien ausschließlich Lehramtsstudenten und Referendarinnen, erklärt Michels, allesamt externe Mitarbeiter, die ausführlich vorbereitet würden. Manche hätten bereits bei Feriencamps mitgearbeitet.

Donnerstagnachmittag, auf diesen Kurs haben wir uns gefreut: »Musik mit Dosen« ist das Thema, auf Tobis Tisch liegt allerhand Zeug zum Krachmachen, dazu Kleber, Pappe und Bastelschere, wie in der Kursbeschreibung empfohlen. Es sind vier andere Kinder im Call, das geht ganz schön durcheinander. Und das Timing beim Klappern funktioniert mit Google Meet auch nicht, jeder lärmt, wann er meint. Andererseits: Das wäre in der Kita auch so.

Doch daran liegt es nicht, dass Tobi aussteigt. Er möchte sich nicht schon wieder Fremden vorstellen, er möchte nicht mit der Betreuerin sprechen, es ist abermals eine neue. Auch bei den Kindern: niemand, den er kennt, auf den er sich freuen könnte. Während ich ein Zimmer weiter arbeite, hat er irgendwann genug. Er schaltet das Tablet aus, grußlos.

»Vielleicht ist ja Ella wieder dabei«

Einerseits ärgert mich das, andererseits kann ich ihn verstehen. Später denke ich mir: Wie soll so bei älteren Kindern eine Hausaufgabenbetreuung funktionieren?

Also, sind solche Angebote etwas für normale Zeiten, ganz ohne Pandemie?

Sicher, es wird Kinder geben, die mit den häufigen Betreuerwechseln besser zurechtkommen. Vor allem ältere Kinder dürften da flexibler sein, für Schulkinder bietet Voiio zudem inhaltlich die vielfältigeren Angebote: kreativer Schreibklub, Programmieren, Kunstepochen oder Nachhilfe in diversen Schulfächern.

Für eine dauerhafte Betreuung eignet sich all das eher nicht. Die Macher selbst raten dazu, für die Kinder nicht mehr als ein bis zwei Stunden am Stück zu planen, danach sei freies Spiel und Bewegung nötig. Eine Woche lang für die kranken Kleinen einfach den Rechner anstellen und zur Arbeit gehen, das funktioniert nicht. Aber in Notfällen, bei dringenden Terminen etwa, kann digitale Kinderbetreuung eine echte Hilfe sein. Am besten dürfte es laufen mit einem Elternteil im Homeoffice.

Ende vergangenen Jahres fragten das Ifo-Institut und Randstad 1000 deutsche Personalleiter unter anderem, wie sie ihre Mitarbeiter in der Pandemie unterstützt haben. 29 Prozent haben digitale Betreuungsangebote gemacht, aber nur fünf Prozent sagen, dass diese auch genutzt wurden. Die Anbieter nehmen solche Zahlen sportlich: Da ist noch Luft nach oben.

Es kann auch funktionieren. In der letzten Woche unseres kleinen Tests frage ich Tobi, was ich für ihn buchen soll. »Musik und Tanz, Papa! Vielleicht ist ja wieder Ella dabei.«

Für den Zeitraum des Tests hat Voiio dem SPIEGEL einen Probeaccount kostenfrei zur Verfügung gestellt, wie ihn auch potenzielle Kunden angeboten bekommen. Die Berichterstattung erfolgt davon unabhängig.