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Deutscher in Hongkong: "Wie in der Truman-Show"

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Deutscher in Hongkong Zuhause im Resort

Maximilian Weisshuhn, 48, lebt auf Lantau, einer der vielen Inseln Hongkongs. Das Golfcart parkt an der Straße, der Strand liegt vor der Tür, die Nanny lebt im Haus. Nur seinen Job darf der Deutsche nicht verlieren.

"Ich lebe in Hongkong, genauer auf Lantau, einer der vielen Inseln dort. Mit meiner Frau und unserer Tochter wohne ich im 19. Stock mit Blick aufs Meer. Unser Apartment gehört zu einer Resortanlage aus einigen Hochhäusern. Autos sind in der Siedlung nicht erlaubt, nur Golfcarts. Ich habe auch eins.

Hier wohnen viele Familien. Wir treffen uns unten am Pool, im Countryklub zum Tennis oder abends auf einen Drink an der Uferpromenade. Das Leben ist gemütlich, ruhig und ohne Hektik, aber irgendwie auch künstlich. Manchmal fühle ich mich wie in der Truman Show.

Hongkong ist eigentlich ganz anders. Das Stadtzentrum ist laut und dicht besiedelt, überall nur Hochhäuser. Von Lantau brauchen wir dorthin 20 Minuten mit der Fähre.

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Deutscher in Hongkong: "Wie in der Truman-Show"

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Ich bin Pilot und habe davor in Berlin, Hamburg, Köln, London und Paris gelebt, aufgewachsen bin ich in Bayern. Als mein Arbeitgeber, eine asiatische Airline, vor sechseinhalb Jahren den Standort in Paris schloss, hatte ich nur die Wahl, an den Firmensitz nach Hongkong zu wechseln oder mir einen anderen Job zu suchen. Die Stadt kannte ich schon von kurzen Aufenthalten, das konnte ich mir vorstellen. Schwierig für mich war nur, dass mein Sohn in London bei seiner Mutter lebt. Ich hatte die Sorge, ihn nicht oft genug zu sehen.

Im Nachhinein bereue ich den Schritt nicht. Meinen Sohn treffe ich mindestens einmal im Monat. Ich fliege Kurz- und Langstrecken in der ganzen Welt. Falls mein Dienstplan mal keinen Stopp in London vorsieht, nutze ich dafür meine freien Tage. Die Flüge sind für mich ja günstig. Dass Piloten heute in Asien oder den Golfstaaten stationiert sind, ist nicht ungewöhnlich, weil dort viele Airlines sitzen.

Als ich nach Hongkong kam, kannte ich niemanden, aber das änderte sich schnell. Hier ist es leicht, Leute kennenzulernen, weil es so viele Expats gibt. Einmal saß ich mit zehn Personen am Tisch, und wir stellten fest, dass wir aus zehn verschiedenen Ländern kommen. Das hat mich damals sehr überrascht, inzwischen ist das für mich völlig normal.

Meine Freunde kommen aus Neuseeland, Japan, Amerika, Indien und Südafrika. Über eine Freundin kenne ich ein paar Deutsche. Nur zu den Einheimischen habe ich kaum Kontakt. Ich spreche so schlecht Chinesisch, das ist schon fast peinlich. Ich kann gerade mal dem Taxifahrer sagen, ob er links oder rechts fahren muss. Eigentlich geht auch alles auf Englisch. Hongkong war ja lange britische Kolonie, deshalb ist Englisch immer noch Amtssprache.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

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Das Leben spielt sich draußen ab, die subtropischen Temperaturen machen es möglich. Ich bin anfangs viel durch die Stadt spaziert, war auf Märkten und jeden Abend essen. Das internationale Flair merkt man auch bei den Restaurants: Da ist in einer Straße eine kleine Suppenküche und 20 Meter weiter ein exklusives französisches Sternelokal. Die Leute gehen oft essen, einfach weil die Wohnungen so klein sind.

Ich habe das erste Jahr in einem möblierten Apartment gelebt. Das war vielleicht 40 Quadratmeter groß und hat trotzdem 9000 US-Dollar pro Monat gekostet. Mein Arbeitgeber übernahm die Mietkosten und zahlt jetzt die Raten für die Wohnung, sonst würde sich das nicht rechnen.

Meine jetzige Frau habe ich bei der Arbeit kennengelernt. Sie kommt aus Taiwan und

ist Stewardess - voll das Klischee, ich weiß. Inzwischen haben wir eine Tochter, sie ist zwei Jahre alt. Seit sie auf der Welt ist, wohnt Mercy bei uns, eine philippinische Nanny. Sie hat ein eigenes Zimmer in unserer Wohnung.

Ich habe mich schnell an die Freiheit gewöhnt, dass wir trotz Kleinkind jederzeit das Haus verlassen können. Wir arbeiten beide, ständig ist einer nicht da. Bei unseren Jobs wäre das ohne Kindermädchen nur schwer möglich.

Natürlich war ich mir am Anfang unsicher, ob so etwas wirklich in Ordnung ist - und bin es manchmal immer noch. Es gab große Diskussionen mit Freunden in Europa, das sei unmoralisch und Ausbeutung, sagten sie. Aber in Hongkong ist das eben so üblich. Hier leben Zehntausende solcher Haushaltshilfen, vor allem von den Philippinen und aus Indonesien. Es gibt sogar Standard-Arbeitsverträge für sie. Die Verträge laufen über zwei Jahre, während dieser Zeit ist eigentlich nur ein Heimflug vorgesehen.

Mercy kann viermal im Jahr für etwa eine Woche auf die Philippinen fliegen. Sie hat dort eine achtjährige Tochter, ihr Mann betreibt einen kleinen Laden. Mit der Arbeit bei uns finanziert sie die Familie und zahlt das Schulgeld für zwei Nichten. Wie sich das für sie anfühlt, weiß ich nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie damit gut zurechtkommt.

Im Video: Hongkongs grüne Inseln

NDR

Ich selbst habe übrigens auch keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Ich muss alle zwölf Monate aufs Amt und mir einen neuen Stempel holen. Sollte ich meinen Job verlieren, kann ich nicht bleiben. In Hongkong herrscht knallharter Turbo-Kapitalismus. Die Gehälter sind zwar lukrativ, aber es ist eben riskant. So etwas wie Gewerkschaften oder Arbeitslosengeld gibt es nicht.

Dafür ist hier alles effizient. Das gefällt mir. Den Termin für den Stempel auf dem Amt mache ich online, und dort dauert es dann nur fünf Minuten. Die Bahnen fahren alle pünktlich und sind sauber. Wenn ich am Sonntagnachmittag einen Klempner brauche, rufe ich einen an, und der ist in einer halben Stunde da.

Was ich dagegen vermisse, sind Theaterbesuche und Konzerte. Das versuche ich in Berlin und London so oft wie möglich zu machen. Nach Hongkong kommt höchstens mal eine Musical-Produktion. Und ein Spaziergang im Wald mit dem Geruch von feuchtem Moos in der Nase, das ist leider auch nicht möglich. Dafür kann ich direkt vor der Haustür zum Kite-Surfen."

Kulturschock
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