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Hausmeister Noll: "Dabei sind die doch alle erwachsen"

Foto: Pia Lenz/ NDR

Kameraüberwacher im sozialen Brennpunkt "Ich passe auf alle auf!"

Wie viel Kontrolle verträgt die Freiheit? Klaus Noll kann die Bewohner der Hochhaussiedlung Hudekamp per Kamera bis in den Fahrstuhl verfolgen. Die Überwachung ist bei vielen verhasst, doch Noll, den großen Bruder am Monitor - ihn mögen die Mieter.

Pünktlich um 6 Uhr schaltet Klaus Noll jeden Morgen seinen Computer an und raucht die erste Zigarette. Draußen dämmert es langsam. Sein Arbeitsplatz ist ein winziger Raum im Erdgeschoss von Block 1-3 im Lübecker Hudekamp. Vor ihm auf dem Tisch stehen sechs Monitore, auf denen die Bilder von 20 Überwachungskameras zu sehen sind. "Erst mal gucken, was heute Nacht so los war", sagt Noll.

Die Kameras laufen Tag und Nacht, sie zeichnen alles auf, was in den Fluren, Fahrstühlen und vor den Häusern passiert. Wenn morgens eine Lampe kaputt ist oder eine Tür, dann spult Hausmeister Klaus Noll bis zu der Stelle im Videomaterial zurück, an der sie noch funktionierte. "Dann weiß ich bei wem ich klingeln muss", sagt Noll.

Als Klaus Noll vor neun Jahren als Hausmeister in das berüchtigte Viertel kam, war sein Job noch lebensgefährlich. Beim Müllsammeln ist er einmal fast von einem Aquarium erschlagen worden. "Ich hörte einen lauten Knall und dachte: Jetzt ist alles aus", erzählt Noll. Nur zwei Schritte neben ihm war ein 60-Liter-Aquarium aus dem zwölften Stock auf dem Boden zerschellt. Ein Bewohner hatte das Becken in einem Wutanfall aus dem Fenster gestoßen.

"Traurig, eigentlich sind die doch alt genug"

Das Viertel im Südwesten Lübecks war einst als gutbürgerliche Siedlung geplant. Doch Ende der neunziger Jahre zogen Drogendealer und Kriminelle ein. Und alle, die man andernorts nicht mehr haben wollte. Hudekamp wurde zum Symbol miserabler Stadtplanung und zum größten sozialen Brennpunkt Norddeutschlands. Gesellschaftliche Durchmischung? Fehlanzeige. Langjährige Bewohner erzählen: Die Wände in den Fluren seien mit Blut beschmiert gewesen und auf jeder Etage hätten Bewohner und Gäste andere Drogen kaufen können. Regelmäßig habe es Feuer in den Kellerräumen gegeben. Zahlreiche Gewaltdelikte haben das Viertel über die Grenzen Lübecks bekanntgemacht.

Heute ist es ruhiger geworden. "Hudekamp ist wie ein kleines Dorf und ich passe auf alle auf", sagt Hausmeister Noll. Der neue Großeigentümer ließ vor sieben Jahren die Überwachungskameras in seinen Objekten installieren. Den meisten passte das nicht. "Ich habe mich am Anfang ständig beobachtet gefühlt", erzählt Annemie R. Sie wohnt seit fast 30 Jahren im Hudekamp. "Das komische Gefühl bleibt, aber die Kameras vergisst man irgendwann", sagt sie. Die Clique von Fedat, der im Nachbarhaus wohnt, kann die Kameras nicht vergessen. Die Jungs treffen sich abends immer um die Ecke des Hauses, hinter dem alten Fußballplatz. "Man muss sich seine Privatsphäre ja irgendwie erhalten", sagt Fedat. "Es geht niemanden etwas an, mit wem wir uns abends treffen."

"Erst fand ich es schon traurig, dass man auf Leute aufpassen muss, obwohl sie eigentlich alt genug sind", erzählt Hausmeister Noll. Aber heute seien die meisten froh, dass sie wieder ohne Angst durch das Viertel laufen könnten.

Vor allem die Sorgenkinder hat er im Blick

Wie viel Überwachung macht das Leben wirklich sicherer? Und wie viel Freiheit darf man dafür opfern? Für die Flure des Hudekamp sind diese brandaktuellen Fragen vorerst entschieden. Hier zählt die allgemeine Sicherheit mehr als die Privatsphäre des Einzelnen. Im Bundesland Bayern sind 17.000 digitale Videokameras an öffentlichen Plätzen installiert, in Hamburg sind es schon 10.000. Wenigstens der Eingang zum eigenen Zuhause war bislang kamerafrei, das ist im Hudekamp anders.

Klaus Noll zündet sich wieder eine Zigarette an. Um kurz nach 7 Uhr holt Frau G. ihre "Lübecker Nachrichten" aus ihrem Briefkasten - unten in Block 1-3. Wenn sie das mal nicht tut, dann klingelt er im Laufe des Tages an ihrer Tür. "Es könnte ja was passiert sein", sagt er. Knapp 700 Menschen wohnen in den Wohnblocks, die Noll überwacht. Er kennt jede Familie mit Namen, Lebensgeschichte und Sorgen. "Ich bekomme ja alles mit und die kommen mit ihren Problemen auch zu mir", sagt Noll. Oft fährt Noll für die alten Leute zum Einkaufen, kümmert sich um Probleme in den Wohnungen oder er hört einfach zu.

Kurz nach 7.30 Uhr quetschen sich Hunderte Schulkinder in die engen Fahrstühle des Hochhausblocks. "Das da ist Ibo, der bringt jeden Morgen vor der Schule noch seine kleine Schwester in den Kindergarten", erzählt Noll und zeigt dabei mit dem Finger auf einen der Bildschirme. Die Luft in seinem Kabuff ist stickig vom Rauch. "Ein ganz toller Junge, hoffentlich bleibt das auch so", sagt Noll. Er wird es beobachten.

Die Kameras hängen im Leben der Menschen

Kriminalität und Vandalismus haben sich im Hudekamp durch die Überwachungskameras deutlich verringert. Wenn trotzdem etwas passiert, gibt Noll der Polizei Hinweise. Oft schon konnte das Videomaterial Täter überführen oder den Aufenthaltsort verraten.

Plötzlich rüttelt es laut an der Tür. Ein großer, schlaksiger Mann kommt herein. Er ist ein Bewohner aus dem 13. Stock. "Klaus, du musst mir unbedingt helfen", sagt er in langgezogenen Worten. Seine Medikamente seien geklaut worden. "Du musst nachschauen wer das war, ich bin sonst auf Entzug", sagt der Hausbewohner. Noll beruhigt ihn. Klickt sich durch die Videoaufnahmen des gesamten Vormittags und findet schließlich den Schuldigen. Ein Bekannter, später wird er ihn zur Rede stellen. "Eins musst du mir versprechen, hört auf mit den scheiß Drogen", sagt Noll. "Ja, ich weiß", sagt der Mann und taumelt zurück durch den Flur.

Die Kameras hängen im Leben der Menschen im Hudekamp. Sie fühlen sich bespannt, und überwacht, einerseits. Andererseits ist Klaus Noll Teil ihres Lebens geworden. "Ohne Klaus würde hier gar nichts klappen", sagt der Mann aus Stock 13. Er steigt in den Fahrstuhl, schaut nach oben und zieht eine breite Grimasse in die Kamera.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Kameraüberwachung in den Hudekamp-Hochäusern reiche bis zur Wohnungstür, tatsächlich reicht sie bis in die Aufzüge. Der Fehler wurde korrigiert, wir bitten um Entschuldigung.

Foto: Michael Wagenhäuser

Pia-Luisa Lenz (Jahrgang 1986) ist freie Journalistin in Hamburg. Für den NDR hat sie zusammen mit Christian von Brockhausen die Dokumentation "Hudekamp - ein Heimatfilm" gedreht.

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